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Atlantische Segelregatta : Barfuß über den Teich

  • -Aktualisiert am

Endlich Karibik! Wer mit seinem Segler in St. Lucia ankommt, war vorher drei Wochen auf dem Atlantik unterwegs. Bild: Sven Weniger

Die Atlantic Rally for Cruisers gehört zu den beliebtesten Regatten der Welt. Jedes Jahr lockt die Atlantiküberquerung Hunderte von Seglern aus aller Welt an. Im Dezember endet sie auf St. Lucia.

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          Der Schrei kommt aus tiefstem Herzen. In dem Augenblick, als Mareike Guhr von ihrem Boot aus die Berge St. Lucias aus dem Wolkenvorhang auftauchen sieht, fällt alles von ihr ab. Vorbei die ständige Muskelspannung auf ihrer schwankenden Yacht; vorbei der Schlafentzug und der anstrengende Wechsel zwischen dem Kampf mit den Wellen und immer wiederkehrenden, eintönigen Flauten. „Erst jetzt, nach zweiundzwanzig Tagen auf dem Meer, habe ich das Gefühl, etwas Besonderes erreicht zu haben“, sagt die junge Skipperin aus Hamburg. Sie lächelt selig.

          Thomas Kanzler aus Diessen geht es ähnlich: „Nach drei Wochen auf See wieder Land unter den Füßen zu haben ist sehr bewegend“, sagt er. Die beiden stehen auf dem Pier der Marina von Rodney Bay, haben sich zuvor noch nie gesehen. Und doch haben sie gerade zusammen den Atlantik überquert. Mal ganz nah beieinander, mal Hunderte von Seemeilen voneinander entfernt - so genau weiß das niemand. Sicher ist jedoch, dass sie am selben Tag, zur selben Zeit im Yachthafen von Las Palmas gestartet sind, zusammen mit über zweihundert anderen Booten und mit demselben Vorsatz: so schnell wie möglich die fünftausend Kilometer entfernte Karibikinsel St. Lucia zu erreichen.

          Beten für günstige Passatwinde

          Die Atlantic Rally for Cruisers, kurz ARC, wird seit dem Jahr 1986 veranstaltet. Sie wurde von dem Segler Jimmy Cornell gegründet und sollte Fahrtenyachten bei der Atlantiküberquerung auf der Passatroute die Möglichkeit geben, in einer Flotte mehr Sicherheit und im Notfall Unterstützung zu haben. Inzwischen ist die ARC eines der beliebtesten Segelrennen der Welt und offen für Fahrten- wie Regattasegler, für Einrumpfboote wie für Katamarane. Man kann sich ganz allein oder als Team den Passatwinden anvertrauen und auf hoher See vor sich hin dümpeln, wenn die gerade nicht wehen. Oder man wirft den Motor an, damit es weitergeht.

          Ein Bewertungsraster nach IRC-Reglement sorgt dafür, dass Bootsklassen und -technik miteinander verglichen werden können. Es gibt Handicaps. Zu viel Motoreinsatz bedeutet Strafzeiten. Nicht das erste einlaufende Boot gewinnt also notwendigerweise das Rennen, sondern der Sieger steht oft erst fest, wenn alle Yachten wieder im Hafen sind. Aus Großbritannien, Norwegen und Deutschland kommen die meisten Teilnehmer. Insgesamt melden sich jedes Jahr passionierte Segler aus bis zu dreißig Nationen an, um im Winter an der Regatta teilzunehmen. Ihr Veranstalter ist der britische World Cruising Club.

          Im Kielwasser von Christoph Kolumbus

          Jeder Teilnehmer kann sich online registrieren, entweder mit eigenem Boot oder als Crewmitglied. Jeder wählt seine Segel-Route selbst, die Teilnehmer werden mit Wetterdaten versorgt. Jedes Boot ist außerdem mit Yellowbrick-Tracker ausgestattet, das ist ein satellitengesteuertes Ortungssystem, das der Rennleitung alle sechs Stunden den aktuellen Standort der Yachten anzeigt. Auch die Familien können damit jederzeit über Internet erfahren, wo ihre Angehörigen gerade sind. Das gibt ihnen Sicherheit, denn was auf See passiert, weiß man schließlich nie. Für jeden, der einmal im Leben den Atlantik im eigenen Boot überqueren will, bietet die ARC jedoch den idealen Rahmen. Es ist eine unvergessliche Erfahrung, von der jeder lange zehrt.

