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Am Drehort von „Heimat“ : Dat lo, dat is Schabbach

Das ist der Ortskern von Schabbach – hinter den Fassaden aus Kunststoff und Styropor indes verbirgt sich Gehlweiler, eine kleine Gemeinde im Hunsrück Bild: Petra Stüning

Zum vierten Mal hat der Regisseur Edgar Reitz seiner Heimat, dem Hunsrück, ein filmisches Epos gewidmet. In dieser Woche kommt es ins Kino. In Simmern wurde die Premiere gefeiert. In Gehlweiler wartet man erst einmal ab.

          Wenn man Glück hat, sind die Dämgens zu Hause - „dehääm“, wie man im Hunsrück sagt. Dann nehmen sie einen Schlüssel und führen den Besucher über den Hof zu dem kleinen Häuschen mit der Hausnummer 43 vis à vis der alten, wuchtigen Steinbrücke, die mit drei Bögen den Simmernbach überspannt. Das Häuschen ist so alt, dass keiner mehr sagen kann, von wann es stammt. Aus dem achtzehnten Jahrhundert bestimmt, aus dem siebzehnten vielleicht. Das Fachwerk ist ochsenblutrot gestrichen, die Fassade weiß, zumindest dort, wo der Putz noch nicht heruntergebrochen ist und die Wand aus Lehm und Stroh herausschaut. Der Eingang ist schmal, die Dielen knarzen, die Zimmer sind eng. Und doch ist es, als betrete man ein Schloss. Man tritt ein in eine Märchenwelt, eingerichtet mit einfachsten Bauernmöbeln der Biedermeierzeit, aus rohem Holz gezimmert, eher praktisch als hübsch. In Regalen steht Geschirr aus Ton und Steingut, die Betten sind mit grobem Leinen bezogen, auf der Feuerstelle steht ein riesiger, gusseiserner Topf. Nichts, was man sieht, das nicht lebensnotwendig wäre. Einzige Zierde sind ein Heidesträußlein auf dem Tisch und die verblassten Ornamente auf der Wand. Es ist die Anmut der Armut, die hier Gestalt angenommen hat.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dass sie es selbst kaum glauben können, sagen Heribert und Brunhilde Dämgen, was Toni Gerg in diesem Haus geschaffen hat, der Szenenbildner des Kinofilms „Die andere Heimat“, der vierten Geschichte von Edgar Reitz um die Bewohner des fiktiven Hunsrückdorfes Schabbach. Das kleine Häuschen in der Hauptstraße 43 ist der Dreh- und Angelpunkt des dreieinhalb Stunden langen Films: beengtes Zuhause für vier Generationen, die je nach Stand und Position innerhalb der Familie die Räume immer wieder neu untereinander aufteilen.

          Der geliehene Spülstein

          Seit den siebziger Jahren hatte das Haus leer gestanden, erzählt Frau Dämgen, seit Pfeifers Oma tot ist. Dann aber korrigiert sie sich. Nein, da habe es ja noch ein paar Mieter gegeben, diese jungen Leute, die den Holzboden mit buntem Lack überzogen hatten, den Toni Gerg aufwendig heruntersandstrahlen musste. Und dann fällt Herrn Dämgen ein, dass später doch auch noch die alte Frau hier gewohnt habe, in den Achtzigern. Und daraufhin erzählt wiederum sie, dass die andere Oma fast bis in unsere Tage hinein regelmäßig die Fenster geputzt habe, und schüttelt den Kopf, denn das Haus sei ja völlig ausgeräumt gewesen und staubte nur noch vor sich hin - und dass die Oma das jetzt natürlich nicht mehr machen dürfe, fügt sie an, weil die Scheiben so lackiert sind, dass es aussieht, als seien sie blind, und weil Kitt darübergezogen ist, um geflickte Sprünge im Glas vorzutäuschen. Und wie die beiden allmählich die Erinnerungen an die Bewohner des Hauses und an ihre eigene Familiengeschichte aus dem Gedächtnis hervorholen, entsteht so etwas wie eine neue Geschichte, fast schon Historie - jenseits des filmischen Epos, dessentwegen jetzt wieder viele Besucher nach Gehlweiler kommen dürften.

