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Aromakrimis : Dies ist eine Touristenfalle, n’est-ce pas?

Der schöne Schein trügt: Die Croisette taugt nun auch als Revier für Krimis. Bild: TipsImages / vario images

Ob Wiesbaden- oder Sylt-Krimi: Kriminalromane stellen zunehmend ihre Schauplätze in den Vordergrund. Die Einheimischen freuen sich über Wiedererkanntes, Touristen über Feriengefühle.

          Der Regionalkrimi kam in den achtziger Jahren auf. Ursprünglich verband sich mit ihm die Absicht, Verbrechensgeschichten „von unten“ zu schreiben, also mit ethnographischer Kenntnis über lokale Verstrickungen. Inzwischen gibt es ein Internetportal, auf dem man eine Karte anklicken kann, um Krimis nach Bundesländern sortiert zu bekommen. Auf den Buchcovern steht „Wiesbaden-Krimi“ oder „Alpen-Krimi“ oder „Tatort Niederrhein“. Unter jedem dieser Titel sind mehrere Autoren tätig. Ganze Verlage haben ein Programm auf regionalem Morden aufgebaut.

          Wie kommt das? Handelt es sich um ein literarisches Pendant zum ausgeprägten Föderalismus ohne Metropolentradition? Die starke Regionalisierung der Fernsehkrimis, die an der Struktur der Anstalten hängt, wäre dazu der Vorläufer. Der Erfolg von „Midsomer Murders“, wie Inspektor Barnabys Fälle im Original heißen, zeigt aber an, dass auch in ausgesprochen zentralistischen Ländern der Wunsch nach heimatlich-unheimlichen Peripherien blüht.

          Man könnte lakonisch sagen: Irgendwo müssen Romane ja spielen. Insofern sind alle Romane irgendwie Regionalromane, von „Wilhelm Meister“, „Moby Dick“ oder „Krieg und Frieden“ mal abgesehen. Doch auch wenn sich das Romanpersonal nicht stark im Raum bewegt, zögert man, „Madame Bovary“ einen Normandie-Roman zu nennen. Anders beim Kriminalroman. Man kommt in den Laden, um ein Exemplar der Gattung zu kaufen. Gerade deshalb ist der Aufstieg des Regionalkrimis bemerkenswert - weil auf seinem Cover jetzt zwei Genrebezeichnungen stehen: Krimi und Schauplatz.

          Topographien, Kleinmilieus, kommunale Elite

          Auch bei Kriminalromanen waren natürlich die Schauplätze nie gleichgültig. Lokales Wissen ist bei jedem Mord wichtig, ob nun in Stockholm oder im erfundenen südwestenglischen Causton: Topographien, Kleinmilieus, die Kenntnis der ortsansässigen Wirtschaft, der kommunalen Elite. Die Leser zu unbekannten Orten mitzunehmen passte außerdem seit jeher gut zur Aufforderung an sie, jedes Detail für eventuell wichtig zu halten.

          Es muss mithin einen besonderen Grund geben, auf den Buchdeckel eigens draufzuschreiben, wo ermittelt wird. Genauer sind es wohl zwei Gründe, beide liegen im Buchmarkt. Denn was kann es für Motive geben, einen „Darmstadt-“ oder einen „Nordfriesland-Krimi“ zu erwerben? Angesichts der jeweiligen Besiedlungsdichte sind es wohl unterschiedliche.

          In Darmstadt wird die lokale Mitleserschaft angesprochen. Das Motiv liegt im Versprechen des Wiedererkennens. Man unterstellt es automatisch: Inzwischen sind die ersten Klagen von Leuten zu hören, denen zum dritten Mal derselbe Darmstadt-Krimi geschenkt wurde. Über den Kreis der Ortsansässigen und ihrer Bekannten hinaus dürfte die pure Tatsache, dass in Darmstadt gemordet wurde, aber kein Kaufmotiv sein.

          Der Regionalroman wird touristisch nachgewürzt

          Wäre andererseits der Sylt-Krimi auf lesende Eingeborene angewiesen, hätte er keinen großen Markt. Bei diesem Typ Regionalkrimi sind es gerade die Ortsfremden, für die produziert wird. Nirgendwo zeigt sich das gerade deutlicher als in den „französischen“ von Jean-Luc Bannalec, die ein deutscher Bretagne-Tourist für deutsche Touristen schreibt, denen gerade im selben Verlag aufmachungsähnlich ein Côte-d’Azur-Krimi folgt.

          Der Ermittler kommt gerade aus Paris, teilt also angeblich die Fremdheit mit dem Leser. Auch ihm muss erklärt werden, was ein Pan Bagnat ist - obwohl das ungefähr so ist, als wüsste ein Berliner Kommissar nicht, was Weißwürste sind. Auch der Pariser schwärmt in einem fort von Landschaft, Küche, Südlichkeit und geht in Cannes sogar zu Fuß, weil er „ein bisschen Festivalatmosphäre schnuppern“ will.

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