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Auf dem Mekong : Meine zweiunddreißig Geister

Die Geschütztürme am Ufer sind verschwunden

Einst verlief am Mekong der Bambusvorhang, das östliche Pendant zum Eisernen Vorhang. Thailand wimmelte von amerikanischem Militär, das das Land als Stützpunkt im Vietnam-Krieg nutzte. In Laos dagegen gewann die Pathet Lao, die kommunistische Widerstandsbewegung, immer mehr an Einfluss, bis sie 1974 unblutig die Macht im Land übernahm. Grundsätzlich hat sich an der Disposition der Länder wenig geändert, aber die Wach- und Geschütztürme, die einst die Grenze markierten, sind verschwunden. An den Krieg erinnert auf thailändischer Seite nur die für diese ländliche Gegend ungewöhnlich gute Infrastruktur, auf laotischer Seite hingegen die vielen Blindgänger, die noch heute im Boden stecken. Laos ist eines der am stärksten bombardierten Länder der Welt - und trotz aller Bemühungen, trotz geheimer Operationen und wirtschaftlicher Repressalien konnten die Vereinigten Staaten nicht verhindern, dass das einst neutrale Land nicht mit ihnen kooperieren wollte.

Ein langer, ruhiger Fluss: Blick über den Mekong bei Si Chiang Mai, Endpunkt der Reise.
Ein langer, ruhiger Fluss: Blick über den Mekong bei Si Chiang Mai, Endpunkt der Reise. : Bild: Andrea Diener

Die kommunistische Partei konnte sich in Laos vor allem deshalb bis heute halten, weil sie sich nicht groß in den Alltag einmischt. In den Anfangsjahren versuchte die Regierung, Kolchosen nach sowjetischem Vorbild einzurichten - und scheiterte gnadenlos, weil die Bevölkerung genau das nicht wollte. Die Bauern versteckten das Erntegut lieber, als es der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Die Regierung gab solche Reglementierungsversuche bald auf. Sie schaffte nach zehn fruchtlosen Jahren schließlich auch die Planwirtschaft wieder ab, nachdem das Land wirtschaftlich überhaupt nicht auf die Beine kam, und ist seitdem recht beliebt, jedenfalls denkt momentan niemand an Umsturz. Exporte von Holz, Textilien und vor allem Energie nach Thailand sorgen für bescheidenen Wohlstand. Es gibt prima Bier und Smartphones. Und der Tourismus zieht allmählich auch an.

Es gibt immer einen Anlass für eine Baci-Zeremonie

Allerdings nicht hier, am unspektakulären Teil des Mekong. Unser Schiff fährt weiter flussaufwärts, und abends legen wir in einem Städtchen an. Wir flanieren am Ufer entlang, und in einer langen Reihe haben die Einwohner kleine Grillstationen aufgebaut. Entlang der Straße stehen Tische und Hocker aus Beton, überall sitzen Grüppchen und essen, als hätte sich der ganze Ort zu einem großen Picknick verabredet. Es gibt Spieße aller Arten, Ententeile und gekochte Eier. Die Eier sind leicht angebrütet, und man sieht den dunklen Hühnerembryo, wenn man den Löffel ins Innere sticht. Wir verzichten dankend und bleiben beim Bier. Schon von weitem sehen wir die Bar mit dem leuchtenden roten Stern. Eine kommunistische Bar?, fragen wir uns. Doch daneben tauchen grüne Leuchtbuchstaben auf: Heineken. Vor jedem Schluck muss man anstoßen, erklärt uns die Schiffsbesatzung, die auch dort sitzt, die Kellner, die Köche. Es gibt scharfen Gurkensalat mit Erdnüssen. Er scheint uns unverdächtig und embryofrei.

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