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Das große Graben

Von MANUEL SCHMIDGALL, Fotos von BENJAMIN SITZMANN
Wenn die Sonne aufgeht, beginnt der Arbeitstag in Aseka.

28.07.2019 · Als Grabungshelfer in Aseka in Israel lernt man das Land kennen und wird Teil seiner jahrtausendealten Geschichte. Aber Vorsicht! Man sollte wissen, worauf man sich einlässt.

I t’s a wonderful morning, guys. Yalla, wake up!“ Enthusiasmus und Motivation anderer Leute können einem manchmal auf die Nerven gehen. Aber halb so wild, wir befinden uns ja nur auf einer riesigen Baustelle, irgendwo 25 Kilometer vom Gazastreifen entfernt um 4 Uhr 45 morgens an einem Sommertag, dessen erste Sonnenstrahlen schon versprechen, die Temperaturen ohne Erbarmen auf weit über 30 Grad zu treiben. Aber die junge Amerikanerin ruft in ABC-Alarm-Abständen unerbittlich weiter: „Yalla guys, wake up! Grab some pickaxes and then up the hill.“ „Yalla“ ist ein Wort, dessen Bedeutung jeder sofort erraten kann – und so eindringlich, dass es die Israelis aus dem Arabischen übernommen haben. „Yalla“, die Studenten sollen nicht trödeln auf dem Weg den Festungshügel hinauf; sollen jede Minute der vier Wochen dauernden Grabungssaison nutzen; je tiefer man in den israelischen Boden gräbt, desto besser.

Aseka heißt die archäologische Grabungsstätte. Insgesamt 120 Leute sind auf der Riesenbaustelle beschäftigt, die meisten davon Studenten, die mit ihren Universitätsdozenten aus Heidelberg und Oldenburg, Prag, Sydney oder Tel Aviv gekommen sind. Viele Volunteers sind auch dabei. Sie haben durch die Website „Find a Dig“ der Gesellschaft für biblische Archäologie nach Aseka gefunden. Jeden Sommer arbeiten dank der Vermittlung des Portals Hunderte von Volunteers auf Ausgrabungen in Israel und Jordanien. Die Freiwilligen sind häufig Rentner aus Deutschland oder England, die sich ihren Kindheitstraum vom Schatzjäger erfüllen wollen, aber auch Abiturienten aus aller Welt mit jüdischem Hintergrund, die sich für ihre Herkunft interessieren. Und dann sind da noch die allgegenwärtigen Cosmopolit-Australier, die ihr sonst feuchtfröhliches Gap-Year um eine sinnvolle Tätigkeit ergänzen wollen.

In einem Square am Hang

Für viele Studenten ist der Urlaub auf der Ausgrabung ein lukratives Angebot: Sie arbeiten in Aseka für vier Wochen umsonst, so lange wie die Saison geht, und bekommen dafür Kost und Logis von ihrer jeweiligen Uni bezahlt. Meistens bekommen sie auch noch Leistungspunkte für ihr Studium angerechnet, und an den freien Wochenenden können sie das Land erkunden.

Ausgraben ist harte Arbeit. Morgens um vier aufstehen, per Bus zur Ausgrabung, zur Begrüßung wird man einen Berg hinaufgejagt und ehe man nach Luft japsen kann, geht’s schon los. In den verschiedenen Gebieten kann man das Pech haben, einem vier mal vier Meter großen Areal zugeteilt zu werden, in dem sich nur wertloser, 4000 Jahre alter Schutt befindet. „Keep going down and let’s hope you’ll find some cool shit!“, sagt einer der Supervisor. Mit Spitzhacke und Schaufel muss man sich in den Boden graben und im Weg liegende Steine zerschlagen – um hoffentlich in drei Metern Tiefe auf etwas Interessantes zu stoßen. Nur diejenigen, die schon etwas gefunden haben – eine unversehrte Vase, eine Mauerstruktur oder eine Ascheschicht -, dürfen mit feinen Besen weiterarbeiten.

Große Funde haben Seltenheitswert, aber wenn sie aus der Erde kommen, sind sie eine Sensation. In der vergangenen Saison wurden drei Wegsteine freigelegt, die vermutlich zu einem Tempelbezirk geführt haben; im Jahr davor fand man im gleichen Areal Kultobjekte und kleine Götterfiguren. Auch ein Kanalsystem und eine Tongöttin waren Sensationen – letztere ist ein Beleg für einen frühen Polytheismus an diesem Ort.


