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Ans Ende der Welt : Gibt es ein Leben nach Kap Hoorn?

Amerikas Finale ist eine topographische Trümmerlandschaft, zermahlen von der Urgewalt der Gletscher, zermürbt von der Kraft der Erosion. Bild: Archiv

Der Kapitän ist ein Seeteddybär, der Gletscher ein Krawallbruder und die Berberitze eine verzauberte Indianer-Julia: Logbuch einer Fahrt mit Magellan, Pigafetta, Darwin und der Ventus Australis ans Ende der Welt.

          ISLA MAGDALENA, 52º 55’ S

          Die Magellan-Straße war den Magellan-Pinguinen schon lange vor Magellan bekannt. Und sie benutzen sie bis heute, um vom Atlantik oder Pazifik zu ihren Brutplätzen auf der Isla Magdalena zu gelangen, einem baumlosen, windzerzausten, heillos überbevölkerten Eiland im tiefsten Süden Chiles. Zehntausende Paare graben sich dort jedes Jahr ihre Bruthöhlen in den kahlen Boden, polstern sie notdürftig mit Gestrüpp und können sich dabei der Sympathie der Menschen sicher sein, weil sie um so vieles sympathischer sind als die meisten anderen Tiere. Die Pinguine turteln, schnäbeln, promenieren wie verliebte Paare, und wenn sie einmal allein sind, rufen sie so herzzerreißend nach ihrer Liebe, als könnten sie ohne sie keine Sekunde länger leben. Sie brüten, hüten und verhätscheln abwechselnd ihren Nachwuchs, wie es sich in einer guten Ehe gehört, scheinen pausenlos schelmisch zu lächeln, als sei das Leben ein einziges Vergnügen, sehen auch sonst aus wie fleischgewordene Plüschtiere und watscheln mit ihren kurzen Beinen so entzückend unbeholfen umher wie Kleinkinder beim Laufenlernen. Eine Stunde gibt man uns in der Welt der Pinguine, die Magellans Chronist Antonio Pigafetta für Wildgänse hielt, mehr Zeit als genug, um sie für immer ins Herz zu schließen. Dann ruft uns der Kapitän zurück aufs Schiff, weil die Tiere ihre Ruhe brauchen und die Winde in der Magellan-Straße auch ein halbes Jahrtausend nach Magellan noch unberechenbar sind, wenn auch nur für Menschen und nicht für Pinguine.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Unser Kapitän heißt nicht Fernando, sondern Álvaro, ist im besten Großvateralter, trägt einen grauen Seemannsbart, hat aber auch so sanftmütige Augen, dass er eher an einen Seeteddybären als an einen Seebären erinnert, und bekennt offenherzig, wegen ihrer Tollpatschigkeit ganz vernarrt in die Magellan-Pinguine zu sein. Seit 1972 fährt Álvaro Contreras zur See, seit 1990 ist er Kommandant in den südchilenischen Fjorden, und erst seit ein paar Monaten steht er auf der Brücke des Expeditionskreuzfahrtschiffes Ventus Australis, das im Südsommer zwischen Punta Arenas in Chile und Ushuaia in Argentinien pendelt, der südlichsten Stadt der Erde. Das Schiff gehört einer Familie asturischer Auswanderer aus Punta Arenas, die mit der Dampfschifffahrt reich wurden, bietet maximal zweihundert Passagieren Platz und ist deutlich komfortabler als die Karacken Magellans, wenn auch frei von Prunk und Plüsch, Abendbespaßung und Tanzvergnügen, Telefonnetz und Internetverbindung, schließlich sind wir auf Expedition – nicht anders als der erste Weltumsegler der Weltgeschichte auch.

          Eine Wand aus ewigem Eis, das gar nicht ewig ist, sondern wieder zu Wasser wird: Hunderte von Gletschern gibt es in Feuerland, die meisten von ihnen namenlos, und jeder erneuert sich mit seiner eigenen Geschwindigkeit.

          Statt zugigen Zwischendecks und billigen Rums haben wir aber prinzessinnentaugliche Matratzen, Kabinen mit Panoramafenstern, eine wohlsortierte Bar und eine beflissene Küchencrew an Bord, die uns dreimal am Tag per Bordlautsprecher wahlweise zu chilenischem Lachs und argentinischem Rinderfilet oder zu Blätterteigpastete und Königskrabbensuppe ruft. Und jedes Mal müssen wir mit leichtem Schaudern an unsere Vorgänger denken, denen nach der Entdeckung der Magellan-Straße und dreieinhalb Monaten auf hoher See im Pazifik die Bordverpflegung knapp wurde. „Das Brot, das wir aßen, war kein Brot mehr, es war zu einem Pulver zerfallen, in dem es vor Würmern wimmelte, und es stank entsetzlich, weil es mit dem Urin der Ratten vermischt war“, schreibt Pigafetta in seiner Chronik. Auch Sägemehl kauten die Seeleute, um nicht Hungers zu sterben, und sogar Leder, das sie fünf Tage lang im Meerwasser einweichten und dann über Kohle rösteten. Am Ende waren sie so verzweifelt, dass sie die letzten Ratten an Bord für Delikatessen hielten und einen halben Dukaten pro Nagetier boten. Draußen vor den Bullaugen des Speisesaals gleitet unterdessen die Magellan-Straße vorbei, drinnen liegt Lammkarree auf dem Teller, und wir sind ganz froh, dass die Zeiten ruhmreicher Heldentaten in der christlichen Seefahrt vorüber sind.

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