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Frankreich : Als Farbe einzog in den Schnee

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Einhundert Ferienhäuser

Fortan entwickelte Le Même für Fassaden und Interieurs in den Bergen die schönsten Materialien, das Spiel der Texturen und die Harmonie der Farben weiter, wie er sie in Paris bei Lehrmeistern wie Emile-Jacques Ruhlmann und Robert Mallet-Stevens gesehen hatte. Und auch wenn Le Corbusier um 1930 schon weltberühmt war und Le Même nicht, begann in Megève nun ein regelrechter Bauboom. Le Même hatte die damals vermögendsten Menschen Frankreichs als Kunden, entwarf dort rund einhundert Ferienhäuser, dazu Hotels, Läden, größere Residenzen und Sanatorien.

Das Meisterwerk aber ist Le Mêmes kompromissloses eigenes Wohnhaus mit Architekturbüro von 1929. Radikal, geometrisch, mondän – mit roten Anstrich, Flachdach und Dachterrasse. Wer es sieht, weiß, dass er Le Corbusier sehr bewunderte. Innen prägen es neoplastizistische Fußbodenmosaike, eine Tapete aus der Wiener Werkstätte und im Entree ein abstraktes Gemälde, das der Hausherr nach einer Vorlage des De-Stijl-Künstlers Theo van Doesburg schuf. Im Atelier hatte Le Même einen halbrunden Schreibtisch von Jacques Adnet. Weitere Werke – das Collège Le Hameau oder das inzwischen abgerissene Hotel Albert I. – trugen sogar äußerlich kühne Art-déco-Schwünge vor. Hier imitierte Le Même „Schiffsarchitektur“: mit Geländern wie Bug-Relings und Obergeschossen, die an Deckaufbauten erinnern.

Bild: F.A.Z.

Dabei verband Le Même in Megève den Avantgarde-Stil mit den Wohnbedürfnissen der Skiurlauber. Für seine Kunden hielt er an Spitzgiebel und Schnitzdekor fest und fügte satte Farben – Rot, Grün oder Blau – als Fassadendekoration an oder serielle Gliederungsrhythmen, eine Art-déco-Trademark. Oft prägen grandiose Keramikfliesenböden mit ihren bizarren Mustern und Ornamenten das Hausinnere. 1936 erfand Le Même die „Chalets du skieur“, die Skifahrerchalets. Sie sahen bescheidener aus, boten aber den Komfort zeitgenössischer Technik, Hygiene, Ästhetik und wegen der Stahlbetonkonstruktion einen freien Grundriss. Die typische Hanglage erlaubte Skispaß von der Balkontür weg. Damit nahm Le Même einen Trumpf der Skistationen der sechziger Jahre vorweg. Heute heißt das Ganze „Ski-in-Ski-out“.

Als „das 21. Arrondissement von Paris“ bezeichnet der Künstler und Regisseur Jean Cocteau Megève. Er feierte im (von Le Même umgestalteten) Hotel Mont Blanc glanzvolle Feste – wie zu anderen Zeiten Josephine Baker, Sascha Distel, Juliette Greco und Brigitte Bardot. Auf das nach einem Cocteau-Film benannte Hotel-Restaurant „Les Enfants Terribles“ muss man allerdings noch bis mindestens Ende Januar verzichten. Dafür hat Megève Tourisme die Adressen der 40 schönsten Ferienhäuser Le Mêmes – wie Chalet le Grizzly, Chalet l’Igloo und Chalet la Sauvagine – für Spaziergänge zusammengestellt. Hinein kam man gerade nirgends. Aber die einmalig satten Farben seiner Chalets, die Wellenlinien und die Cut-outs der Balkongeländer – fast poppige, präzis in die Nadelhölzer der Balkone eingeschnittene Sonnen, Blätter oder Tannenbäume – sind oft von der Straße aus zu sehen. Sie erfreuen wissende Wanderer auch von weitem. So leuchten Henry Jacques Le Mêmes äußerst sehenswerte Häuser mit den roten, grünen, blauen Wandfeldern, Fensterläden und Dachziegeln unverzagt durch das Megève der grauen Corona-Zeit.

Der Weg nach Megève

Anreise Für Gäste aus Deutschland besteht nach der Einreise nach Frankreich derzeit keine Quarantänepflicht. Da ganz Frankreich vom RKI als Risikogebiet eingestuft ist, gelten jedoch nach der Rückkehr die üblichen Bestimmungen. Mehr dazu unter diplomatie.gouv.fr/de, allemagneenfrance.diplo.de und megeve.fr. Die Fahrt nach Megève dauert mit dem Auto acht (ab München) bzw. 13 Stunden (ab Berlin oder Hamburg). In Megève gilt aktuell eine Ausgangssperre ab 20 Uhr.

Unterkunft Private Chalets können derzeit gemietet werden, manche mit eigenem Spa, Hauspersonal und Privatkoch. Restaurants und Hotels sind geschlossen, sie dürfen frühestens ab 20. Januar wieder öffnen, gleiches gilt für Bergbahnen und Skilifte.

Le Mêmes Architektur Statt Skifahren zu gehen, kann man Le-Mêmes Architektur ansehen. Viele der 140 Bauwerke, die er in Megève seit den Zwanziger Jahren gebaut hat, existieren noch. Das Office de Tourisme hat ein Faltblatt mit den Adressen der Le-Même-Chalets und eine Broschüre zu den Kulturspaziergängen: „Balades culturelles: Les Chalets d’Henry Jacques Le Même“. Im App Store lässt sich der einstündige Dorfspaziergang, der auch Le Mêmes rotes Atelier-Wohnhaus enthält, unter „Megève, itinéraires découvertes“ auf Tablet oder Smartphone laden. Leider nur auf Französisch, realer Start ist vor dem Office de Tourisme. Mehr unter megeve.com

Allgemeine Informationen zu Reisen nach Frankreich unter de.france.fr/de

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