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Anglerreisen : Angelschein und Sein

  • -Aktualisiert am

Bild: plainpicture/Nordic Life/Terje R

In Norwegen ist Angeln wie meditieren. Aber funktioniert das auch zurück in Deutschland? Beschreibung einer Männerbeschäftigung.

          5 Min.

          Was sind der Weltraum und seine unendlichen Weiten schon gegen Norwegens unendliche Tiefen. Der Außenbordmotor dröhnt durch den Fjord, als er stoppt, ist noch kurz das feine Geplätscher beim Ausgleiten des Bootes zu hören, bevor es ganz zur Ruhe kommt und Platz nimmt auf dem Wasser. Nichts ist zu hören außer ein paar Vögeln, die einander in der Ferne ansingen. Dunkelgrüne Berge säumen den Meeresarm, oben drohen die unheimlichen Wolken, unten spukt das große Unbekannte, als ob diese Landschaft zu keinem anderen Zwecke existierte, als den kleinen Lebewesen in ihrer Mitte Demut aufzudrängen. Aber zu viel Demut ist ja auch keine Lösung. Zum Glück gibt es noch kleinere Lebewesen im Paradies.

          Es ist nur ein kleines Ruckeln, ein Zucken, eine kaum spürbare Bewegung, aber doch ein eindeutiges Zeichen von unten, das in diesem einen Augenblick freilich auch ein Zeichen von oben ist, wenn man nur will. Es ist da, kein Zweifel, und selbst wenn es einen Zweifel gäbe, wäre nun die falsche Zeit zum Zaudern: Sofort muss die Rute, die zuvor eine scheinbare Ewigkeit regungslos in der Hand lag, während der Angler stumm auf den Schwimmer starrte und mit den Fingern auf Bewegung hoffend die Schnur berührte, mit einem Ruck hochgerissen werden. Klitzeklein ist das Zeitfenster, das die Natur in diesem raren Moment anbietet. Hat sich der Fisch nun im Haken verfangen, kämpft er um sein Leben, will flüchten und kann doch nicht aus. Der Angler zieht ihn hinauf an die Oberfläche, so schnell, dass dem Tier keine Zeit zum Druckausgleich bleibt und ihm schließlich an der Luft die gedehnte Fischblase aus dem Maul herausquillt. Im Boot schlägt der Mensch ihm auf den Kopf, schneidet ihm die Kehle durch und wirft das noch zitternde tote Tier in den Eimer.

          Warten auf's Ruckeln

          Es sind diese beiden Seiten der Natur, die Angler suchen: hier das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit inmitten unbegreiflicher Gewalten, dort das Spüren der eigenen Kräfte beim Fangen und Töten. Die Männer auf dem Boot, sie genießen dieses Bewusstsein der eigenen Unwichtigkeit, der Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Daheim im Büro sind sie perfekte Maschinen, ihnen bleibt kaum Zeit zum Luftholen, hier in der freien Kühle aber sind sie verwundbare Geschöpfe, die ihrem Atem hinterherschauen können. Oder wie es in der Werbung des Anglerausstatters mit dem schönen Namen „Balzer“ treffend heißt: „Alle reden von Stress. Von Burnout und so. Ich habe keine Ahnung, was das ist. Die Fische auch nicht.“ Anders gesagt: Früher war Angeln eine lebensnotwendige Nahrungsbeschaffung, heute ist es mehr meditative Selbsterfahrung.

          Man labt sich an der martialischen Vorstellung einer unberechenbaren Natur, auch wenn diese tatsächlich nur einseitig lebensgefährlich ist. Das Abschalten im Liegestuhl wäre zu ziellos, lieber geht man auf Stand-by, auf dass die Seele mit dem Köder baumelt. Derart meditierend wartet man auf ein Lebenszeichen, auf dieses eine Zucken, das der Sache Sinn verschafft, weil gewisse Männer ihren Handlungen offensichtlich permanent einen Sinn geben müssen. Angeln ist das Rezept, wenn das Gemüt der Gestressten zur Ruhe kommen muss, das Gespräch beim Therapeuten oder das Reden im Allgemeinen jedoch eine weitere Überforderung wäre - der See wird zur Couch. Selbst die, die sich Entspannung und Beruhigung gegenüber resistent zeigen, werden von ihrem Ausflug entspannt und beruhigt zurückkehren. Und der Sinn, wenn sie ihn denn für ihr Seelenwohl brauchen, liegt aus toten Augen starrend im Kübel.

          Ein Männerbschäftigung

          Man darf bei der Rückkehr aus Norwegen - jedes Jahr pilgern immerhin 200 000 deutsche Angler dorthin - nur einen Fehler nicht machen: So wie der Wein aus Italien daheim nicht schmecken mag, so wie die Urlaubsbekanntschaft zu Hause plötzlich nervt, so ist auch das Gefühl des Angelns in Deutschland keines der Befreiung mehr. Es ist für Anfänger zunächst gar das Gegenteil. Denn wer hierzulande die Natur genießen will, muss zunächst die Bürokratie überwinden: Er muss einen Angelschein machen. So lernt, wer Tiere zu jagen gedenkt, dass er doch selbst ein Getriebener ist - mit dem System und schlimmer noch: dem Mitmenschen kommt hier keiner aus.

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