          Barfußroute heißt die Rennstrecke in die Karibik im Seglerjargon. Auf ihr war schon Kolumbus unterwegs. Doch wer glaubt, mühelos über den Atlantik schippern zu können, nur weil stets angenehme Temperaturen ein Leben an Bord ohne Schuhe zulassen, der irrt: Was zunächst einfach klingt, birgt Risiken in sich. Bei vielen Seglern gilt der Atlantik als Hexenkessel, in dem das Wetter von einer Sekunde auf die andere umschlagen kann.

          Der erste Landgang ist ein Schock

          So zuverlässig, wie man meint, ist der Passat gar nicht“, sagt Mareike Guhr: „Wasser, Wellen, Wolken und Licht wechseln oft, sind niemals gleich. Man muss sich ständig auf neue Situationen einstellen.“ Die Hamburgerin brauchte eine Woche länger als üblich ist für die Passage - der Wind blieb aus. Auch Thomas Kanzler war mit kleiner Crew unterwegs. Der erste Landgang ist deshalb ein Schock: die vielen Menschen, der Rummel in Rodney Bay. Doch wenn man lange auf See war, erscheint die Welt an Land auch winzig.

          Längst ist die ARC viel mehr als ein Langstreckenrennen für Segelyachten. Schon vierzehn Tage vor der Rallye stimmen sich die Crews in Las Palmas mit Veranstaltungen auf die Wettfahrt ein. Richtig gefeiert wird allerdings erst, wenn die Anstrengung abgefallen ist. Seitdem St. Lucia Barbados als Zielhafen abgelöst hat, wird der früher verschlafene Küstenort Rodney Bay jedes Jahr im Dezember zur karibischen Partymeile. Jede Crew wird an Bord mit Kokospunsch begrüßt, die lokale Presse ist selbstverständlich mit dabei, um über alle Details zu berichten. Es gibt Stegpartys mit Steelbands, bei denen man Kontakte zu Seglern aus aller Welt knüpfen kann. In Holzbuden direkt am Boardwalk des Yachtclubs werden die Segler mit lokalen Köstlichkeiten versorgt. Und im Nachbarort Gros Ilet tanzt man bei der Jump-up-Straßendisko.

          Schutz vor Hurrikans

          Der Ort Rodney Bay selbst ist nur zehn Minuten vom Yachtclub entfernt und hat mit seinen Bars, Lokalen, Hotels und Geschäften in den vergangenen Jahren einen Riesenschritt in die Moderne gemacht. Die vielen Segler aus dem Ausland brachten Geld auf die Kleinen Antillen, viele von ihnen kauften Land, rund um die Bucht entstanden Villen. Die Regierung des nicht gerade finanzstarken Inselstaats investierte in die Infrastruktur. Es gibt einen Direktflug von St. Lucia nach Frankfurt. Wer sein Boot in der Karibik lässt, weiß dies zu schätzen.

          Die Rodney Bay Marina selbst gehört zu den modernsten der Karibik und bietet Seglern nicht nur alle Technik, um notwendige Reparaturen vorzunehmen. Die Bucht ist wegen der Landzunge, die sie fast umschließt, auch gut vor Hurrikans geschützt. Außerdem liegt St. Lucia strategisch günstig fast in der Mitte des Antillengürtels - für die Weiterreise gibt es dadurch ein Füllhorn an Optionen. Für Mareike Guhr und Thomas Kanzler aber ist der gemeinsame Weg hier zu Ende. Er wird ins kalte Deutschland zurückkehren. Die junge Frau aber setzt ihre Weltumseglung noch ein wenig fort. Die Regatta war nur der Anfang eines Abenteuers.

          Unter Segeln über den Atlantik

          Anreise: Die Fluggesellschaft Condor fliegt immer donnerstags von Frankfurt aus nach St. Lucia. Auskunft und Registrierung zur ARC 2012 sind möglich im Internet unter der Adresse www.worldcruising.com/arc.

          Allgemeine Informationen gibt es beim St. Lucia Tourist Board, Eckenheimer Landstr. 483, 60435 Frankfurt, im Internet unter www.stlucia.org.

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