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Grand Tour durch die Schweiz : In heroischer Geste

  • -Aktualisiert am

War ich doch nicht zum Bergsteiger geboren?

Da ich von der Topographie offensichtlich nicht den Hauch einer Idee hatte, erwartete ich, oben angekommen frohgemut, der Postbus würde uns exakt hier wieder einsammeln, waren wir doch zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Stunden marschiert und ich jeder Kraft beraubt. Doch tatsächlich mussten wir nun wieder 1500 Höhenmeter bergab, und dieses konstante, rastlose und unerbittliche Absteigen führte mich weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus. Bald schon verfluchte ich jeden einzelnen wie durch Gift brennenden Schritt, während meine Gefährten scheinbar mühelos und immer flotter den Berg hinunterschwebten. Auch das allgemeine Scherzen, die allerbeste Laune unter ihnen nahm zu keinem Zeitpunkt eine Auszeit – nur in mir brodelte die Wut auf mein eigenes Unvermögen. War ich etwa doch nicht zum großen Bergsteiger geboren, hatte ich mir das alles nur eingebildet? War ich denn in den Bergen etwa kein solches Naturtalent wie in so vielen anderen von mir bis dato erprobten Disziplinen?

Ausgangspunkt für alle Wanderungen: Das Dorf Tschiertschen im Kanton Graubünden.
Ausgangspunkt für alle Wanderungen: Das Dorf Tschiertschen im Kanton Graubünden. : Bild: Picture-Alliance

Ich musste diese Gedanken beiseiteschieben, um den dreistündigen Abstieg überhaupt bewältigen zu können und mich nicht gänzlich durch Aufgabe lächerlich zu machen, und in den Momenten, in denen ich bereits zu halluzinieren glaubte, sah ich meine rüstigen Begleiter mitleidig über mich tuscheln. Und doch sollte sich am Ende des Tages alles in Wohlgefallen aufgelöst haben, hatte ich doch Erstaunliches gesehen und erlebt, und als wir spät am Abend schließlich einkehrten in Graubündens jahrhundertealte und gleichsam so berauschend moderne Hauptstadt Chur, genauer: ins edle Hotel „Alpina“ in Tschiertschen, etwas oberhalb am Hang, und ich dort eine herrschaftliche Suite mit Balkon und Blick über das Tal bezog, war alles Glück der Welt hergestellt.

Mein erstes Edelweiß

Bis zum Ende der Reise blieben wir in Tschiertschen stationiert und wanderten die Tage über – deutlich weniger kräfteraubend, vermutlich zum Ausklang der ja insgesamt fast zweiwöchigen Tour – auf mittellangen Strecken und Höhen im Kanton Graubünden: durch einsame Täler und winzige Dörfer, wir beteten hoch oben in Obermutten in einer dreihundert Jahre alten Holzkirche, marschierten weiter durch wild läutende, uns wohlgesinnte Kuhherden, über tiefrot leuchtende Hänge, auf denen die Heidelbeeren blühten, so dass man bei jedem Schritt hinablangen und von ihnen essen konnte. Wir bestaunten von nah wie fern Viadukte, Weinberge, Steinbrüche, besuchten die tief ins dunkle Nichts hinabstürzende Via-Mala-Schlucht, und obwohl es dafür eigentlich schon ein paar Wochen zu spät war, sah ich am Ende des allerletzten Tages leibhaftig und zum ersten Mal überhaupt ein im Halbschatten einer Kalksteinfelsspalte leise seinem Ende entgegenblühendes Alpen-Edelweiß.

Weit oben: Das Achtzig-Seelen-Dorf Obermutten.
Weit oben: Das Achtzig-Seelen-Dorf Obermutten. : Bild: Picture-Alliance

Ich hielt eine ganze Weile davor inne und fragte mich, ob auch der Architekt Peter Zumthor, der im graubündischen Chur lange Zeit als Denkmalpfleger gearbeitet hatte, bevor er schließlich zum internationalen Star avancierte und seither in Haldenstein, gleich nebenan also, sein renommiertes Architekturbüro betreibt, ob wohl auch er beizeiten auf die Berge gestiegen war oder es noch tut, um im Angesicht des Edelweiß zu sich zu kommen.

Und während ich noch so dasaß und über allerlei Unsinniges nachdachte, tippte mir unser Bergführer, der seelengute Curdin, dem ich in den vergangenen Tagen auf Schritt und Tritt gefolgt war und der mir am Abend beim gemeinsamen Essen stets sein freudiges „Viva!“ zugeprostet hatte, sanft an die Schulter. Es war Zeit, wieder hinabzusteigen, bedeutete er mir.

Der Weg in die Schweiz

Anreise Start und Ziel der Reise via Zürich Hauptbahnhof, Busterminal Sihlquai. Per Flugzeug ab Berlin direkt mit Swiss Air oder Easyjet ab 90 Euro hin und zurück, ab Frankfurt auch mit Lufthansa ab 140 Euro.

Aktivreise 13-tägige (oder siebentägige) rundum organisierte, und durch Bergführer begleitete Wanderreise (mittlerer Schwierigkeitsgrad) entlang der „Grand Tour of Switzerland“; per Reisebus von Zürich über den Vierwaldstättersee in der Innerschweiz, weiter über das Berner Oberland und das Ober- und Unterwallis, dann ins Tessin, den Gotthardpass und entlang der Via-Mala-Schlucht nach Graubünden und zurück nach Zürich. Die Reise kostet (inkl. Frühstück und Abendessen) 4900 Schweizer Franken/Person; die Kurzreise ab Zürich bis Sion (bzw. Sion bis Zürich) 2600 Schweizer Franken/Person (pauschal im Doppelzimmer, Einzelzimmer 700/350 Franken); zwei Termine im Juni, zwei im August, einer im September. Mehr unter aktivreisen-schweiz.com

Unterkunft Sämtliche Hotels, Unterkünfte, Transporte etc. sind im Vorfeld gebucht und inbegriffen. Etwa im St.-Gotthard-Hospiz auf dem Gotthardpass: Das erst kürzlich renovierte Haus stammt aus dem Jahr 1237 und steht auf der Liste des „Europäischen Kulturerbes“. Mehr unter: passosangottardo.ch Oder das „The Alpina Mountain Resort & Spa“ in Tschiertschen, ein Boutique-Hotel mit großen Zimmern, Spa, Bar und Blick auf die im Tal liegende Stadt Chur: the-alpina.com.

Allgemeine Informationen zu Reisen in die Schweiz: myswitzerland.com

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