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Typisch deutsch (6): : Bitte nicht mehr lächeln, wir sind in Deutschland

Stichwort Befriedigung. Die Touristen sitzen jetzt in den Restaurants, die sich um die Heiliggeistkirche an der Hauptstraße gruppieren, und essen die typisch deutsche „Pizza vier Jahreszeiten“ oder typisch deutsche, asiatische Nudelgerichte. Einige trauen sich sogar, Bier zu trinken. Bestens besucht ist das Restaurant „Saigon Sonne“ im „Gasthaus zur Goldenen Sonne“. Danach geht es weiter, immer die Hauptstraße entlang, eine der längsten Fußgängerzonen Europas, in der viele bedeutende Bauwerke liegen, Kurpfälzisches Museum, das Studentengefängnis, das auch Mark Twain schwer beeindruckte, und viele mehr, an denen sich die Touristen tapfer entlangknipsen.

„I love Bier“

Dann kommen die Souvenirläden. Zum Beispiel ein Geschäft, in dem es T-Shirts zu kaufen gibt, mit der Aufschrift „I love Heidelberg“, „I love Germany“ und sicherheitshalber auch noch „I love Bier“. Das Herz hat die Form eines Bierglases, halb gefüllt. Eine Asiatin bleibt stehen und macht: ein Foto.

Gegenüber ist ein Geschäft mit dem Namen „Unicorn“, in japanischen Schriftzeichen. Dass es japanische Schriftzeichen sind, erklärt die Verkäuferin, eine Asiatin. Drinnen gibt es Nussknacker in allen Variationen, im Husarenkostüm, als Gendarm, König und Förster, Nussknacker mit Gewehren, Nussknacker mit Exerzierstab, Nussknacker mit Besen. Darüber japanische Schriftzeichen und ein Hinweis auf Deutsch: „Kann tatsächlich Nüsse knacken!“ Außerdem gibt es hier Kuckucksuhren, an denen vergoldete Tannenzapfen hängen, sowie Ansichtskarten, Miniaturen und Holzstiche vom Heidelberger Schloss. Im Angebot sind ansonsten mehrere Kuscheltiere, zum Beispiel ein Schwein oder ein Frosch, und außerdem noch ein Set Kochtöpfe, „garantiert deutsche Qualität“.

Abends ist es hier wieder still, denn alle verschwinden auf ihre Schiffe und in ihre Busse.

Etwas weiter unten befindet sich ein Laden mit dem Namen „Memories of Heidelberg“, der anbietet, was den anderen Geschäften offenbar fehlt: original polnische Keramik und Schweizer Taschenmesser. Ein asiatisches Pärchen läuft durch, eine Minute hier, eine Minute da, sie will ein Taschenmesser, er weigert sich standhaft. Als sie wieder nach draußen treten, hat die Dämmerung eingesetzt. So schnell, wie sie gekommen sind, sind die Touristen verschwunden, zurück in die Boote, Flugzeuge und Hotels. Vereinzelt stehen sie noch in Gruppen, im Schein von Leuchtreklamen, aber immer in der Nähe zum Hoteleingang. Die einsetzende Dunkelheit scheint ihnen nicht geheuer zu sein.

Das Heidelberger Schloss steht im Scheinwerferlicht. Kantig hebt sich seine Silhouette vom Nachthimmel ab, mit einem Mal wirkt diese Ruine geheimnisvoll und verwinkelt. Vielleicht haben Romantiker sie so empfunden, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als sie den Bau zu ihrem Wahrzeichen erkoren, nachdem die Mächtigen ihn fast hundert Jahre lang hatten verfallen lassen. 1693 sprengten Franzosen die Türme und Mauern des Schlosses, bei der Einnahme der Stadt. Danach sollte die Ruine erst als Steinbruch für andere Fürstenresidenzen dienen, dann wiederaufgebaut werden, dann mangels Geld komplett abgerissen werden, dann blieb doch alles so, wie es war. Fotos gibt es von diesen Episoden allerdings nicht, höchstens ein paar Gemälde. Also nicht so wichtig.

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