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Grand Tour durch die Schweiz : In heroischer Geste

  • -Aktualisiert am

Die Tremola-Passstraße, im Vordergrund, mit dem Leventinatal im Hintergrund. Bild: Picture-Alliance

Selbstzerstörerisch durchs Gelände und zu den Gipfeln hinauf? Auf den Spuren der Grand Tour, einer der landschaftlich schönsten Routen der Schweiz, weist sich, ob man zum Bergsteiger geboren ist.

          Als ich das kleine Örtchen Airolo im schweizerischen Tessin an einem besonders schönen Tag am frühen Nachmittag erreichte, konnte es unmöglich noch sehr viel angenehmer werden. Dachte ich.

          Bereits die Überfahrt mit dem Treni Regionali Ticino Lombardia von Zürich über Zug und Luzern bis hierher, zur Stazione Airolo, gelegen unmittelbar am Fuß des Gotthardmassivs, hatte mich keinen Moment lang meinen Blick von der Landschaft wenden lassen, ja, so sehr hatte mich das, was da vor den blitzblank geputzten Fenstern des Zugs allein für mich aufgeführt zu werden schien, in seinen Bann gezogen. Eigentlich war es mein Plan, schon während der Überfahrt in den Reisetagebüchern des britischen Schriftstellers Patrick Leigh Fermor zu lesen; von seinem verwegenen Transit wollte ich erfahren, der ihn 1933 als Jugendlichen zu Fuß vom holländischen Hoek bis nach Konstantinopel geführt hatte. Doch während der Zug in fast dreister Nebensächlichkeit an den türkisblau-klaren Wassern des Zuger- und des Vierwaldstättersees entlanggeglitten war, hatte ich lediglich staunend hinausstarren und mit dem Bleistift Unentzifferbares in mein Notizbuch kritzeln können.

          Der Cabrio-Postbus hupt schon

          In dieser Stimmung also sprang ich in Airolo mit einem federnden Satz von der Trittstufe des Zuges auf den Bahnsteig, drehte mich um und ließ mir vom strengen Schaffner, der seine Trillerpfeife dabei keine Sekunde lang aus dem Mund entließ, mein schweres Gepäck hinausreichen. Der Zug hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt, als ich mir zur Erfrischung, aber vor allem der Geste wegen, eisiges Bergwasser aus einem Wasserspender in die Hände fließen ließ, um es mir in den Nacken zu streichen – hier nun also sollte meine Wanderreise durch die Schweizer Alpen ihren Anfang nehmen, einmal im Oval und gegen den Uhrzeigersinn rund herum durch die Schweiz, gemeinsam mit einer überschaubaren Gruppe Gleichgesinnter, wie sie ein familiär geführtes hiesiges Reiseunternehmen neuerdings voll organisiert ermöglicht.

          Die Grand Tour in Öl: Karl Friedrich Schinkels Gemälde „Felsentor“ von 1818. Zu sehen in der Berliner Nationalgalerie – oder in den Alpen.

          Das laute, fast hysterische Hupen eines Posthornes riss mich aus den schwelgerischen, vormodernen Natureroberungsphantasien, in die ich mich gerade hineingesteigert hatte – es war der Cabrio-Postbus der Reisegruppe, der mich in den kommenden Tagen mitnehmen würde, von Tal zu Tal und über die Gipfel, von Wanderroute zu Wanderroute entlang der „Grand Tour of Switzerland“.

          In heroischer Geste zum Gipfel

          Die Grand Tour, das klang gleichermaßen abenteuerlich wie anachronistisch, wie das Selbsterfahrungswagnis junger Männer aus dem 19. Jahrhundert – und so hatte ich mich in Vorbereitung dieser Alpendurchquerung, die gleichzeitig meine erste überhaupt sein würde, hineinphantasiert in die Rolle bedeutender Alpinisten, stellte mir vor, wie ich in heroischer Geste durchs Gelände streifen und mich selbstzerstörerisch zu den Gipfeln hinaufarbeiten würde, ganz wie der große Schweizer Bergsteiger Matthias Zurbriggen, der vor rund 120 Jahren, nur auf sich gestellt, nicht zuletzt die Gipfel Argentiniens, Indiens und Australiens erobert hatte und der auf den wenigen ihn zeigenden Fotografien so gedankenvoll, vornehm und nachgerade weltenthoben ausschaut, dass er wohl gar nicht anders konnte, denn tragischerweise als genau der verarmte und schlussendlich ins vollkommene Unglück gefallene Landstreicher zu enden, als den man ihn 1917 in Genf, an einem Baum gehängt, auffinden sollte.

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