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Segeln vor Kroatien : Eine Frage des Tiefgangs

  • -Aktualisiert am

Badestopp auf der MS „Macek“: Während die Crew das Mittagessen vorbereitet, springen die Passagiere ins Mittelmeer. Bild: Andreas Lesti

Kreuzfahrt ist nicht gleich Kreuzfahrt: auf einem Motorsegler durch die kroatische Inselwelt, weit weg von den großen Schiffen.

          4 Min.

          Dass diese Kreuzfahrt nicht das ist, was man für gewöhnlich unter einer Kreuzfahrt versteht, dass sie anders, kleiner und vermutlich auch persönlicher und sympathischer wird, das wird schon nach zehn Minuten unmissverständlich klar: Noch im Hafen von Rijeka tuckert die MS „Maček“ langsam an der „Mein Schiff 6“ vorbei, und das ist so, als streifte eine Sardine einen Blauwal. Dort ein träger dunkelblauer Koloss, fast 300 Meter lang, über 2500 Passagiere. Und hier unten ein wendiger Motorsegler, 35 Meter lang und 30 Passagiere. Das Einzige, was die Touristen der beiden ungleichen Schiffe vereint, ist das, was sie gebucht haben: eine Kreuzfahrt.

          Die Art und Weise jedoch könnte kaum unterschiedlicher sein. Während das Tui-Schiff zum Overtourism in Dubrovnik und Venedig beiträgt, nimmt die MS „Maček“, ein 15 Jahre alter eleganter Holz-Zweimaster mit Dieselmotorunterstützung, Kurs auf die Kornaten und schippert in den nächsten Tagen an den Inseln Krk, Cres, Lošinj, Rab und Pag vorbei, durch Wasserstraßen, die riesige Kreuzfahrtschiffe aufgrund ihres Tiefgangs nicht befahren dürfen – zu große Fische, die sich die Bäuche aufschlitzten, würden sie hindurchschwimmen. Die Kornaten und ihre verzweigten Inseln und Riffe, die weniger nach Adria als nach einem Ziel von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer klingen, sind für 300 Meter lange Schiffe erst recht tabu.

          Und auch an Bord der MS „Maček“ ist das andere Ende der Kreuzfahrtskala erreicht: Es gibt kein Entertainmentprogramm, keinen Pool, keine Wasserrutschen, keinen Minigolfplatz und kein Kino. Dafür gibt es das einschläfernde Surren der Dieselmotoren, das Plätschern der Bugwelle, das tiefblaue Meer und die Küsten, die auf Augenhöhe vorbeiziehen, während man in einer der Sonnenliegen auf dem Oberdeck döst. Dass es nichts gibt, was einen ablenken oder unruhig machen könnte, verstehen sogar sechs- bis achtjährige Kinder. Nach dem Frühstück, wenn Kapitän Kristian Gulić rund zwei Stunden zum ersten Badestopp fährt, schnappen sie sich, genau wie die Erwachsenen, ihre Bücher, legen sich damit auf eine Liege oder auf die Holzkisten auf dem Vorderdeck und vertiefen sich in die Lektüre. Es ist verblüffend! Gegen Mittag ankert die Crew in irgendeiner windgeschützten Bucht, lässt am Heck eine Leiter ins Wasser, und dann springen alle vergnügt ins türkisfarbene Wasser. Einfach so. Wer jemals auf einem Kreuzfahrtschiff war, der weiß, wie aufwendig es ist, dieses für einen Landgang zu verlassen und wieder zurückzukommen.

          Und täglich grüßt das Mittelmeer

          Die Jüngeren unter den doch schon etwas älteren Passagieren tauchen zu den klar sichtbaren Felsen am Meeresgrund, klettern wieder an Bord, springen wieder ins Wasser und schnorcheln dann zum Strand und zurück. Und während die Gäste im Wasser sind, kochen Dennis und Ivo in der kleinen Küche an Bord. Der Duft von angebratenen Zwiebeln weht übers Deck, und dann klingelt eine sehr analoge Glocke zum Mittagessen.

          Während in der Küche noch gespült wird und die Gäste im Speiseraum Kaffee trinken, fährt die MS „Maček“ weiter, wieder zwei oder drei Stunden, um dann in einem Hafen – Rab, Zadar oder Mali Lošinj – anzulegen, meistens in zentraler Position, so dass es zu den Restaurants, Cafés und Eisdielen nur ein paar Schritte sind. Und dieser Ablauf wird sich in dieser Woche so oder so ähnlich täglich wiederholen.

          Wo die MS "Macek" ankert, ist immer ein Wasserspielplatz in der Nähe.

