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Weltwunder im Harz : Der Genius des minimalen Gefälles

  • -Aktualisiert am

Ohne die Kraft des Wassers konnten die Menschen einst die Bodenschätze des Harzes nicht heben. Deswegen erfanden sie ein ausgeklügeltes System an Kanälen und Tunneln. Bild: Volker Mehnert

Es sieht aus wie ein Idyll der Natur, doch es ist ein Meisterwerk von Menschenhand: Auf den Wanderwegen des Oberharzer Wasserregals.

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          Die Schautafeln am Rand der Wanderpfade sind ausführlich beschriftet und fachkundig gestaltet, und dennoch begreifen wir erst einmal gar nichts. Was soll denn diese seltsame Hutthaler Widerwaage sein, zu der wir unterwegs sind? Nicht einmal das Wort erscheint uns geläufig. Außerdem ist immer wieder die Rede von Flutgräben und Mundlöchern, von Gangzug und Fehlschlag, von Kehrrad und Kunstrad. Weil all diese Kuriositäten einst noch mit Dämmen und Teichen, Wasserläufen, Wassergräben und Wasserbecken sowie Ein- und Ausleitungen gekonnt kombiniert wurden, können wir hier eine technische Meisterleistung des Bergbaus und der Wasserwirtschaft erkunden: das Oberharzer Wasserregal. Dieses System entstand zwischen dem sechzehnten und neunzehnten Jahrhundert in der Folge von Rechtsansprüchen auf den Bergbau und auf die dafür nötige Nutzung der gesamten regionalen Wasservorräte.

          Seit dem Mittelalter gehörte der Oberharz zu den wichtigsten Produzenten von Silber, Eisen, Blei und Kupfer in Mitteleuropa. Jahrhundertelang kam die Hälfte des Silbers in aus den Gruben rund um Clausthal-Zellerfeld. Dabei musste man mit einer paradoxen Situation umgehen: Obwohl der Bergbau in den Erzgruben mit übermäßigem Wasser zu kämpfen hatte, brauchte er unablässig zusätzliche Wassermengen. Weil in die Stollen beständig Wasser einsickerte, musste es mit Pumpen daraus entfernt werden. Diese Anlagen jedoch bestanden in vorindustrieller Zeit aus gigantischen Rädern, die ihrerseits von Wasser angetrieben wurden, das man von außen über ein kompliziertes Speicher- und Leistungssystem heranschaffte. Bei einer solchen Methode wird überflüssiges Wasser also durch neu herangeführtes, herabfließendes Wasser nach oben transportiert und beseitigt. Wäre es nach dem Philosophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz gegangen, hätte sich diese Art der Wasserwirtschaft schon früh erübrigt. Von Hannover aus reiste er um 1685 mehrfach in den Oberharz, um mit Hilfe verschiedener technischer Anlagen den Bergbau zu optimieren. Das System der Wasserpumpen in den Stollen wollte er durch horizontal angelegte Windmühlen nach chinesischem Vorbild ersetzen, doch scheiterte er immer wieder mit seinen Experimenten.

          Tausend Meter lange Tunnel

          Im Laufe der Zeit hatten Bergleute und Ingenieure deshalb rund um Clausthal-Zellerfeld, St. Andreasberg, Lautenthal, Altenau und Torfhaus fast hundertfünfzig Stauteiche und fünfhundert Kilometer Gräben angelegt und damit die Oberharzer Landschaft von Grund auf verwandelt. Außerdem wurden dreißig Kilometer unterirdische Wasserläufe gebaut, deren Tunnel bis zu tausend Meter lang waren. Von den Stauteichen und Becken führten die Gräben und Tunnel das in den Höhenlagen gesammelte Wasser zu den Stollen. Weil die Zugänge zu den Bergwerken ebenfalls in großer Höhe lagen, musste darauf geachtet werden, die Gewässer von ihren natürlichen Vorkommen und den Staubecken zu den Gebrauchsstätten hinzuführen, ohne dabei an Höhe zu verlieren. Nur so konnte ausreichend Gefälle für die Kraftnutzung bewahrt werden. Deshalb legte man die Gräben parallel zu den Höhenlinien der Hänge an, möglichst mit einer Neigung von weniger als einem Promille.

