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Aserbaidschan : Gepriesen sei der Vater des Vaterlands

  • -Aktualisiert am

Alter Glanz, moderne Geschäfte: Die Fußgängerzone in der vorbildlich restaurierten Altstadt von Baku. Bild: Franz Lerchenmüller

Das Öl hat Aserbaidschan reich gemacht, der Grand Prix Eurovision in Baku rückt es ins europäische Bewusstsein. Eine Fahrt durch ein eigenartiges Land.

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          Der große Steuermann Heydar Alijew schreitet unbeirrt voran, und zwar hundertfach in jedem Winkel seines Reiches. In der Hauptstadt Baku zum Beispiel grüßt der einstige Regierungschef unter anderem von seinem Sockel im Heydar-Alijew-Garten zur schwarz-goldenen Fassade der Nationalbank hinüber, gespiegelt vom blanken Marmor zu seinen Füßen, umgeben von sternförmigen Brunnen, beschattet von mächtigen Obelisken. Wiewohl schon 2003 dahingeschieden, ist der selbstlose Diener und weise Ratgeber seines Volkes, der ein wenig an den französischen Schauspieler Yves Montand erinnert, so präsent in Aserbaidschan wie Wasserspiele, Teestuben und die Mobilfunkfirma Azerfon, die zweien seiner Enkelinnen gehören soll. Ein Despot? Ein immer noch geliebter Patriarch? Ein Symbol, um das Land zusammenzuhalten? Das sind Fragen, die man sich spätestens beim dritten Alijew-Denkmal stellt.

          Die Zwei-Millionen-Stadt Baku hat sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren rasant entwickelt. Im Jahr 2006 wurde die Pipeline von Baku nach Ceyhan in der Türkei fertiggestellt, mit 1770 Kilometern die zweitlängste der Welt. Sie erleichtert den Ölexport erheblich, und nun strömt nicht nur jede Menge Öl aus dem Land hinaus, sondern auch jede Menge Geld hinein. Geradezu ameisenhaft wird in Baku gebaut. Was dabei im Schatten der Kräne entsteht, ist meist recht konventionell: klobige Hochhäuser mit abgerundeten Ecken und vielen Balkons, mit hellem Sandstein verkleidet. Nur zwei längliche Wolkenkratzer und die "Drei Flammen" fallen aus dem Rahmen. Im nächsten Jahr sollen die drei gen Himmel züngelnden, mit Spiegelglas verkleideten Büro- und Wohntürme fertig sein. Wie die Zacken einer Krone werden sie dann die Silhouette der Stadt überragen - oder wie die Zipfel einer Narrenkappe, sagen jene, die lieber Ärzte und Lehrer anständig bezahlen würden, als Monumente der Prunksucht zu errichten.

          Blick auf die Skyline von Baku. Bilderstrecke
          Blick auf die Skyline von Baku. :

          Goldene Ziegel auf der Philharmonie

          Den Grundstein des jetzigen Booms hat Heydar Alijew gelegt, das sagen auch seine Kritiker. Er war von 1969 bis 1982 KP-Chef der sowjetischen Teilrepublik Aserbaidschan und wurde 1993 wieder gerufen, als das Land auseinanderzubrechen drohte. Alijew beendete den Karabach-Krieg mit Armenien und schloss mit westlichen Firmen einen "Jahrhundertvertrag" über die Erschließung der Ölfelder im Kaspischen Meer. Gleichzeitig sicherte er rücksichtslos seine Macht, erwies sich als großzügiger Versorger seiner Familie und setzte, bevor er starb, seinen Sohn Ilham als Regierungschef durch. Dieser hat sich per Verfassungsänderung die Chance gesichert, bis zum Sankt Nimmerleins-Tag an der Macht zu bleiben. "Und er gibt sich immer weniger Mühe, ein demokratisches Image aufrechtzuerhalten", sagt die Journalistin Chadija Ismayilova, die unter anderem für den amerikanischen Sender Radio Liberty arbeitet. "Die Polizei ist brutal. Wer zum Beispiel bei Demonstrationen festgenommen wird, muss damit rechnen, dass auch seiner Familie etwas wiederfährt."

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