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Italiens Höhlenstadt Matera : Es war einmal im Mezzogiorno

Wäscheleinen hat schon Henri Cartier-Bresson in Matera abgelichtet, vor einem halben Jahrhundert. Bild: ddp Images

Einst galt Matera als Schandfleck im Süden Italiens. Dann kamen Filmemacher und Politiker aus Rom, heute drängen sich Touristen in der Höhlenstadt.

          Die Füße wissen eher als der Kopf, wo es hingeht: treppab, über steinerne Stufen, die zahllose Menschen beim Gang durch die Geschichte so glatt und rutschig getreten haben wie Seifenstücke. Unter einem Torbogen hindurch führt der Weg, eine Rampe hinab, die mehr für Hufe als für Sohlen gebaut ist, und auf einen winzigen Platz, der in Wahrheit das flache Dach eines Hauses ist. Von dort leitet die nächste Stiege in die Tiefe. Dürre Eisengeländer geben Halt, Katzen balancieren über Mauerkronen und schauen uns dabei an. Der holprige Rhythmus der eigenen Schritte geht in die Beine, in den Körper, er taktet den Blick, mit dem Fremde sich am unebenen Boden festhalten, bis sie den Grund des südlichen Siedlungskessels erreicht haben.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Sassi“ heißen die Altstadtviertel von Matera, die in zwei Talmulden am Hang der Gravina-Schlucht gebaut wurden. Wer dort steht, sich um die eigene Achse dreht und das rings aus dem Fels wachsende Gewirr aus Wegen, Stufen, Häusern und Kirchen betrachtet, versteht sofort: Der Treppenweg hierher führt von der Gegenwart geradewegs in die Steinzeit - und durch all die Jahrhunderte, die dazwischenliegen. Angefangen hat er oben in der Hochebene, am Rand des modernen Matera, gleich neben einer von Fernsehgeflimmer durchzuckten Kaffeebar. Sie liegt an einer von Barockfassaden umstellten Piazza, wie es sie in ähnlicher Schönheit tausendfach in Italien gibt. Von hier unten aber erblickt man auf der gegenüberliegenden Seite der Gravina-Schlucht, die schon karg und steinig aussieht, bevor die Sommerhitze dem jungen Grün zusetzt, die Ausgänge von Höhlen, in denen Jäger und Sammler Unterschlupf suchten. Sie ließen sich auch auf der Seite des Taleinschnitts nieder, auf der wir nun stehen, und gründeten einen der ältesten ununterbrochen besiedelten Orte der Welt.

          Treppen verbinden Vergangenheit und Zukunft

          Seit neuntausend Jahren leben Menschen hier. Erst wohnten sie in den Höhlen, die sie vorfanden, dann erweiterten sie diese zu in den Tuffstein geschlagenen Unterkünften, die sie mit Steinen verschlossen und schließlich mit gemauerten Vorbauten versahen. Renaissancefassaden, barocke Schnörkel, eine romanische Kathedrale und an die hundertfünfzig Felsenkirchen künden von der Kultur des Höhlenlebens. Unter dem Boden verläuft ein kompliziertes Zisternensystem, das Regenwasser zu den Bewohnern brachte. Die miteinander verwachsenen „Sassi“ - der ursprüngliche „Sasso Barisano“ und der nur wenig jüngere „Sasso Caveoso“ im Süden - waren die perfekte Verschmelzung von Natur und Architektur.

          Bis sich zu viele Menschen hoch oben in der Basilika in den Trichtern drängten und Cholera, Malaria und Typhus in den Behausungen grassierten. Als die Schwester des Schriftstellers Carlo Levi, den die Faschisten in diese Region im Süden Italiens verbannt hatten, in den 1930er Jahren von Turin zu ihm reiste und in Matera haltmachte, kannte ihr Entsetzen kaum Grenzen. Wie die Höllenkreise aus Dantes „Inferno“ erschienen ihr die „Sassi“, in denen damals 15.000 Menschen lebten, in „schwarzen Löchern“, mit dem Vieh in einem Raum. Auf den Straßen liefen scharenweise in Lumpen gekleidete Kinder herum, oder sie saßen im Dreck, mit Fliegen in den Augenwinkeln. Carlo Levi beschrieb all das in seinem nach dem Krieg erschienenen Buch „Christus kam nur bis Eboli“. Es wurde zu einer der wirkmächtigsten Klagen über die Rückständigkeit des Mezzogiorno.

          Von nun an galt Matera als „nationale Schande“. Bis dann 1952 die Regierung in Rom ein Gesetz erließ, das dem Leben in den Höhlen ein Ende setzte. Die „Sassi“ wurden geräumt, enteignet und alle Bewohner in moderne Stadtviertel umgesiedelt.

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