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Amazonas ohne Amazonen : Sehr viele Ameisen, keine einzige Anakonda

Liegt hier irgendwo das sagenhafte Goldland verborgen? Die spanischen Konquistadoren glaubten fest daran – und übersahen dabei die wahren Schätze des Amazonas. Bild: Ullstein

Der Yasuní-Nationalpark in Ecuador ist eine der artenreichsten Regionen des Planeten. Auf manchem Baum leben hier mehr Insektenarten als in ganz Europa. Doch unter der Erde liegt Öl, das jetzt gefördert wird. Eine Geschichte über Wunsch und Wirklichkeit aus dem Urwald Amazoniens.

          Es gab kein Zurück, und der Weg vor uns war versperrt. Wir saßen in der Falle, kurz davor, den schlimmsten unserer Albträume zu erleben: Gleich würden wir eine Nacht schutzlos im Dschungel des Amazonas verbringen müssen, leichte Beute für erbarmungslose Tiere, hilflose Wesen in einer mörderischen Welt. Dabei hatte es ganz harmlos angefangen. Wir waren durch den Yasuní-Nationalpark gewandert, hatten die Wunder des Urwalds bestaunt und wollten die letzte Etappe zurück zu unserem Schiff in einem hölzernen Kanu zurücklegen. Doch plötzlich blockierte ein Baum unseren Fluss. Umdrehen war unmöglich, weil es schon dämmerte und die erste Lektion des Dschungels lautet, sich dort niemals nachts zu bewegen, es sei denn, man ist auf Selbstmord aus. Also mussten wir weiterpaddeln – oder schwimmen, im schlammbraunen Wasser mit lauter Piranhas und Anakondas.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Abel, unser Führer vom Volk der Kichwa, legte das Kanu quer zum Stamm, sprang darauf, um seine Stabilität zu prüfen, und ließ uns dann nachklettern. Anschließend versuchte er, das Boot zwischen Böschung und Baum vorbeizuschlängeln. Keine Chance. Also wollte er es mit seinem Helfer über den Stamm ziehen. Doch es war zu schwer, und wir durften nicht helfen. So saßen wir auf dem toten Holz wie ein Dutzend Hühner auf der Stange und ließen allmählich alle Hoffnung fahren. Denn es wurde immer dunkler, und in unserem Kopf ratterten amazonische Zahlenspiele: Fünfundsiebzig Prozent aller Urwaldtiere sind nachtaktiv, zwölf Meter lang kann eine Anakonda werden, dreißig Minuten maximal überlebt man die Attacke eines Pfeilgiftfrosches.

          Uns blieb nur eine letzte Chance: Abel musste das Kanu fluten, versenken und unter dem Stamm hindurchdrücken. Als wir unser Boot untergehen sahen, fühlten wir uns endgültig totgeweiht. Doch es tauchte auf der anderen Seite wieder auf, eine schemenhafte Silhouette tief in den brauen Fluten. Abel schöpfte jetzt wie ein Wahnsinniger das Wasser aus dem Rumpf, um ihn wieder seetüchtig zu machen, und lachte lauthals beim Anblick von uns Memmen, als sei das alles nur ein Dschungelspiel. Für ihn war es das wohl gewesen, für uns nicht. Denn dieser Baum hatte mit einem Hieb all unsere Selbsttäuschung, all unsere Hybris zertrümmert: Wir hatten keinen Waldspaziergang und keine Bootspartie in einem riesengroßen Botanischen Garten unternommen – nein, wir waren glücklich gerettete Gefangene in einer Wildnis auf Leben und Tod.

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          Der Yasuní-Nationalpark im ecuadorianischen Amazonasbecken ist eine Weltrekordwildnis, eine Schatztruhe der Schöpfung von megalomanischer Biodiversität und möglicherweise der Flecken auf Erden mit der größten Artenvielfalt überhaupt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Spezies von Amphibien, Reptilien und Fledermäusen auf so engem Raum, kaum irgendwo sonst so viele Vogelarten, unfassbare sechshundert sind es, Tukane, Hoatzine, Aras, Kolibris in allen Größen und Farben, in Deutschland sind es keine zweihundertfünfzig. Auf einem einzigen Hektar findet man in Yasuní nicht nur hunderttausend Insektenarten, sondern auch mehr unterschiedliche Bäume als in den gesamten Vereinigten Staaten von Amerika. Und dabei ist noch nicht einmal die Hälfte des zehntausend Quadratkilometer großen Nationalparks erforscht.

