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Schanghai : Der Mann, der einen Wald versetzte

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Ruhe und Grün vor den Toren Schanghais: Hier finden Großstädter der Millionenmetropole Ruhe. Bild: Aman

Vor den Toren Schanghais eröffnet dieser Tage das Luxusresort Amanyangyun. Dafür wurden eigens alte Ming-Häuser zerlegt und ein Wald umgesiedelt. Die unglaubliche Geschichte einer Rettung.

          7 Min.

          Chinesen sind vorausschauende Menschen. So ist es etwa üblich, Verstorbenen rote Geschenkkartons mit den wichtigsten Utensilien mit ins Jenseits zu geben: Papiergeld, Handyattrappe, Goldschmuck, einen Jadering, Räucherstäbchen, eine Uhr sowie einen Taschenrechner und Schreibgerät für die ersten Geschäfte im Jenseits. Das Rot der Grabbeilage steht für Glück, Räucherstäbchen wird eine reinigende Wirkung nachgesagt, Gold und Geld bringen Sicherheit und Wohlstand, das Handy sorgt für Kontakte, Taschenrechner und Stift zeichnen den Kaufmann aus. Und Jade gilt als Symbol für Weisheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Bescheidenheit und Mut.

          Ma Dadong, Chinese, Geschäftsmann, Multimillionär, 44 Jahre alt, ist einer dieser vorausschauenden Chinesen, auf den schon zu Lebzeiten alle Jade-Tugenden zutreffen und der in dieser unglaublichen Geschichte aus einem vorgezeichneten Grab das Beste macht. Er sichert das Überleben eines Dorfes und eines Waldes – seines Dorfes und seines Waldes.

          Außen Ming, innen modern: Eine der Aman-Villen.
          Außen Ming, innen modern: Eine der Aman-Villen. : Bild: Aman

          Ein Rückblick: Wir befinden uns im Jahr 2002 in dem kleinen Ort Fuzhou in der südchinesischen Provinz Jiangxi rund siebenhundert Kilometer südwestlich von Schanghai. Die chinesische Regierung hatte entschieden, in der Provinz einen Staudamm zu bauen. Fuzhous Schicksal und das seines Waldes waren besiegelt: Die Menschen würden umgesiedelt, die Häuser geflutet, der Wald abgeholzt. Zu dieser Zeit war eine Regierungsentscheidung wie in Stein gemeißelt. Niemand dachte an die Menschen, die Kultur, die Umwelt.

          In jenem Sommer 2002, in dem Deutschland mit der Jahrhundertflut an Elbe, Havel und Donau zu kämpfen hatte, besuchte Ma Dadong seine Heimat. Er freute sich auf seine Eltern, aufs Schwimmen im See und – endlich mal wieder – auf das scharfe Essen seiner Heimat. Schon mit 22 Jahren ging er von Fuzhou nach Schanghai und machte in gerade einmal sieben Jahren mit Immobilien und Vermögensberatung Unmengen von Geld. Kurz vor diesem Sommerbesuch hatte er seinen 29. Geburtstag gefeiert. Es gab Umarmungen, das Bad im See und das leckere scharfe Essen, aber es gab auch den Regierungsbeschluss vom Ende des Dorfs und damit auch seines früheren Spielplatzes, dem Wald. Er sah, wie die ersten Bäume geschlagen wurden.

          Zehntausend Bäume reisten siebenhundert Kilometer weit

          „Ich war schockiert. Und ich war traurig“, erinnert sich Ma heute. „Und ich wollte sofort etwas tun. Nur was genau, das wusste ich noch nicht“. Mas Geschäfte in Schanghai liefen bestens, und so entschied er sich, das für eine Privatperson schier unglaubliche Unterfangen zu wagen: Er wollte die fünfzig Häuser seines Dorfes, alle aus der Ming- und Qing-Dynastie und damit rund vierhundert bis fünfhundert Jahre alt, sowie zehntausend Kampferbäume umsiedeln und retten. Kampferbäume werden in der chinesischen Kultur als heilig und von Gottheiten bewohnt angesehen. Sie können mehr als zweitausend Jahre alt werden. „Ich hatte keine Ahnung, wie viel Geld mich das alles kosten würde“, erzählt er weiter. „Und Botaniker warnten mich, die Bäume würden das Verpflanzen und vor allem einen siebenhundert Kilometer langen Transport nicht überleben.“

          Luftaufnahme des Lagers: Dreizehn Häuser stehen im Aman-Resort, der Rest wartet noch auf seinen Wiederaufbau
          Luftaufnahme des Lagers: Dreizehn Häuser stehen im Aman-Resort, der Rest wartet noch auf seinen Wiederaufbau : Bild: Aman

          Doch Ma hatte vor den Toren von Schanghai Land gekauft, mit einem See wie zu Hause in Fuzhou, und wollte die Bäume dort wieder einpflanzen. Zehntausend Bäume, die er dem Staat abkaufen musste. Jeder einzelne wurde mit möglichst viel heimischer Erde an den Wurzeln auf einen Lastwagen verladen. Darunter der allein achtzig Tonnen schwere „Emperor Tree“, siebzehn Meter hoch und weit mehr als 1500 Jahre alt. Selbst die kleineren Bäume wogen schon um die zehn bis zwölf Tonnen.

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