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Am Kilimandscharo : Wo geht’s denn hier zum Gipfel?

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Die Lasten der Bergführer und Träger werden genau abgewogen.

Den höchsten Punkt „deutscher Erde“ also reklamierte Meyer für seine Besteigung. So eindeutig, wie der Leipziger das darstellt, war das nicht. Die Grenze zwischen der britischen Kolonie, heute Kenia, und Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, war mit dem Lineal gezogen, nämlich auf Landkarten, die in Regierungsstuben fern des afrikanischen Kontinents ausgebreitet wurden. Mit einer Ausnahme: Rund um den Berg beult sich die Grenze aus, hinein in die britische Kolonie. Und so ist Meyers Landnahme auf dem Kilimandscharo ein Akt von Aneignung, die auch im Kolonialismus schon aus der Mode war. Wie vierhundert Jahre früher Kolumbus, der „Las Indias“ für die spanische Krone reklamierte, nahm Meyer auf dem Kilimandscharo Land in Besitz.

Lauwo soll 124 Jahre alt geworden sein

Und wo blieb der zweite Stein, Meyers Privatstein? Jener Leipziger Katalog zeigt einen schwarzen Stein, auf einer Seite poliert, dazu ein Metallschild: „Handstück vom Gipfel des Kilimandscharo Dr. Hans Meyer 6.10.1889“. Der Fotograf des Lavabrockens ist Wolfgang Benn; er wohnt im Badischen und antwortet per Brief darauf, wie er zu dem Stein kam: „Hans Meyers älteste Tochter Else (er hatte mit seiner Frau, der Tochter des Zoologen Ernst Haeckel, drei Töchter) war meine Großmutter. Von dieser Seite erbte ich den ,Gipfel‘ des Kibo.“ Nach dem Verlust des Steines in Potsdam sei sein Gipfelstück somit „das einzig verbliebene echte (halbe) Handstück des Kibogipfels, das HM als ,Beute‘ dem afrikanischen Riesen abgenommen hatte, gleichsam als Trophäe seiner Gipfeljagd.“

Endlich am Ziel: Einst war das „der höchste Punkt Deutschlands“ und nach Kaiser Wilhelm benannt.

Benn war vor 25 Jahren ebenfalls auf dem Kibo. Der Urenkel Meyers lernte dort hundert Jahre nach der Erstersteigung noch Yohani Kinyala Lauwo kennen. Hundert Jahre danach! Lauwo starb 1996 und soll 124 Jahre alt geworden sein. In Tansania wird er als Guide der Erstersteigung verehrt, auch Schilder im Kilimandscharo-Nationalpark weisen darauf hin. Ob er tatsächlich mit auf dem Gipfel war, lässt sich nicht mehr verifizieren. Meyer erwähnt ihn nicht, aber das muss nichts heißen.

Und was geschieht nun mit dem privaten Kibo-Gipfelstein? Würde Meyers Urenkel sich davon trennen? Etwas maliziös antwortet Benn, wenn die Zeit reif sei, werde er den Stein „verkaufen oder versteigern“. Wobei ihn der Gedanke reize, diese Versteigerung in London abhalten zu lassen. „Sollen sich doch die Deutschen und Engländer, beide Kolonialmächte dieses Landes und Berges, darum streiten, wer von ihnen das Stück in einem seiner Museen haben darf.“

„Hochkrank“ am Gipfel

Sieben Stunden sind wir durch die Nacht hinaufgestiegen. Als die Sonne aufgeht, stehen wir am Kraterrand, am Gilman’s Point, 5685 Meter hoch. Die Sonne bestrahlt den Gletscherrand gegenüber. Mir laufen Tränen übers Gesicht. Vor Erschöpfung, vor Erleichterung, vor Freude. Und nun noch 200 Höhenmeter weiter aufsteigen, zum Uhuru Peak, wie Meyers Kaiser-Wilhelm-Spitze seit 1961 heißt? Kein Gedanke daran, noch zwei Stunden weiterzugehen. Kein Gedanke daran, nicht weiterzugehen! Nur einen von uns schickt Warimba nach unten. Blaue Lippen, Tränensäcke: „Hochkrank“, sagt Warimba. Ein Guide bringt ihn rasch tiefer.

Wir trotten auf dem Panoramaweg am Krater entlang. Vom Gipfel herunter kommen Menschen in verschiedenen Zuständen. Manche plaudern. Andere, todesbleich, werden von Begleitern im Laufschritt heruntergebracht. Auch einer von uns beginnt zu torkeln, macht Hopser, Tanzschritte fast, redet wirr. Zwei Guides haken ihn unter, hinab, hinab. Und dann sind wir oben. An den berühmten Tafeln „Congratulation: You are now at Uhuru Peak, 5895m.“ Wir machen Fotos. Ich bücke mich nach einem handgroßen Lavabrocken.

Der Weg nach Tansania

Anreise Zum Beispiel mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba zum Kilimanjaro Airport in Tansania.

Für die Besteigung des Berges sollte man mindestens sechs Tage einplanen, umfassende Informationen zum Park gibt es unter: www.tanzaniaparks.com.

Veranstalter Pauschalreisen zum Kilimandscharo gibt es zum Beispiel bei Outdoor Passions (www.outdoor-passions.com), Wikinger-Reisen (www.wikinger-reisen.de) und Hauser-Exkursionen. Bei Hauser heißt eine neue Tour im Programm „Kilimandscharo gemütlich“. Zur besseren Eingewöhnung an Klima, Land und Leute steht vor der Ersteigung eine Wanderung und Safari in Kenia auf dem Programm, zur Badeverlängerung geht es nach Sansibar. Die Reise kostet ab 4230 Euro. Mehr unter www.hauser-exkursionen.de.

Literatur Christof Hamann, Alexander Honold: „Kilimandscharo. Die deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges“, Wagenbach 2011, 192 Seiten, 22,90 Euro. Literaturwissenschaftlicher Zustieg zum Berg. Hans Meyer: „Zum Gipfel des Kilimandscharo“, antiquarisch erhältlich, etwa unter www.zvab.de. „Meyers Universum“, hrsg. v. Heinz Peter Brogiato, Leibniz-Institut Leipzig 2008 – interessant, umfassend, mit vielen Fotos, auch vom Gipfelstein.

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