          Die ersten Europäer, die all diese Schätze zu Gesicht bekamen, hatten keine Augen für Jaguar oder Flussdelphin, Kaiman oder Korallenschlange. Der spanische Konquistador Francisco de Orellana, ein Kumpan Pizarros, der bei der Eroberung des Inka-Reiches ein Auge verlor, hatte ganz andere Reichtümer im Sinn: El Dorado suchte er, das sagenhafte Goldland und seine Lagune, in der goldbestäubte Indio-Könige zu Ehren ihrer Götter Gold und Smaragde versenkten. Am Weihnachtstag des Jahres 1541 war er mit Hunderten von Kriegern und Tausenden von Indianersklaven zum Amazonas aufgebrochen. Er ruderte den Río Napo hinunter, der heute die Nordgrenze des Yasuní-Nationalparks bildet, doch er fand keine Städte aus purem Gold und keine Lagunen, die vor lauter Smaragden grün schimmerten, sondern nur undurchdringliches Blättergrün. Orellana quälte sich immer tiefer in den Urwald, litt Hunger und Höllenqualen, wurde von nackten Indios mit Giftpfeilen beschossen, glaubte, von blutrünstigen Kriegerinnen mit nur einer Brust angegriffen zu werden, zementierte so den Mythos Amazoniens und erreichte nach acht Monaten das Delta des gewaltigen Flusses, ohne El Dorado gefunden zu haben – und ohne wahrhaben zu wollen, dass es nur in seiner Phantasie existierte.

          Das stärkste Tier der Welt

          Wir sind deutlich komfortabler auf dem Río Napo unterwegs als der unglückselige Konquistador, der seine Gier nach Gold bei einer zweiten Amazonas-Expedition mit dem Leben bezahlte. Seit anderthalb Jahren fährt die „Anakonda“ den Fluss auf und ab, ein vierzig Meter langes, vier Deck hohes Schiff für vierzig Passagiere, das mit Jacuzzi, Bordmasseuse und Satellitenfernsehen ausgestattet ist und von einem freundlichen Bruder im Geiste des Leinwandwahnsinnigen Fitzcarraldo gebaut wurde. „Capitán García“ nennen alle nur den verwegenen Mann, der das Schiff in Quito, der 2850 Meter hoch gelegenen Hauptstadt Ecuadors, bauen ließ, um es dann in zehn Teile zersägen, auf Lastwagen hinunter ins Amazonasbecken transportieren und dort wieder zusammensetzen zu lassen. Jetzt ist es der ganze Stolz des Río Napo, allerdings mehr ein schwimmendes, nur kurze Distanzen zurücklegendes Hotel als ein Flusskreuzfahrtschiff im klassischen Sinn. Mit seinem Jugendherbergsessen und der Supermarktweinauswahl genügt es auch keinen internationalen Luxuskriterien. Aber in Amazonien gibt es Wichtigeres als Ruhmestaten aus der Kombüse.

          Mit diesem Tier ist nicht zu spaßen: Eine Anaconda erwürgt einen Hirsch.

          Alles dreht sich um die Natur, wobei wir uns bei unseren Ausflügen ins Dickicht schnell vom Gedanken einer Großwildtrophäenjagd verabschieden müssen. In Yasuní geht es buchstäblich um die Freude an den kleinen Dingen, allerdings nur bei der Fauna, nicht bei der Flora, nicht bei diesen Sechzigmetergiganten von Kapokbäumen mit Brettwurzeln wie Hochhausfundamenten. Im Geäst sehen wir lauernde Schneckenfresserschlangen, dünn wie ein Gartenschlauch, Taranteln und Tausendfüßler, furchteinflößend wie Miniaturmonster, Blattlangusten und Skorpione ohne Schwanz, denen wir trotzdem nicht über den Weg trauen. Abel, der sich im Wald so selbstverständlich bewegt wie wir in der Fußgängerzone, lässt uns Ameisen probieren, die nach Zitronen schmecken, zeigt uns Termiten, die er sich als Insektenschutzmittel auf der Haut zerreibt, und präsentiert uns das stärkste Tier der Welt, den putzigen Rhinozeroskäfer, der das Achthundertfache seines Körpergewichts tragen kann.

