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Alaska : Darauf einen „Son of Berserker“!

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Erst hundert Jahre alt und schon eine ausgewachsene Stadt: Anchorage, Heimat von dreihunderttausend Menschen. Bild: plainpicture/Design Pics

Am 9. Juli feiert Anchorage seinen hundertsten Geburtstag. Für die meisten ist die größte Stadt Alaskas nur eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Wildnis. Sie wissen nicht, was sie verpassen.

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          So viel Verkehr hatten wir auf dem Flughafen von Anchorage nicht erwartet, hier oben am Ende der bewohnten Welt. Im milden Licht eines bewölkten Junitages rangieren vor den beiden Terminalgebäuden nicht weniger als fünfzehn Jumbos von Cathay Pacific, Korean Air, Asiana oder China Eastern. Bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass es alles Frachtmaschinen sind. Wegen seiner günstigen Lage zwischen Asien und Nordamerika ist Anchorage zu einem der wichtigsten Drehkreuze im weltweiten Gütertransport geworden.

          Viel geflogen wird auch im Personenverkehr. Alaska ist riesig, und oft haben die Orte keinen Straßenanschluss, dafür aber eine kleine Landebahn. Die Hauptstadt Juneau zum Beispiel, im Südosten an der Grenze zu Kanada gelegen, ist nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen. Und dort, wo keine Landebahn ist, da ist vielleicht ein See, so wie Lake Hood im Westen von Anchorage, der als größter Wasserflughafen der Welt gilt. Im Minutentakt gehen abends die Propellermaschinen vor einem atemraubenden Bergpanorama nieder. Gischt spritzt auf, Wellen schwappen ans Ufer, die Maschinen tuckern auf ihren Schwimmern zu einem Holzsteg. Man kann sich die Kleinflugzeuge, unter denen auch mancher Oldtimer ist, aus nächster Nähe anschauen und mit den Piloten plaudern. Es gibt keine Absperrungen. In Alaska nimmt man die Dinge gelassen, die Leidenschaft fürs Fliegen wird gern geteilt. Jeder sechste Einwohner soll über eine Fluglizenz verfügen. Sie kann übrigens schon mit sechzehn Jahren erworben werden.

          Das Beste an Anchorage sei, dass dahinter Alaska beginne, sagen viele Amerikaner. Und auch deutsche Touristen, die die Stadt als Startpunkt in die Welt der Gletscher, Fjorde und Berge nutzen, lassen sie meist so schnell wie möglich hinter sich, nicht ahnend, was sie verpassen. Das Fremdenverkehrsamt von Anchorage gibt sich alle Mühe, dieser Unwissenheit entgegenzuwirken, und beantwortet auf seiner Website häufig gestellte Fragen. Die Auswahl scheint nicht ganz glücklich, ist aber immerhin ehrlich: „Wie schlimm sind die Mücken?“ „Gibt es Iglus?“ „Kann man die Nordlichter sehen?“ „Ist die Stadt wirklich weit, weit weg?“

          Zweitausend weiße Zelte

          Eine andere Idee wirkt da erfolgversprechender: der hundertste Geburtstag. 2015 wurde zum „Centennial Year“ ausgerufen und mit einer Vielzahl von Veranstaltungen bestückt, von Ausstellungen und Malwettbewerben bis zu einem Marathonlauf und Führungen auf dem Stadtfriedhof. Das mag ein wenig verwirrend sein, denn bisher wurde als Datum der Stadtgründung immer der 23. November 1920 genannt. In Alaska sieht man allerdings auch solche Dinge gelassen. Und auf den zweiten Blick ist die Rückverlegung gar nicht so abwegig: Vor hundert Jahren wurde mit dem Bau der Alaska Railroad im Auftrag der amerikanischen Bundesregierung begonnen. Und diesem Bahnprojekt verdankt Anchorage seine Existenz. Vor 1915 war der Ort weder als wichtiger Hafen noch als Siedlung der Ureinwohner bekannt. Auch Gold wurde hier nie gefunden. Das Volk der Athabascans schlug manchmal ein Sommerlager in der Gegend auf. Captain James Cook segelte 1779 vorbei, doch wo segelte Captain Cook nicht vorbei?

          Downtown Anchorage. Alles ziemlich flach hier, das höchste Gebäude misst 90 Meter.

          Dann aber kamen die Bahnarbeiter. Am 9. Juli 1915 wurde das erste Grundstück im künftigen Stadtgebiet versteigert. Dieser Tag gilt nun als offizielles Geburtsdatum. Innerhalb weniger Wochen entstand auf dem Niemandsland eine Siedlung aus zweitausend weißen Zelten. Tausende Arbeiter legten nach Süden und nach Norden eine einspurige Strecke über Schluchten, Berge und Permafrost. Am 15. Juli 1923 trieb der amerikanische Präsident Warren Harding bei Nenana, nachdem er zunächst zweimal danebengeschlagen hatte, den letzten Schienennagel in den Boden. Das Werk war vollendet.

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