          Dem Ingenieur ist noch nie etwas zu schwer gewesen: ein gigantisches Wasserrad des Oberharzer Wasserregals.
          Dem Ingenieur ist noch nie etwas zu schwer gewesen: ein gigantisches Wasserrad des Oberharzer Wasserregals. : Bild: Janina Dörmann

          Wesentliche Teile des Wasserregals sind erhalten und immer noch funktionsfähig. Nach dem Ende des Bergbaus und vor der Errichtung größerer Talsperren dienten sie im zwanzigsten Jahrhundert zur Wasserversorgung und Stromerzeugung. Jetzt pflegen die Harzwasserwerke auf einer Fläche von zweihundert Quadratkilometern diese historische Kulturlandschaft und halten fünfundsechzig Teiche und neunzig Kilometer Gräben und Wasserläufe instand, auch wenn sie inzwischen zum Trinkwasserhaushalt und zur Stromversorgung der Region kaum noch beitragen. Nachdem die Unesco das Wasserregal 2010 zum Weltkulturerbe erklärt hat, stehen auch die übrigen Bauwerke und Landschaftselemente unter passivem Schutz.

          Auf Wurzelwegen durch den Wald

          Die kilometerlangen Gräben waren damals die Lösung für den immensen Wasserbedarf der Bergwerke, die daneben verlaufenden Grabenwege dienen heute als ideale Wanderrouten. Zwar mag die Lektüre der hölzern akademisch formulierten Erklärungen auf den Schautafeln am Wegesrand ein wenig mühsam sein, dafür ist das Wandern selbst auf diesen Pfaden eine Lust. Es erfordert nur wenig Anstrengung, denn Steigungen und Gefälle kommen kaum vor, nur auf einigen Verbindungsstrecken geht es manchmal ein wenig bergauf oder bergab. Die Pfade auf weichem Untergrund sind schmal, eben und gepflegt. Zwischendurch passieren wir idyllisch gelegene Teiche, überqueren kleine Gebirgsbäche und marschieren durch schattiges Gehölz. Die kunstvoll angelegten Gräben der ehemaligen bergbaulichen Wasserwirtschaft sind meist mit Wasser gefüllt, manchmal aber ausgetrocknet und von Pflanzen überwuchert.

          Die schönste und abwechslungsreichste Strecke führt entlang des Zellerfelder Kunstgrabens. Die Route beginnt südlich von Hahnenklee auf beschaulichen Wurzelwegen durch den Wald. Der Untergrund ist von Fichtennadeln abgefedert und gesäumt von Fingerhut und Pilzen, Himbeerbüschen und riesigen Heidelbeerfeldern. Zwischendurch überquert der Pfad weite Freiflächen und Wiesen, die einst durch Abholzung entstanden sind. Jetzt leben in diesen geschützten Biotopen Pflanzen und Tiere, von denen wir noch nie gehört haben: Schwarze Teufelskralle, Bärwurz, Harzer Labkraut und Schlangenknöterich, Wiesengrashüpfer, Ampferfeuerfalter, Zwitscherschrecke und Schwarzkolbiger Dickkopffalter. Am Ende verläuft der Weg oberhalb der kaskadenartig angelegten Spiegeltaler Teiche an einem Gebirgsbach entlang. Weil auch hier der Graben den Geländekonturen angepasst ist, folgt der begleitende Weg jeder Kurve und Geländenische. Auf seiner gesamten Länge besitzt der Wasserlauf nur ein Gefälle von 0,86 Promille, und so erscheint das glasklare Wasser darin auf den ersten Blick wie ein stehendes Gewässer. Erst als wir ein Blatt auf die Oberfläche werfen, erkennen wir die Bewegung und die Fließrichtung.

          Fichten spiegeln sich im Oberen Flambacher Teich, der Teil des Oberharzer Wasserregals ist.
          Fichten spiegeln sich im Oberen Flambacher Teich, der Teil des Oberharzer Wasserregals ist. : Bild: dpa

          Ganz nebenbei ist die Route ein Lehrpfad zu den Ausläufern der forstwirtschaftlichen Katastrophe, die den Harz seit einigen Jahren heimsucht. Am Wasserregal hält sich der Schaden allerdings in Grenzen, weil die Monokultur der Fichten hier nicht so ausgeprägt ist und die überall gespeicherte Feuchtigkeit den Bäumen zugutegekommen sein mag.

          Nach langwierigen theoretischen und vermessungstechnischen Vorarbeiten konstruierten Ingenieure und Bergleute in den Jahren 1763 bis 1776 diesen kilometerlangen Wasserlauf ohne Gefälle. Das präzise ausgetüftelte System versorgte den für die ergiebigen Clausthaler Erzgruben Caroline und Dorothea besonders wichtigen und hoch gelegenen Hirschler Teich mit ausreichend Wasser. Führte der Teich nach starken Regenfällen jedoch Hochwasser, konnte die Fließrichtung mit Hilfe des Wehres an der Widerwaage umgekehrt werden. Das überschüssige Wasser floss kontrolliert ab und konnte in tiefer gelegene Anlagen hineinströmen. Beim Wandern durch die Oberharzer Natur wird man also gewissermaßen im Vorübergehen zum Experten für vorindustrielle Wasserwirtschaft ausgebildet.

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