          Willkommen in der Urwaldapotheke

          Dann bittet er uns zur Sprechstunde in die Urwaldapotheke: Bei Gastritis empfiehlt er das blutrote Harz des Drachenbaums, bei Arthritis die Blätter der Katzenkralle, bei Hepatitis das bewusstseinserweiternde Mondsamengewächs. Gegen Nierenkoliken hilft eine Art Dschungelingwer, gegen Diarrhöe eine Prise des hochgiftigen Teufelsgartens und gegen Hunger ein Früchtekorb voller Mangos, Papayas, Maracujas und Ananas, von denen wir bisher nicht gewusst haben, dass sie ursprünglich aus dem Amazonasgebiet stammen.

          Wie man im Dschungel eine Nacht oder notfalls ein ganzes Dasein überlebt, zeigt uns Abel auch, obwohl wir das seit unserer hindernisreichen Kanufahrt gar nicht mehr so genau wissen wollen. Aus Palmblättern flicht er sich blitzschnell einen Korb für die Jagdbeute und eine Matte für den Schlaf. Aus Zweigen, Wurzeln, Fasern und einem gebogenen Baumstamm baut er in Windeseile eine Schlingfalle und demonstriert mit Hilfe eines Stöckchens, dass sie tadellos funktioniert. Und bei Einbruch der Dämmerung solle man sich zwischen den Brettwurzeln eines Kapokbaums ein ruhiges Plätzchen suchen, mit dem Rücken zum Stamm, und sich dann bis zum Morgengrauen nicht mehr rühren, sagt Abel, der einen Jaguarzahn um den Hals trägt und beiläufig erwähnt, dass sein Vater im vergangenen November bei der Wildschweinjagd von einer solchen Raubkatze angefallen worden sei. Der Urwald sei eben gefährlich, und Angst habe natürlich auch er, vor allem vor Anacondas, die immer wieder einmal einen Menschen verspeisten, er kenne da Fälle, von denen er jetzt lieber nicht spreche.

          Sternstunde der amazonischen Tierbeobachtung

          Allerdings hätten wir nichts dagegen, eines dieser monumentalen Würgetiere aus angemessener Entfernung zu betrachten oder mehr als nur einen Zahn vom Dschungelkönig zu sehen. Doch das bleibt ein frommer Wunsch. Stattdessen ziehen sich die Tierbeobachtungen im Lauf der Tage ein wenig in die Länge und werden dabei zu einer Art biologisch-meditativer Kontemplation bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Stunden verbringen wir im Wald mit der Betrachtung schlauer Lebewesen, die sich als Stöckchen tarnen und in Wahrheit Insekten sind oder sich in Ameisenstaaten mit einer Million braver Bürger organisieren. Noch mehr Zeit hocken wir in unserem motorisierten Kanu, tuckern durch urwüchsig idyllische Seitenarme des Río Napo voller Bromelien, Helikonien und Orchideen, sehen natürlich keine Anaconda außer unserer „Anakonda“, trösten uns mit neonblauen Schmetterlingen und erleben mitunter Szenen, die von Loriot stammen könnten – als wir zum Beispiel das Faultier hoch oben zwischen den Zweigen entdecken sollen. Fast verzweifelt versucht Abel mit seinem grünen Laserpointer, unsere Blicke zu lenken, dirigiert sie ein wenig nach links, dann wieder nach rechts, jetzt müsst ihr euch an dem weißen Stamm hinauftasten, Richtung elf Uhr, und schon seht ihr es – tatsächlich, heureka, ein regungsloses braunes Wollknäuel im grünen Blätterreigen, ein zotteliger Fleck in der Urwaldkulisse, eine Sternstunde der amazonischen Tierbeobachtung!

