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Auf Bob Dylans Spuren : Die Tour hört einfach nicht auf

  • -Aktualisiert am

Buntkariert und an der Wand: Der Künstler Eduardo Kobra hat auch Bob Dylan verewigt. Bild: Christoph Moeskes

Was war das nur für ein Ort, von dem aus Bob Dylan in die Welt aufgebrochen ist? Ein Besuch in Hibbing, Minnesota.

          Well, if you’re travelling in the north country fair

          Where the winds hit heavy on the borderline

          Girl from the North Country, 1963

          Schön ist es in Minneapolis, wo der junge Mississippi bereits als mächtiger Strom gen Süden fließt. Kaffee wird aus großen, selbstgetöpferten Bechern getrunken, an denen man sich gut festhalten kann. Es gibt Seen und Joggingpfade, und im Skulpturenpark des Walker Art Center schwingt eine tonlose Glocke, der der Klöckel fehlt. Ein riesiges Bob-Dylan-Wandgemälde gibt es auch, denn der heute 77 Jahre alte Sänger und Literaturnobelpreisträger lebte 1959 eine Zeitlang hier. Gesprüht hat das buntkarierte Triptychon unverkennbar der Brasilianer Eduardo Kobra.

          Man könnte meinen, es würde ewig so weitergehen in Minnesota: großstädtisch-freundlich, aufgeräumt und very contemporary. Doch macht man sich auf Richtung Norden, ist all das passé. An der Interstate 35 weht ein schneidender Wind um die Tankstelle. Winter liegt in der Luft, eine erste Erstarrung, die sich bald Stück für Stück aus den Ebenen Kanadas tiefer ins Land hineinfressen wird. Aufgeschäumte Sojamilch gibt es hier auch nicht mehr, stattdessen setzt der Tankwart eine dicke Mütze Sprühsahne aus der Dose auf den Cappuccino.

          Wandbild im Greyhound Museum in Hibbing.

          Hier also beginnt es, das „schöne Nordland“, das für Dylan bereits 1963 in mythische Ferne gerückt war. Am 24. Mai 1941 wurde er als Robert Allen Zimmerman in der Hafenstadt Duluth am Lake Superior geboren. Weil der Vater Polio hatte, zog die Familie sechs Jahre später ins nahe Hibbing. Dort arbeitete Abe Zimmerman im Elektrogeschäft seiner beiden Brüder, während sein Sohn zur High School ging, wie ein Besessener Motorrad fuhr und mit seiner Freundin Echo-Helstrom-Platten hörte. Für die meisten Dylanforscher ist sie das „Girl from the North Country“.

          Hafenrundfahrt mit dünnem Filterkaffee

          Schwere Wolken hängen über dem größten der Großen Seen, die mit viel Ach und Krach, mit Schleusen und Stürmen mit dem Ozean verbunden sind. Dylans Geburtstadt liegt an einer eiszeitlichen Abbruchkante am Lake Superior. Es ist der letzte Zipfel eines extrem verdünnten Atlantiks, viertausend Kilometer vom offenen Meer entfernt. 1001 soll der Wikinger Leif Erikson aus Island auch hier gelandet sein, sagen manche Historiker. Ob’s stimmt? Immerhin ist ein Park an der Uferpromenade nach ihm benannt.

          Wollte ich wirklich hierher? Wollte ich wirklich den Blinker setzen auf dem ehemaligen U.S. Highway 61, Dylans „Highway 61 Revisited“? Ich höre Dylan, seit ich 14 war. Damals sang ein merkwürdig gelockter Mann mit noch merkwürdigerer Inbrunst „When the Nights Comes Falling from the Sky“. Es war eine gnadenlos überproduzierte Disconummer. Und doch war es besser als alles, was ich bisher gehört hatte. So begann mein Eintritt ins Dylan-Universum. Und irgendwann wollte ich hierher. Wollte hören, wie das Auto über die Aerial Lift Bridge fährt, über jene hoch- und niedergleitende Eisenkonstruktion, die den Schiffen die Einfahrt vom Lake Superior in den Hafen ermöglicht. Es sirrt und heult wie ein startendes Propellerflugzeug, wenn man mit 15 miles per hour über die Eisengitterstraße fährt. Ich wollte spazieren gehen in der Waterfront Area mit ihren wieder flottgemachten Fischrestaurants, Outdoor-Läden und Mikrobrauereien. Wollte hören vom Eisenerz und Holz, das seit mehr als hundert Jahren von hier über die Großen Seen verschifft wird – und sei es nur während einer Hafenrundfahrt mit dünnem Filterkaffee.

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