„Yalla guys, it’s time for a bucket line!“

Der Alltag aber besteht aus einfachen Tonscherben. Für Unbefangene sehen sie wertlos aus, und irgendwann will man sich kaum mehr bücken, um sie aufzulesen. Doch bei Archäologen lässt „pottery“ das Herz höherschlagen: Keramik-Spezialisten können die Scherben Tonkrügen oder Vasen zuordnen, die nur in bestimmten Epochen, zum Beispiel der Bronze- oder Eisenzeit, gebrannt wurden. Und können so die Bodenschicht datieren, in der die Scherbe gefunden wurde.

Der Vorschlaghammer sollte immer nur Gestein und Boden treffen, nie einen Fuß.

Die stündlichen „bucket lines“ tragen auch nicht unbedingt dazu bei, dass die allgemeine Laune steigt. Eine junge australische Area-Supervisorin hat sich offenbar an der Ober-Amerikanerin ein Vorbild genommen. Mit schriller Stimme ruft sie: „Yalla guys, it’s time for a bucket line!“ Der ausgehobene Dreck muss ja auch irgendwie weggebracht werden. Per Eimerkette gelangt der Schutt von den einzelnen Grabungs-Squares im Wurf-Modus zum Schutthaufen. Da wir am Hang arbeiten, müssen wir die 15 Kilogramm schweren Eimer bergauf schmeißen. Noch mal schrillt die Stimme: „It’s time for a bucket party!“ Eine Party ist die bucket line sicher nicht. Pavel aus Prag gräbt weiter und tut so, als hätte er nichts gehört, wird schon niemand merken. Aber natürlich merkt es die Australierin und schickt ihre spanische Mit-Supervisorin los. Die exerziert – wild gestikulierend – den Hang hoch und runter, und zwischen Englisch und Spanisch wechselnd scheucht sie die Leute los: „Tenemos que hacer una bucket line!“ Doch auch die Stimmen der beiden Supervisorinnen versagen irgendwann, und so bemächtigen sie sich ab der zweiten Woche zur Truppenmobilisierung der Hilfe eines israelischen Scharfschützen.

Amit war tatsächlich während seiner Militärzeit Sniper bei den Israel Defense Forces und sieht aus wie ein Mossad-Kämpfer, der einem Kriegsfilm entsprungen ist: Er ist 26, extrem breit gebaut und hat schwarze, mittellange krause Haare, die von einer Bandana zurückgehalten werden. Natürlich trägt er Vollbart und hat ein ärmelloses Achselshirt an. „Line up!“, brüllt er und marschiert die Reihen ab, bis die Abstände gleichmäßig sind und die Eimerkette steht. Als beim Werfen allen die Luft wegbleibt, singt er mit seinem grollenden israelischen Akzent Johnny Cashs „Cocaine Blues“.

Es ist ein verrückter Haufen, aber man gewöhnt sich aneinander und wartet schon den Einsatz des jeweiligen Protagonisten ab, in der Show, die man Tag für Tag aufführt, um sich an etwas moralisch aufzurichten. Dedi zum Beispiel, ein junger Israeli, jammert während der bucket lines über den Verlust seines „Girlfriends“, die sich von ihm getrennt hat. Zur Belustigung der restlichen Mannschaft klagt er, dass man ihm in dieser existenziellen Situation nicht noch die Bürde des Eimerwerfens zumuten könne.

Diesen Augen entgeht nichts: Die Supervisorin und Amit.

An einem Tag in der dritten Woche schaut mein amerikanischer Square-Kollege während einer Kekspause sinnierend ins Tal hinunter. Wir hatten vorher in einem ehemaligen Wachtturm aus der Zeit der altgriechischen Kolonisation große Steinblöcke mit dem Vorschlaghammer zerschlagen. Wie eine mythische, alles erhellende Eingebung murmelt er den Satz „There’s a giant buried in this valley“ vor sich hin. Bei einem der allabendlichen Archäologie-Vorträge wird klar, was er vor sich hin erzählte. In der Bibel wird unsere Baustelle als der Ort erwähnt, an dem der junge David den Riesen Goliath mit der Steinschleuder besiegt haben soll. Beim Vortrag sagt der Dozent, dass diese Geschichten für Archäologen zunächst nichts weiter als literarische Fiktion sind. Für sie sind andere, greifbarere Fragestellungen wichtiger. Zum Beispiel, warum Aseka irgendwann im 12. Jahrhundert vor Christus für einige Jahrzehnte verlassen wurde. Wegen eines Konfliktes zwischen dem einheimischen Volk der Kanaaniter und einwandernden Israeliten etwa? Oder wegen einer Umstellung der Wirtschaftsform?