          Amazonas de Luxe: Heute kann man den Dschungel in komfortablen Lodges oder auf Kreuzfahrtschiffen mit einem Glas Champagner in der Hand erleben.

          Ein wenig neidisch – das geben wir unverhohlen zu – sind wir schon auf die mitreisenden Hobbyornithologen, die jede Gelbbürzelkassike und jeder Montezumastirnvogel, jeder Hyazinthenblaurabe und jeder Tropenkormoran in einen Freudentaumel stürzt. Uns Banausen, die wir Vögel lieber essen als beobachten, ist nur einmal ein ornithologischer Glücksmoment vergönnt: an einem Steilufer des Río Napo, das aus mineralienreicher Tonerde besteht. Zu Hunderten, wenn nicht Tausenden fliegen Schwarzohrpapageien und Braunkopfsittiche kilometerweit hierher, um am Ton zu knabbern. Denn sein Zink, Eisen und Magnesium neutralisiert das Pflanzengift, das die Vögel beim Fressen von Früchten zwangsläufig aufnehmen. Die reinste Freude ist das wilde Geflatter und Gekreische in dieser Amazonas-Voliere, ein Anblick paradiesischer Unschuld und Unbeschwertheit, der indes bloß ein weiteres Trugbild ist – nicht nur wegen der Schlangen in den Ästen und der Falken am Himmel, die auf leichte Beute lauern, sondern vor allem wegen der wenig idyllischen Gesellschaft, die uns hier auf dem Río Napo geleistet wird.

          Neunzehn Milliarden Dollar Schadenersatz

          Angeblich sind wir selbst daran schuld, dass auf dem Fluss ein Betrieb herrscht, der so gar nicht zur artenreichsten Region der Erde passen will. Das ist jedenfalls die feste Überzeugung des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa. „Die Welt hat versagt“, verkündete er im August 2013, als er den Yasuní-Nationalpark für die Ölförderung freigab. Zuvor hatte er der Weltgemeinschaft ein ebenso verlockendes wie erpresserisches Angebot gemacht: Wenn sie seinem Land die Hälfte des Gegenwertes von Yasunís Ölvorkommen überweise, werde Ecuador auf die Förderung aller Bodenschätze verzichten und den Nationalpark unangetastet lassen. Etwa 350 Millionen Dollar wären das jährlich über einen Zeitraum von dreißig Jahren gewesen, doch zusammen kamen gerade einmal dreizehn Millionen Dollar an Spenden. Jetzt rücken die Öltrupps an, und die Regierung verspricht vollmundig, dass nur ein Promille der Nationalparksfläche in Mitleidenschaft gezogen wird, weil man das Öl mit modernen Horizontalbohrungen aus dem Boden holen und es selbstverständlich nach strengsten Umweltschutzbestimmungen fördern will.

          An das Märchen vom sauberen Bohren zu glauben fällt allerdings in einem Land wie Ecuador schwer, das zwischen 1964 und 1990 schon einmal die Verwüstungen einer rücksichtslosen Rohölförderung im Yasuní-Park erlebt hat. Damals verging sich Texaco an dem Schutzgebiet, hinterließ Hunderte von Becken mit der übelsten Giftbrühe und wurde deswegen von Quito auf neunzehn Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Und am liebsten würden wir Präsident Correa jetzt die Geschichte mit den Fledermäusen um die Ohren hauen, die uns Abel erzählt hat, nur so als Anekdote, um die Absurdität einer vermeintlichen Vereinbarkeit von Naturplünderung und Naturschutz zu entlarven: Vor ein paar Jahren bauten die Ölleute eine Straße durch den Dschungel, auf der zu Hunderten Schwerlaster fuhren. Ihre Vibrationen brachten eine Fledermaushöhle zum Einsturz, woraufhin die Tiere über ein nahes Indio-Dorf herfielen und zehn Menschen töteten, als seien die fliegenden Vampire ein Rachefluch der geschundenen Natur.

