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Motorradtour : Jetzt mal ganz gemach

Weshalb nicht einfach eigene Mythen schaffen? Wer die deutschen Mittelgebirge vor der Haustür hat, braucht keine amerikanischen Highways. Bild: Freddy Langer

Frankfurt verlassen in vier Himmelsrichtungen oder Wie sich mit einem geliehenen Motorrad der Sommer vertreiben lässt.

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          1. TAG – Nach Norden

          Manchmal kreischt der Anlasser der Royal Enfield ins Leere. Es ist ein kurzer, hoher Schrei, in dessen deutlich formuliertes „Autsch“ sich ein Hauch von Wut mischt, als verbitte sich das Motorrad das gleichzeitige Fummeln am Anlasser und an dem Gasgriff. Es klingt trotzig und zugleich ein wenig traurig darüber, dass man offenbar schon wieder vergessen hat, was einem der Motor während der Fahrt in seinem Blubbern doch unentwegt zubrummelt, selbst bei allerhöchsten Drehzahlen, nämlich: „Gemach, gemach, gemach.“

          Eine Royal Enfield zu fahren ist wie ein Erziehungskursus in Gemütlichkeit. „Wir fahren ja gleich“, verspricht sie ohne große Worte und springt mit einem tiefen Wummern an. Und während ich entspannt durch die Dreißiger-Zone rolle, raunt mir der untertourig stampfende Zylinder zu: „Geht doch, geht doch, geht doch.“ Auf der Tafel der Geschwindigkeitskontrolle vor dem Eingang zu einer Schule addieren sich grüne Punkte zu einem lächelnden Gesicht.

          Nach Norden, zu Städten und Städtchen, die im Maßstab eins zu sechshundertausend kaum mehr als jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt zu liegen scheinen. Die Karte soll zu Hause bleiben, das Navi in der Hosentasche. Den Weg werden die Beschilderungen weisen: Bad Homburg, Usingen, Grävenwiesbach, dann Weilburg und Braunfels. So sage ich mir unterwegs die Reihenfolge auf. Später Wetzlar, Gießen und Alsfeld. Und noch später Lauterbach, Ortenberg und Büdingen, von wo aus der Weg zurück nach Frankfurt an der Bundesstraße ausgeschildert ist.

          Sind Motorradfahrer nicht die Ritter von heute? Kurze Pause unterhalb der Burg Braunfels.
          Sind Motorradfahrer nicht die Ritter von heute? Kurze Pause unterhalb der Burg Braunfels. : Bild: Freddy Langer

          Manche Straßen, vor allem die schmalen, leeren, kurvigen, haben vierstellige Kennziffern. Und manche Orte, besonders die ganz kleinen, solch lange Namen, dass man fast schon hindurchgefahren ist, bevor man sie vollends ausgesprochen hat: Waldsolms-Hasselbach etwa oder Weilmünster-Dietenhausen. Das klingt bisweilen verlockend und verführt zum Abbiegen. Aber das eigentliche Versprechen bei einer Motorradtour liegt selbst auf der Deutschen Fachwerkstraße, der Deutschen Märchenstraße – und wie die touristischen Routen zwischen diesen hessischen Städtchen sonst noch heißen – nicht in den Orten, sondern immer ganz weit voraus und formuliert sich stets dann schönsten, wenn sich der Blick öffnet, so wie gleich hinter Nieder-Eschbach, dort, wo Frankfurt endet und die Straße eine enge Kurve durch eine Hohl nimmt, leicht bergauf führt und von einem Augenblick zum anderen die Umgebung leer wird und weit und sich erst in der Ferne über abgeernteten Feldern der Taunus ausstreckt unter einem blauen, kühlen Morgenhimmel. Mit einem Mal riecht es nach Landwirtschaft, und der Fahrtwind streichelt dazu die Wangen. Es ist anders, die Stadt mit einem Motorrad über kleine Straßen zu verlassen als mit dem Wagen über die Autobahn.

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