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Architekturreise : Leben auf dem Wüstenplaneten

Aus dem Restaurant von Arcosanti schaut man in die Steinwüste Arizonas. Bild: Niklas Maak

Eine Fahrt in die Vergangenheit der Zukunft: Mit Taliesin West und Arcosanti in Arizona bauten utopische Architekten des 20. Jahrhunderts die wildesten Träume

          Von Phoenix, Arizona, fährt man etwa eine Stunde auf dem Black Canyon Freeway nach Norden, vorbei an Ortschaften, die Anthem, Hymne, heißen, über Straßen, die wie mit dem Lineal in die Steinwüste gezogen wurden. Die Temperatur liegt konstant bei 28 Grad, das Wort Luftfeuchtigkeit klingt wie ein Widerspruch, eine Ausfahrt heißt Bloody Basin Road. Die Farbe Grün ist hier sehr selten und taucht nur in Form von Kakteen auf, die wie irritierte Außerirdische am Mittelstreifen stehen. Die Trucks haben sehr breite Reifen, auf der Heckklappe steht „Chevrolet“ und „Trump“, ein Name, der genau genommen ja auch so klingt wie das Geräusch, das entsteht, wenn man die Tür des Trucks zu- oder sein Gewehr auf die Ladefläche schmeißt: ein trockener Rumms, Metall auf Blech. Das Geräusch der Flyover-Staaten.

          Ohne seinen Rückspiegel

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Umso mehr fällt hier der uralte champagnerfarbene, verbeulte Volvo 740 auf, mit dem ein paar Neohippies auf dem Interstate 17 Richtung Norden fahren (der Fahrer, ein langhaariger Mittzwanziger, fährt mit Cruise Control und hat den linken Fuß aus dem offenen Seitenfenster gehängt, im Rückspiegel sieht er so nichts mehr, aber vielleicht ist das auch eine Hommage an den großen amerikanischen Architekten und Autofanatiker Frank Lloyd Wright, der gern die Rückspiegel an seinen Sportwagen entfernte, und zwar mit der Begründung, dass das, was hinter ihm liege, ihn prinzipiell nicht interessiere). Es gibt in diesem Land der Trucks und der Kakteen und der rotgebrannten Nacken nur einen Grund für ein paar empfindsame dünne Jungs mit langen Haaren, nach Norden in Richtung Flagstaff zu fahren – und das ist die utopische Experimentalstadt Arcosanti.

          Die Betonbögen von Arcosanti. In dieser Utopie gemeinschaftlichen unentfremdeten Lebens sollten einmal fünftausend Menschen leben.

          Nach Arcosanti kommt man, wenn man hinter dem Agua Fria River bei einem Ort mit dem schönen deutschen Namen Mayer den Interstate Highway 17 verlässt und auf einer Schotterpiste in die Wüste fährt, immer geradeaus. Wenn man hier aus dem klimatisierten Auto aussteigt, ist es, als wenn einem jemand einen Föhn in den Mund hält, so trocken, so heiß ist die Luft. Schwarze Kühe, Hügel im blauen Dunst, weite Landschaft. Man hört es knistern im trockenen Gestrüpp, man hört ein Klappern im Präriegras, man sieht ein Schild, das hohe, feste Stiefel empfiehlt. Warnung vor den Skorpionen („Check your shoes, check your bed“). Warnung vor der Schwarzen Witwe, einer Giftspinne. Warnung vor den Klapperschlangen („Stay away from the snake if you see one“). Kein guter Ort, um eine neue Welt zu bauen?

          Das unentfremdete Leben

          Nichts weniger wollte der italienische Architekt Paolo Soleri, der 1919 in Turin geboren wurde und in Vietri sul Mare Keramikfabriken baute, bevor er 1956 mit seiner Frau Colly nach Arizona umsiedelte und sich für wenig Geld ein großes Stück Wüste kaufte. Dort wollte er das entstehen lassen, was er Arcology nannte, eine Mischung aus Architecture und Ecology. In den fünfziger Jahren, in denen in Amerika die Vororte gar nicht schnell genug zersiedelt und die Einfamilienhäuser und die Straßenkreuzer gar nicht groß genug sein konnten, galt sein Vorhaben, in der Wüste ohne Autos auf möglichst wenig Raum in einer „Utopie gemeinschaftlichen unentfremdeten Lebens“ zu wohnen, als seltsame Spinnerei.

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