Für viele Juden sind biblische Geschichten wie die von David und Goliath aber historische Wahrheiten. Wegen dieser kommen sie zu dem Tel-Hügel auf Besuch und lesen die entsprechenden Torastellen vor. Die Besucher sind zumeist friedlich, aber es gibt einen Clan von ultraorthodoxen Juden, für die Archäologen ein Feindbild sind. Sie glauben, dass archäologische Grabungen die Totenruhe der jahrtausendelang verschütteten Menschen stören würde. Der vortragende Archäologe zeigt uns Fotos davon, wie die schwarz bekleideten, huttragenden, langbärtigen Ultraorthodoxen seine Grabung im benachbarten Bet Schemesch stürmten und besetzten. Sie taten dies, weil das Gerücht umging, dass dort ein Menschenskelett gefunden worden war. Ohne Polizeischutz sei dann dort für die Archäologen nichts mehr gegangen.


Israel ist ein gespaltenes Land. Das wird auch an einem der letzten Abende im Kibbuz bei einer gemeinsamen Runde unterm Sternenhimmel deutlich.

Einige Flaschen Bier haben die machohafte Coolness, die sich manche junge Israelis beim obligatorischen Militärdienst antrainiert haben, aufgebrochen. Auf das nahe Gaza angesprochen, sagt Amit, der Sniper, dass er selbst an der Grenze des Küstenstreifens stationiert war. Für ihn ist die Hamas eine Terrororganisation wie der sogenannte Islamische Staat. Die einfachen Menschen in Gaza aber seien nicht viel anders als die Israelis. „Bibi“, wie sie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nennen, mache Stimmung gegen die Palästinenser und schüre Ängste, um so seine Wähler hinter sich zu scharen. Eine israelische Area-Supervisorin nickt zustimmend: Bibi sei auch nicht besser als die anderen Diktatoren im Mittleren Osten. Man müsse aber anerkennen, dass die Regierung die archäologische Forschung unterstützt. Das geschieht aber teilweise auch mit der versteckten Agenda: Die Wissenschaft soll den Beweis erbringen, dass Israel schon immer, bis in vorhistorische Zeit, die Heimstätte des jüdischen Volkes war und deswegen auch heute den Juden allein gehören soll.

Die staubige Arbeit schweißt zusammen.

Es sind diese Begegnungen mit jungen Israelis und jungen Menschen von überall auf der Welt, die den besonderen Wert dieser Reise ausmachen – und für alle „Yalla-Yalla“-Rufe und bucket lines entschädigen. Und wer dabei ist, die Vergangenheit eines Ortes auszugraben, wird selbst Teil dessen Geschichte.

DER WEG NACH ISRAEL

Karte: F.A.Z./lev.
Anreise Israel erreicht man mit dem Flugzeug in dreieinhalb Stunden. Die Kosten für Hin- und Rückflug liegen bei etwa 300 Euro.
Unterkunft Für Volunteers, die nicht mit einem Uni-Programm an der Ausgrabung in Aseka teilnehmen, kostet die Unterkunft in einer Schule in einem Kibbuz samt Vollverpflegung ca. 550 Euro pro Woche. Die Saison hat am 20. Juli begonnen und geht bis 15. August. Mehr Informationen und Buchung unter azekah.org.
Der Arbeitstag auf der Ausgrabung beginnt mit Sonnenaufgang und dauert bis 13 Uhr. Danach werden noch eine Stunde lang die im Laufe des Vormittags gefundenen Tonscherben gewaschen. An den Abenden erhält man Archäologie-Vorlesungen von den renommiertesten Wissenschaftlern Israels. Mehr zu anderen Ausgrabungsstätten in Israel und Jordanien unter biblicalarchaeology.org/digs/.
An den Wochenenden, die in Israel von Donnerstagabend bis Samstag gehen, bekommt man Transfers nach Tel Aviv oder Jerusalem. Aseka ist eine der zwei größten langfristig angelegten Universitätsgrabungen Israels. Grabungsleiter sind Professor Manfred Oeming von der Universität Heidelberg und Professor Oded Lipschits von der Universität Tel Aviv. Gesponsert wird die Aseka-Ausgrabung von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung.
Israel als Reiseland bricht gerade sämtliche Rekorde: Rund 2,3 Millionen Menschen aus der ganzen Welt reisten in den ersten sechs Monaten 2019 nach Israel, rund 200.000 mehr Gäste im Vergleich zum Vorjahr. Der zweitwichtigste europäische Quellmarkt ist Deutschland mit rund 150.000 Besuchern im ersten Halbjahr (42 Prozent mehr im Vergleich zum selben Zeitraum 2017). Mehr Informationen unter info.goisrael.com/de.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.07.2019 16:48 Uhr