          Marketing-Gag mit der Moralkeule

          Ob Rafael Correa sein Angebot überhaupt ernst gemeint hat oder ob es nur ein Marketing-Gag mit der Moralkeule war; ob man die Weltgemeinschaft zwar für ein höheres Wohl, doch unter dem Delegieren der eigenen Verantwortung in Geiselhaft nehmen darf; ob sich der Präsident eines Staates, dessen Bruttosozialprodukt zu mehr als fünfzig Prozent von Ölexporten abhängt und dessen Bevölkerung zu großen Teilen noch immer in Armut lebt, einen solchen philanthropischen Großmut überhaupt leisten kann – das alles sei dahingestellt und den Zweifeln jedes Einzelnen überlassen. Kollektiv verzweifeln darf man allerdings daran, dass die Menschheit wohl niemals aus freien Stücken die Vernunft über die Gier stellen oder sogar ganz auf den Aberwitz fossiler Brennstoffe verzichten wird. Und an den aberwitzig hohen Preis, der für die Ausbeutung von Yasuní gezahlt wird, ganz gleich, wie hoch der Schaden am Ende sein wird, wollen wir lieber gar nicht denken. Denn die 850 Millionen Barrel Schweröl, die sich unter der Megabiodiversität des Nationalparks verbergen, verbraucht die Weltgemeinschaft in lächerlichen neun Tagen.

          Eigenartige Auffassung von Naturschutz: eine Ölpipeline im Yasuní-Nationalpark.

          Wir hatten geglaubt, den Río Napo wie ein verspäteter Francisco de Orellana entlangzufahren, als eine Art friedliebender Conquistador, in allen Komfort gebettet und mit dem beruhigenden Wissen ausgestattet, dass die touristische Infrastruktur im ecuadorianischen Amazonas noch kaum entwickelt ist. Doch es ist ganz anders: Überall begegnen uns Fähren voller Tanklaster, Schnellboote voller Ölarbeiter, Lastkähne voller Rohre, Generatoren, Bagger, Baumaterial. Immer wieder wird das Dickicht des Urwalds von befestigten Ufern unterbrochen, von Stacheldraht, Wohncontainern, Bierkastentürmen, Abfackelflammen. Und jedes Mal sind wir froh, wenn wir mit Abel in der Wildnis des Yasuní verschwinden können, wenn wir uns in Urwäldern voller Kapuzineraffen und Fransenschildkröten, in Lagunen voller Zitteraale und Pirañas verlieren – wobei wir diese Fische, bösartig dreinblickende Wesen mit einem Gebiss wie Mackie Messer, glücklicherweise nur in der Bratpfanne zu Gesicht bekommen.

          Der Henker der Artenvielfalt

          Bei unseren Fluchten ist uns der Wert dieser Urwaldschönheit von Mal zu Mal bewusster geworden, die still, nicht spektakulär sein mag, die gewiss keine Serengeti und deren Artenreichtum für uns biologische Laien eher eine abstrakte als eine anschauliche Größe ist – ganz so, wie die Rettung des Yasuní-Nationalparks auch weniger eine ästhetische als eine moralische Frage sein muss: Auf den ersten Blick ist es für uns Besucher gleichgültig, ob von den hunderttausend Insektenarten pro Hektar fünf oder auch fünfzig oder sogar fünfzigtausend verschwinden, weil wir ohnehin keinen Unterschied feststellen können. Die eigentliche Frage aber lautet: Wie weit wollen wir bei der Unterwerfung der Erde gehen, und welchen Preis sind wir bereit zu zahlen, um noch den letzten Tropfen Öl aus ihr zu wringen? Welche Existenzberechtigung gestehen wir den Lebewesen zu, die keinen unmittelbaren Nutzen für uns haben? Und in welchem Maß gewähren wir uns selbst das Recht, zum Henker der Artenvielfalt zu werden?

