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Typisch deutsch (6): : Bitte nicht mehr lächeln, wir sind in Deutschland

Später verkauft Niederauer seine Bilder für acht Euro das Stück. Er muss jeden Monat Pacht an das Land Baden-Württemberg zahlen, und irgendwie muss das Geld wieder reinkommen. Aber obwohl 2014 ungefähr 1,1 Millionen Menschen das Heidelberger Schloss besuchten, so viel wie noch nie, laufen seine Geschäfte schleppend. Denn sobald er die Fotos entwickelt hat, fangen die Leute an, sie abzufotografieren, statt zu kaufen. Immerhin: Er hat auch schon die Klitschko-Brüder abgelichtet. Die haben es nämlich ebenfalls hierher geschafft.

Manchmal kommen sogar Deutsche

Auch ein paar Franzosen sind gekommen. Sie stehen leicht genervt zwischen den asiatischen Reisegruppen herum, vielleicht, weil sie als einzige keine Kamera dabei haben. Daneben ein brasilianisches Pärchen, das einen Tag zuvor in München war und verzweifelt versucht hat, sich auf dem Oktoberfest zu betrinken. Man nahm ihnen allerdings an jedem Zelteingang die Biere ab. Nun sitzen sie in der Nähe des Brunnens, „zwischen genauso vielen Verrückten“.

„Ameisenspeise!“ – Die Deutschen sind hier deutlich in der Minderheit.

Und manchmal kommen sogar einige Deutsche. Da die Sprachen am Schloss in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit Japanisch, Koreanisch, Englisch und Arabisch sind, wirken sie aber etwas verloren. Weißhäuptig laufen sie durch den Innenhof, mit unbestreitbar praktischem Schuhwerk und hauchen ihr museales „Cheese“ in die Kamera, als wären sie ein Teil der Kulisse. „Ameisenspeise!“, sagt ein Mann als Lächelaufforderung zu seiner Frau, die am Brunnen posiert. Er fotografiert sie, ein Asiate fotografiert ihn.

Auf die Frage, wie es ihm hier gefällt, antwortet der Asiate: „Yes, very like.“ Viel mehr kann er jetzt auch nicht sagen, denn in einer Stunde geht es in die Heidelberger Altstadt, am nächsten Tag nach Paris, am darauffolgenden nach Basel, dann zurück nach China, und er muss noch Fotos machen. Auch die anderen Reisegruppen müssen sich beeilen. Manche klappern mit dem Boot die Sehenswürdigkeiten am Rheinufer ab. Ihre Reiseführer halten bunte Schilder mit den Namen der Schiffe hoch, damit sie vor lauter Attraktionen keiner vergisst. Sie heißen zum Beispiel „Amadeus“, „Amacello pink“ oder „Amacello yellow“. Ganze Divisionen ziehen so durch die Burggräben und den weitläufigen Garten, als hielten sie eine Militärparade ab.

Das Spinnennetz der Straßen und Gassen

Bis es plötzlich, am Nachmittag so wirkt, als sei der ganze Spuk vorbei. Die Sonne hat den Kampf gegen die Nebelschwaden gewonnen. Eine Gruppe muslimischer Frauen macht ein Picknick im Halbschatten, nur ein Verirrter lässt sich noch ablichten, vor einem Baum. Es herrscht fast so etwas wie Stille. Aber das täuscht. Die Touristen sind nur woanders.

Sie haben den Abstieg begonnen, von der Schlossruine durch die Gassen, zurück in die Altstadt. Von dort schaute vor etwa hundertdreißig Jahren auch der Schriftsteller Mark Twain auf die Stadt Heidelberg herunter. Seine Eindrücke beschrieb der Amerikaner im Werk „Bummel durch Europa“ mit diesen Worten: „Die Stadt lag, lang entlang des Flusses hingestreckt. Das verschlungene Spinnennetz der Straßen und Gassen strahlt wie Juwelen im glitzernden Licht. Hinter dem Schloss erhebt sich ein Hügel wie ein Dom, mit Wald bedeckt, und dahinter ein prächtiger und erhabener Berg.“

 „Die Stadt lag, lang entlang des Flusses hingestreckt. Das verschlungene Spinnennetz der Straßen und Gassen strahlt wie Juwelen im glitzernden Licht.“ So sah es Mark Twain, und so sieht es hier bis heute aus.

Typisch deutsche, asiatische Nudeln

Twain wusste: „Um gut zu wirken, muss eine Ruine den richtigen Standort haben. Diese hier hätte nicht günstiger gelegen sein können. Sie steht auf einer die Umgebung beherrschenden Höhe, sie ist in grünen Wäldern verborgen, um sie herum gibt es keinen ebenen Grund, sondern im Gegenteil bewaldete Terrassen, man blickt durch glänzende Blätter in tiefe Klüfte und Abgründe hinab, wo Dämmer herrscht und die Sonne nicht eindringen kann. Die Natur versteht es, eine Ruine zu schmücken, um die beste Wirkung zu erzielen.“ Von oben schaute das Schloss herab „auf die kompakte Fläche der braun gedeckten Dächer der Stadt. Und von der Stadt her überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluss. Niemals habe ich mich an einem Blick erfreuen können, der solch einen befriedigenden Charme ausstrahlte wie diesen hier.“

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