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Auf dem Mekong : Meine zweiunddreißig Geister

Auf der thailändischen Seite des Flusses liegt Nong Khai. Herz des Städtchens ist die gepflegte Uferpromenade.
Auf der thailändischen Seite des Flusses liegt Nong Khai. Herz des Städtchens ist die gepflegte Uferpromenade. : Bild: Andrea Diener

Am nächsten Tag sind wir die Gastgeber. Das Schiff legt am späten Nachmittag an einer Sandbank an, und wir schwimmen in die Abendsonne. Der Fluss, der so breit und behäbig aussieht, entwickelt eine unerwartete Strömung, wenn man erst einmal drinsteckt. Derweil baut die Mannschaft Grills auf, denn wir erwarten Besuch. Es wird dunkel, die Lichterketten leuchten, und da kommen auch schon die Holzboote herangetuckert. Das nahe Dorf ist eingeladen, wenn unser Schiff kommt, im Gegenzug wird für uns eine Baci-Zeremonie abgehalten. In Nordthailand und Laos wird die veranstaltet, wenn jemand kommt oder geht, geboren wird, heiratet, bei Krankheit und Genesung, wenn irgendetwas passiert ist, wenn nichts passiert, aber passieren soll, und überhaupt: Irgendwas ist ja immer.

Die Baumwollfäden bloß nicht abschneiden

Wir sitzen auf Matten um ein silbernes Tablett herum, auf dem aufgerollte Bananenblätter spitzkegelige Pyramiden bilden, darum herum sind Blumen und Früchte drapiert. An Bambusstäbchen hängen weiße Baumwollfäden. Grundsätzlich geht es darum, die Geister aller zweiunddreißig inneren Organe, die „Kwan“, in harmonischen Gleichklang zu bringen. Darum bittet auch der ältere Herr, der eine solche Zeremonie üblicherweise abhält, in seinem Singsang. Wir alle müssen das Silbertablett berühren oder zumindest unseren Vordermann, dann werden die weißen Baumwollfäden abgenommen und um die Handgelenke gebunden. Da machen alle mit, schnappen sich ein Bündel Bänder und knoten los, die Kleinsten wie die Ältesten. Man muss sie nun drei Tage tragen, darf sie aber auch danach nicht abschneiden, das ist gar nicht gut, das vergrätzt die Kwan. Entweder man knotet sie auf oder, das ist die sicherste Variante, man wartet, bis sie von allein weggammeln. Ich warte bis heute, aber sie sind erstaunlich widerstandsfähig.

Abend in Nong Khai: Wo jetzt noch die Kinder spielen, tanzen später die Senioren zu Schlagermusik.
Abend in Nong Khai: Wo jetzt noch die Kinder spielen, tanzen später die Senioren zu Schlagermusik. : Bild: Andrea Diener

Nach der Zeremonie gibt es Essen, Laobeer und Gesang. Die Dorfbewohner beglücken uns mit traditionellen Liedern, wir singen „Bruder Jakob“ im dreistimmigen Kanon und gruppenbedingt zweisprachig, was unsere Gäste enorm beeindruckt. Ab und zu kommt einer mit einem weißen Kanister vorbei und schenkt uns Reisschnaps nach. Zu keiner Zeit haben wir das unangenehme Gefühl, Teil einer künstlich organisierten Touristenbespaßung zu sein. Es ist eher so, als freuten sich alle, dass hier endlich mal was los ist. Das Blumen- und Blätterarrangement dürfen wir mitnehmen, es reist jetzt am Bug unseres Schiffes voran, zusammen mit dem obligatorischen Tellerchen mit Essen, das ist für die Ahnen und schützt unseren Weg.

Knabberzeug zum Bier: Alles, was sechs Beine hat

Die laotische Seite des Mekong macht einen ziemlich beschaulichen Eindruck, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung entlang des Flusses lebt, dem einzigen halbwegs ebenen Teil des Landes. Aber es sieht nicht gerade so aus, als würden sich die Menschen dort auf die Füße treten. Wenn man jedoch auf die thailändische Seite übersetzt, wird es sofort wimmelig. Nong Khai ist ein einziger großer Markt. In den ruhigeren Seitenstraßen gibt es kleine Restaurants und Pensionen. Überall treiben Menschen Handel, verkaufen chinesische Haushaltswaren und bunte Sahnetörtchen, traditionelle und westliche Kleidung, Gemüse, Pillen und Salben und Früchte und iPhone-Hüllen. Es gibt eine breite Uferpromenade, auf der Pavillions stehen, in deren Schatten mobile Massagesalons ihre Dienste anbieten. Eifrig kneten Damen an Zehen herum und walken Rücken mit Ellenbogen.

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