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Deutschland : Ich bin dann mal in der Steinzeit

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Im modernen Tourismus zählt das Erlebnis: Ein Besucher des Archäoparks zielt auf ein Schaumstoff-Wollnashorn. Bild: Christoph Moeskes

Wer durch den Archäopark Vogelherd auf der Schwäbischen Alb wandert, kommt seiner ureigensten Vergangenheit ziemlich nahe.

          4 Min.

          Die modernen Menschen von heute tragen T-Shirt und Rucksack, um ihren Hals baumeln Fotoapparate. Pünktlich um 13 Uhr versammeln sie sich am Infopoint im Archäopark Vogelherd, zwei angeleinte Pudel sind auch dabei. Es ist heiß an diesem Nachmittag im schwäbischen Lonetal, weit über zwanzig Grad, und so trinkt Annemarie Grözinger erst einmal einen tüchtigen Schluck Wasser der Marke „Eiszeit-Quelle“. Die kommenden neunzig Minuten wird sie uns durch das raffiniert gestaltete Freigelände zu Füßen der Vogelherdhöhle führen. Der 2013 eröffnete Park ist auf seine Weise einzigartig in Deutschland. Nirgendwo sonst lässt sich so leichtfüßig erleben, was es bedeutete, vor vierzigtausend Jahren ein moderner Mensch gewesen zu sein.

          Ur-ur-ur-ur-ur: Grob gerechnet zweitausend Generationen trennen uns von unseren Vorfahren aus der Steinzeit. Zweitausendmal die Vorsilbe „Ur“, dann hat man sie scheinbar dingfest gemacht, unsere jagenden und sammelnden Vorfahren. Aber eigentlich hat man zweitausendmal nur gestottert. Vierzigtausend Jahre sind zu viel, um sie sich vorzustellen – abgesehen davon, dass in der Zwischenzeit so viel passiert ist, dass unser geschichtlicher Vorstellungsspeicher heute eher einem Messie-Haushalt gleicht, so heillos zugestellt ist er. Vielleicht gerade deshalb gibt es neuerdings wieder eine verstärkte Sehnsucht nach dem Anfang und Ursprung, nach der ganz großen Stunde null, nach einer Welt, die noch nicht in Abertausende Kompliziertheiten zerfallen war, sondern einfach nur die Gattung Homo kannte, vertreten durch den Neandertaler und den modernen Menschen. Vor rund dreißigtausend Jahren verschwand die eine Art. Übrig blieb die andere, also wir.

          Schöner Schädel: eines der Exponate im Archäopark auf der Schwäbischen Alb
          Schöner Schädel: eines der Exponate im Archäopark auf der Schwäbischen Alb : Bild: Christoph Moeskes

          Unsere dreißigköpfige Zufallssippe ist mittlerweile zu einem Mammutgerüst in Lebensgröße spaziert. Das Gerüst würde wohl jeden Spielplatz dieser Welt zieren, beklettert werden darf es hier allerdings nicht. Das Mammut ist die signature figure des Archäoparks. 2006 fanden Tübinger Archäologen im Abraum der ersten Vogelherd-Grabung von 1931 eine winzige, nur 3,7 Zentimeter große Mammutfigur, komplett erhalten und so formvollendet gestaltet, dass es einem geradezu schwindlig wird. Übersehen kann man das eiszeitliche Rüsseltier jetzt nicht mehr. Es findet sich nicht nur als Gerüst wieder, sondern prangt etwa auch auf den Kaffeebechern im Parkcafé. Das Original ist glücklicherweise ebenfalls im Archäopark ausgestellt, neben einer nicht ganz so eleganten Figur eines Höhlenlöwen.

          Von Bären, Mammuts und Wollnashörnern

          Mindestens zehn Grad kälter sei es damals vor vierzigtausend Jahren gewesen, sagt Frau Grözinger, die Hand fest an die 0,5-Liter-Pet-Flasche geklammert. Die Schwäbische Alb hatte es dabei noch gut. Weite Teile Europas lagen vergletschert. In den hiesigen Flusstälern indes streiften Bären, Mammuts und Wollnashörner durch die tundrahafte, baumlose Landschaft – und der moderne Mensch, der ihnen mit verbesserter Jagdtechnik nachstellte. Was unser Archäoguide damit meint, erfahren wir an der ersten Erlebnisstation. Wir dürfen Speer werfen! Das Ziel sind die Umrisse von drei Wollnashörnern aus schwarzem Schaumstoff.

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