          Die Frage ist längst beantwortet. Das wird uns spätestens in dem Moment klar, als wir Blanca Tapuy im Kichwa-Dorf Sani Isla direkt gegenüber dem Yasuní-Nationalpark treffen. Im Zentrum des Indio-Dorfes ragt wie eine präpotente Siegessäule der vierzig Meter hohe Sendemast einer Ölfirma in den Himmel, fast so hoch wie die gewaltigsten aller Kapokbäume. Und in Doña Blancas Garten machen gerade zwei Dutzend Männer in orangefarbenen Overalls und gelben Schutzhelmen Mittagspause. Sie hätten um Erlaubnis gefragt, und natürlich habe sie die Burschen nicht weggeschickt, sagt Doña Blanca, die immer noch ein großes Herz hat, selbst nach vierzehn Jahren des erbitterten Kampfes gegen die Ölfirmen.

          Grimmige Verzweiflung, Melancholie der Hoffnungslosigkeit

          „Das Öl wird den Park zerstören, all das Dynamit für die Bohrungen, die Straßen für die Laster, die Schneisen für die Rohre, so wie es unsere Dorfgemeinschaft schon zerstört hat. Es hat uns gespalten und aus Freunden und selbst Verwandten Feinde gemacht. Die einen wollen das schnelle Geld, die anderen denken an ihre Kinder und Kindeskinder, die den Preis für die Ausbeutung zahlen werden“, sagt Doña Blanca mit einem Blick grimmiger Verzweiflung. Sie sei mit ihrer Schwester und ihren Onkeln zerstritten und wolle trotzdem weiterkämpfen, bis zu ihrem Tod, auch wenn sie sich längst keine Illusionen mehr mache. „Präsident Correa hat uns für das Öl verraten, die Regierung betrügt uns, die Ölfirmen machen uns falsche Versprechungen.“ Und jetzt mischt sich in die Entschlossenheit ihres Blicks die Melancholie der Hoffnungslosigkeit.

          Dann erzählt sie uns noch die Geschichte mit dem Vertrag: wie im vergangenen September Vertreter der Regierung und der staatlichen Ölfirma Petroamazonas in ihr Dorf kamen, Essen als Gastgeschenk mitbrachten und sich ein leeres Blatt als Quittung unterschreiben ließen – aus dem dann der Vertrag über die Überlassung jener zehntausend Hektar Land zur Ölförderung wurde, die das Dorf in Yasuní besitzt. „Zweitausendfünfhundert Dollar hat jede Familie als Entschädigung erhalten. Wofür reicht das? Für die Ausbildung meiner sieben Kinder gewiss nicht!“, sagt Doña Blanca, während hinter ihr die Männer in den Overalls aufbrechen und im Urwald verschwinden.

          Die Gier nach Gold

          Wir blicken ihnen nach und müssen an Francisco de Orellana denken. Die Helme seiner Soldaten waren aus Eisen, nicht aus Plastik, und sie hatten Schwerter statt Rucksäcken voller Dynamit. Doch getrieben sind die Overall-Männer von derselben Gier, der Gier nach Gold, das heute schwarz und zähflüssig ist. Es hat sich nichts geändert in fünfhundert Jahren, es wird sich nie etwas ändern. Nur bleiben dieses Mal die Pfeile der Kichwa in ihren Köchern.

          Grünes und schwarzes Gold

          Anreise: Die bequemste Verbindung nach Ecuador bietet Iberia an (www.iberia.com). Die spanische Gesellschaft fliegt von Frankfurt, München, Berlin, Stuttgart, Düsseldorf, Hannover und Hamburg über Madrid täglich nach Quito. Die Preise beginnen bei 750 Euro in der Economy Class und 4015 Euro in der Business Class. Von Quito geht es mit der ecuadorianischen Fluglinie Tame in einer halben Stunde weiter nach Coca. Für die Einreise nach Ecuador genügt ein Reisepass.

          Arrangements: Anakonda Amazon Cruises (www.anakondaamazoncruises.com) hat drei- bis siebentägige Amazonas-Kreuzfahrten auf dem Río Napo im Programm. Sie kosten ab 1585 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Vollpension und Dschungelführungen. Auch bei einigen deutschen Veranstaltern kann man die Kreuzfahrt buchen, etwa bei Windrose (www.windrose.de); weitere Auskünfte gibt es im Reisebüro.

          Informationen: im Internet unter www.ecuador.travel.

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