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Filmtourismus in Nordirland : Ein Land greift nach dem Thron

Hier muss es sein: Im fellbesetzten Umhang suchen die „Thronies“ genannten Filmtouristen nach den Schauplätzen von „Game of Thrones“. Manchmal hilft eine Infotafel. Bild: Axel Weidemann

Wie eine Fantasy-Erzählung eine Region formt: Lange stand Nordirland touristisch im Schatten des Südens. Doch die Serie „Game of Thrones“ bescherte dem Land einen großen Tourismusschub. Viele wollen daraus jetzt Kapital schlagen.

          8 Min.

          Wenn jemand ferner Zukunft die Hinterlassenschaften der menschlichen Zivilisation erforscht und zufällig in Nordirland gräbt, könnte es sein, dass er sich fragt, was das für Götter und Herrscher waren, die man hier einst verehrte: dreiäugige Raben, einen finsteren König mit leuchtend blauen Augen, geschuppte Drachen, Kraken und riesige Wölfe – lauter Hinterlassenschaften einer gewaltigen Erzählung, die ein Eigenleben entwickelt hat, wie es vor ihr wohl nur der „Star Wars“-Saga oder dem „Herrn der Ringe“ beschert war.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Um kurz nach neun wird auf Schloss Ballygally, heute ein Vier-Sterne-Hotel fünf Kilometer nördlich des nordirischen Städtchens Larne, noch gefrühstückt. Es ist eine Zeit, die selten mit Mord und Totschlag assoziiert wird, wenngleich auch das in Nordirland zum Nationalfrühstück avancierte „Ulster Fry (Würstchen, daumendicker gebratener Schinkenspeck, Spiegelei, Pilze, eine halbe gebratene Tomate, Sodafladen) sich ob seines Gehaltes nur empfiehlt, wenn man am selben Tag einen Eroberungsfeldzug, eine Belagerungsschlacht oder zumindest einen Beutezug geplant hat. Vor dem Frühstücksraum hat sich eine Gruppe Touristen versammelt. Sie richten die Kameras ihrer Telefone auf eine massive Tür aus Buchenholz, verziert mit Schnitzereien. Oben eine Wolfsfratze, Schwerter, Äxte und unten ein gehäuteter Mann, der kopfüber auf ein Andreaskreuz genagelt ist, flankiert von zwei zähnefletschenden Mastiffs. Ein älteres Paar nähert sich und bahnt sich seinen Weg durch die Gruppe, um ungerührt durch die martialische Tür zu treten. Sie nickt freundlich: „Lovely, isn’t it.“

          Allein im Wald? Nicht im Tollymore Forest, hier wandeln „Thronies“ auf den Spuren von Jon Snow in schwarzen Umhängen am Shimna-Fluss entlang.

          Eingeweihte wissen ohne Erklärung, was auf der Tür zu sehen ist: die Wappen der Häuser Stark und Bolton aus der Serie „Game of Thrones“, die auf George R.R. Martins Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ beruht und in der sich die großen Adelshäuser von „Westeros“ in einer nicht enden wollenden Keilerei um den Eisernen Thron befinden. Die Serie, die zu großen Teilen in Nordirland gedreht wurde, hat dem lange vernachlässigten Nordteil der Insel seit ihrer Erstausstrahlung 2011 einen gewaltigen Film-Tourismusschub beschert. Laut Schätzungen von Tourism Northern Ireland kommen mehr als hundertzwanzigtausend Besucher pro Jahr, um wenigstens einen Teil der 49 Außendrehorte zu besuchen.

          Seit 2011 wittern auch Pubs und Hotels ihre Chance. Darüber hinaus schuf die Serie einen gewaltigen Stellenmarkt für die Einheimischen. Kaum jemand vom Taxifahrer über den Guide bis hin zum Barmann, der nicht einen kennt, der als Komparse einen Bogen, einen Schild oder Schwert in die Kamera gehalten hat. Viele, die bei „Game of Thrones“ als Praktikanten angefangen haben, seien nun bei Filmproduktionen in der ganzen Welt unterwegs, erzählte die Produzentin Bernadette Caulfield jüngst bei der Europa-Premiere der ersten Episode der achten Staffel in Belfast.

          Appetit auf was Deftiges? Die Tür zum Speisesaal des Schloss-Hotels Ballygally ist eine von zehn „Game Of Thrones“-Türen, die seit dem Start der siebten Staffel in Nordirland Pubs, Hotels und Bars zieren.

          Das Marketing läuft auf so vielen Ebenen – Bustouren, Joggingtouren, „Location Experiences“, Mittelalterfestmahle, eine Wanderausstellung, die gerade im Titanic Exhibition Center in Belfast ihren Auftakt hat –, dass man dem Zirkus nur schwer entkommt. Doch kaum einer, den man rund um die Drehorte fragt, beschwert sich. Sie sind pragmatisch hier. Nach den dunklen Zeiten und der Eskalation der Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken Ende der Sechziger blieb Nordirland lange ein vernarbtes Land. Touristen fuhren selbst nach dem Ende der „Troubles“ überwiegend in den sicheren und sanfteren Süden.

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