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Weiß auf schwarz: Die Streifen sollen die Feinde des Zebras verwirren. Bild: © Win Schumacher/Weltwege

Artenschutz durch Tourismus : Eine Alternative zur Serengeti?

  • -Aktualisiert am

Ruanda empfängt wieder Safari-Touristen. Im Akagera-Nationalpark sind sie allein in einer immer wilder werdenden Welt, die seit Jahren auch große Tiere anzieht. Ist das Schutzgebiet eine Alternative zur Serengeti?

          7 Min.

          Als irgendwann kurz nach Mitternacht der Löwe brüllt, ist die Pandemie plötzlich vorbei. Ein Schauer kriecht über die feuchte Haut. Das Tier kann nicht mehr als ein paar Antilopensprünge hinter der Zeltwand stehen. Schlagartig ist der eben noch schlaftrunkene Gast aus Europa hellwach und mitten in Afrika. Sogar das friedliche Grunzen der Flusspferde ist verstummt. Nur das notorische Quaken der Riedfrösche durchdringt weiter die Nacht.

          Eben noch geisterten chinesische Geschäftsleute in Sicherheitsanzügen, die sie wie Astronauten aussehen ließen, durch den Flughafen von Addis Abeba; ein Roboter maß die Temperatur erschöpfter Passagiere bei Ankunft in Ruanda; eine schweigende Schwester in Polyesterhülle mit OP-Maske und Plastikvisier stocherte nach dem Virus im Rachen – erneuter Test in irgendeinem Zimmer im dritten Stock eines City-Hotels in Kigali. Wer in diesen Tagen Grenzen überwinden will, wird engmaschig getestet und darf sich – so er reisen darf – ziemlich sicher sein, nicht Träger des Covid-19-Virus zu sein.

          Natur aus den Fugen

          Mit dem Brüllen des Löwen ist das aufwendige, kostspielige und zeitraubende Prozedere vergessen. Da liegt man also angestrengt lauschend in einem Safari-Zelt, und das einzige bisschen Angst in einer Welt aus den Fugen ist ein Tier, von dem man sehr wohl weiß, dass Touristen hinter Zeltwänden nicht ins Beuteschema passen. Selbst dann nicht, wenn sie tatsächlich vergessen haben sollten, den Zelteingang richtig zu verschließen.

          Am frühen Morgen sind die wilden Gedanken verflogen. Der Löwe ist anscheinend verschwunden. Im sagenhaft friedlich daliegenden Rwanyakizinga-See vor dem Zelt baden eine Flusspferdmutter und ihr Kind. Blatthühnchen tänzeln über einen Schwimmpflanzenteppich. Irgendwo ruft ein Schreiseeadler seinen vertrauten Ruf nach der Geliebten. Und auf einmal ist es da und wird von nun an nicht mehr weichen: das Glück, zurück in der Wildnis Afrikas zu sein, ein Gefühl, nach dem man sich monatelang gesehnt hatte, nach Wochen und Monaten des Lockdowns.

          Sie sind zurück: Elefantenherde im Akagera-Nationalpark.
          Sie sind zurück: Elefantenherde im Akagera-Nationalpark. : Bild: Win Schumacher

          Drew Bantlin mag über diese ausgehungerten Großstädter nur verlegen lächeln. Der Zoologe hat den Lockdown in der Wildnis von Akagera verbracht – nach all den Monaten überhaupt einem fremden Menschen zu begegnen ist für ihn geradezu exotisch. Furcht vor dem Virus liegt ihm schon deshalb fern, weil eine staatliche Verordnung in Ruanda vorsieht, dass jeder, der einen Nationalpark betritt, nachweislich negativ getestet sein muss.

          Gerade ist der gebürtige Amerikaner aus Arizona mit zwei einheimischen Mitarbeitern unterwegs, um im Norden des Schutzgebiets zwei Spitzmaulnashörner zu beobachten, die er mit einem neuen Sender ausgestattet hat. Die Artenschützer orten die Tiere mit Hilfe einer Antenne. Olmoti, die Nashornkuh, die sie gerade verfolgen, scheint dem Forscher und seinem Team heute nicht viel Beachtung zu schenken. Sie verzieht sich gleich wieder ins Unterholz, nachdem sie kurz den Weg der Männer gekreuzt hat. „Sie geht uns aus dem Weg“, sagt Bantlin, den die Tiere sehr gut kennen, „das ist auch gut so!“

          Das Nashorn aus Zürich

          Olmoti ist eigentlich Schweizerin. Sie wurde im Zoo Zürich geboren und lebt erst seit Juni 2019 in der afrikanischen Wildnis. Zuvor traf sie mit vier weiteren Nashörnern in einem tschechischen Safaripark zusammen. Von dort wurde die Gruppe zur Wiedereinführung in den Akagera-Nationalpark nach Ruanda gebracht. „Es war die größte Aktion dieser Art überhaupt“, sagt Bantlin. Nach einer Eingewöhnungsphase in einem Gatter leben die Nashörner nun in freier Wildbahn, jedoch ständig begleitet von Bantlin und seinem Team. „Das letzte Nashorn wurde in Akagera 2007 gewildert“, erzählt Bantlin, „2001 hatten Viehhirten bereits den letzten Löwen getötet.“ Das letzte Tier wurde wahrscheinlich von Hirten vergiftet, die um ihre Herden fürchteten. Infolge des Völkermords von 1994 hatten unter anderem rückkehrende Flüchtlinge aus Uganda das einst riesige Gebiet in eine Viehweide verwandelt. Elefanten, Büffel und Antilopen wurden von Wilderern dezimiert. Akagera war eines großen Teils seines berühmten Wildreichtums beraubt, Ruandas letztes Savannen-Ökosystem drohte für immer zu verschwinden.

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