          Als wir in Punat auf der Insel Krk anlegen, sind schon ziemlich viele andere Motoryachten da, und die MS „Maček“ muss in dritter Reihe anlegen. Das heißt, man kommt an Land, indem man über zwei andere Schiffe geht, und da merkt man dann doch, dass auch diese Art des Kreuzfahrttourismus sehr gefragt und warum der Schiffstyp seit Jahren unter dem Namen Neckermann-Kutter bekannt ist. Allein der Anbieter Riva Tours hat mittlerweile 28 Schiffe. Kristian wirkt selbst etwas genervt von den anderen Schiffen. Er hat wohl nicht so viele erwartet. „Ich versuche das immer zu vermeiden“, erzählt er in gutem Deutsch. Vor allem, wenn Dubrovnik auf der Reiseroute steht. „Dort sind zum Beispiel am Mittwoch nur wenige Schiffe, vielleicht nur zehn und nicht siebzig oder hundert wie am Freitag. Das macht keinen Spaß.“ Zum Glück habe er einen gewissen Freiraum in der Hafenwahl, und auch die angesteuerten Badebuchten variieren. „Wir ankern immer dort, wo es wenig andere Schiffe und wenig Wind gibt.“

          Der Kapitän kennt seinen Tiefgang

          Und so vergehen Tag zwei und drei, und am vierten Tag weiß man schon nicht mehr, welcher Wochentag ist, und spürt, wie erholend die Absenz von Aktionismus wirken kann. Lesen, Karten spielen, Kaffee trinken, baden, essen, schlafen, lesen, mit der Crew plaudern und den Zitronenfaltern dabei zusehen, wie sie über das grünblaue Meer fliegen. Die Crew ist uns mittlerweile ans Herz gewachsen. Kapitän Kristian, mit Ohrring, „Captain“-T-Shirt und einer Gelassenheit, die auf jahrelanger Erfahrung basiert, Barmann Nicola, der bei jedem Bier, das er serviert, verschmitzt grinst, die beiden Köche, die Tarantino-Soundtracks hören und in der Küche laut mitsingen, und der Matrose Antonio, der unermüdlich die Mahagoni-Reling und den Teak-Boden putzt und poliert und dazwischen so lässig raucht, das in Verbindung mit Tarantinos Sound ein Gesamtkunstwerk entsteht. Sie fahren schon eine ganze Weile gemeinsam auf der MS „Maček“, das merkt man. Eine Passagierin beobachtet die Szene und sagt: „Sie mögen das Schiff.“

          Am fünften oder sechsten Tag fährt Kristian schon vor dem Frühstück los. Barfuß geht man über das noch kühle Holz zur Reling des verlassenen Schiffes, blickt über die glatte und schwarz schimmernde Wasseroberfläche, und plötzlich tauchen in der Bugwelle zwei Delphine auf, springen zweimal aus dem Wasser und verschwinden wieder. Bei Otok Katina befindet sich das Tor zu den Kornaten. Wir fahren durch eine so schmale Wasserstraße, dass nun auch die MS „Maček“ zu groß wirkt. Und wenig später steuert Kristian sie im Nationalpark nur wenige Meter an den scharfkantigen Felsen vorbei, so dass man den Vögeln in die Augen sehen kann. Fast wie Kapitän Francesco Schettino auf der „Costa Concordia“, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Kristian seinen eigenen Tiefgang kennt.

          Unser Übernachtungshafen heißt heute Sali, ein kleines Fischerdorf auf Dugi Otok. Rund um das Hafenbecken reihen sich Restaurants, Geschäfte und Eisdielen, und es wirkt wie ein italienischer Ferienort aus den 1980er Jahren. Wie auf einem alten Rimini-Urlaubsfoto haben sogar die Farben an Intensität verloren. Es gibt gegrillten Tintenfisch, Pizza und Pommes für die braungebrannten Kinder, und der Ober verdient schon wegen seines Aussehens diese Bezeichnung. Weißwein gibt es in Karaffen, und wenn man dann nach dem Essen die Kinder mit drei Euro zum Stracciatella-Eis-Kaufen in die Eisdiele nebenan schickt, dann hört man sich selbst reden wie die eigenen Eltern. Aber man muss gestehen, dass das alles auch stimmig ist: denn das Tempo der 80er passt ganz gut zur Entspanntheit dieser Kreuzfahrt fernab aller großen Kreuzfahrtschiffe.

          Und dann, ganz unerwartet und plötzlich, ist die Woche schon wieder vorbei. 480 Kilometer liegen hinter uns, sechs Mittagessen, sieben Übernachtungen, zehn Badestopps Am Horizont erheben sich die sozialistischen Bausünden Rijekas, und wenig später begrüßt uns der Hafen mit seinen schrottplatzgleichen Docks und der 280-Millionen-Euro-Yacht eines russischen Oligarchen, dem es in Monaco zu teuer wurde. Nur von den ganz großen Schiffen fehlt jede Spur.

          Der Weg nach Kroatien

          Anreise Lufthansa, Eurowings, Ryan Air, Condor fliegen ab verschiedenen deutschen Flughäfen direkt nach Rijeka, Zadar und Split. Die Kreuzfahrten starten in Rijeka, Zadar und Trogir.

          Kreuzfahrt Der Veranstalter Riva Tours hat 28 Schiffe in fünf verschiedenen Klassen (Standard bis Deluxe), je nach Typ kostet eine Woche von 649 bis 1149 Euro pro Person in der Doppelkabine. Die MS Maček fällt in die Premiumklasse, zu der Zimmer mit Bad und Klimaanlage gehören. Schiffe sind auch für eine Woche zu chartern: kroatien-idriva.de.

          Mehr Informationen zu Urlaub in Kroatien unter croatia.hr

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