          So begeistert jedenfalls waren die Dämgens, dass sie Edgar Reitz nach Ende der Dreharbeiten etliche Requisiten und Teile der Einrichtung abschwatzen konnten, dass sie das Museum in Simmern überzeugen konnten, ihnen den uralten Spülstein aus Schiefer auszuleihen, der auch im Film in der Küche steht. Und Herr Dämgen stöberte so lange im Internet nach Antiquitäten, bis er die Wohn- und Schlafräume so perfekt eingerichtet hatte, dass man sie selbst auf den zweiten Blick noch für die originale Filmkulisse hält.

          Und nun? Das wissen die Dämgens selbst nicht. Busladungen von Besuchern, sagen sie, brächten sie in den kleinen Zellen ja nicht unter. Eintritt wäre schön, sagen sie, um das Haus zu unterhalten. Einen Ausschank? Souvenirs? Verkauf von Selbstgebackenem? Darüber hätten sie noch nicht nachgedacht. Wer weiß, ob überhaupt jemand kommt. Sagen sie.

          Leben hinter Plastikwänden

          Noch herrscht in Gehlweiler eher Gelassenheit als „Heimat-Fieber“. Man wartet ab. An einem Dutzend Stellen oder mehr hat man immerhin große Fototafeln aufgestellt, die jeweils diesen Punkt während der Dreharbeiten zeigen: fast alle Gebäude hinter gewaltigen Fassaden aus Kunststoff und Styropor verborgen, die Fachwerk vortäuschen und Fenster, die so klein sind wie Schießscharten, die Straßen sind unter Tonnen von Lehm begraben, die Gebäude mit Stroh gedeckt, statt mit Schiefer. Manchmal ist es schwer, die Fotos mit der Wirklichkeit zur Deckung zu bringen, so anders, so ganz und gar anders hat der Ort für den Film ausgesehen. Der Eingang zur Kirche ist dort, wo heute ein Pick-Up in der Garage steht. Und wo zwischen windschiefen Schuppen Misthaufen dampfen oder ein zerbrochenes Wagenrad an einer Hauswand lehnt, stehen jetzt hinter niedrigen Mäuerchen moderne Gartenmöbel. Aber dann entdeckt man im Giebel der Scheune die Rosette, die den Bau in eine Kirchenfassade verwandelt hat, und alles fügt sich auf wundersame Weise drum herum - auch wenn das mächtige Portal sowie die damals auf riesigen Stelzen ins Dorfbild montierte Kirchturmspitze mittlerweile im Nachbarort Gemünden auf dem Parkplatz einer Gaststätte stehen.

          Das ist der Ortsrand von Gehlweiler, dem Ort, der es als Schabbach in der Film- und Fernsehgeschichte zu Weltruhm gebracht hat

          Für seine mehrteiligen Fernsehproduktionen der Heimat-Saga aus den achtziger Jahren und dem Beginn unseres Jahrhunderts hatte Edgar Reitz das Dorf Schabbach aus dreißig Dörfern zwischen Morbach, Rhaunen und Mannebach zusammengesetzt, sich jeweils ein, zwei Häuser ausgesucht, die seinen Vorstellungen entsprachen, und die Aufnahmen so zusammengeschnitten, dass der Eindruck eines einzigen Ortes entstand. Für seinen Kinofilm aber erschuf Edgar Reitz ein altes Dorf neu. Nicht im Studio, nicht im freien Gelände - sondern an Ort und Stelle. Das hätte man, sagt er, so, wie es dann aussah, gar nicht erfinden können, mit den krummen Grundstückslinien, die von Erbstreitigkeiten erzählen, mit seinen engen Durchgängen, den dunklen Nischen und den bizzaren Winkeln, in denen die Stirnseiten der Gebäude zueinander stehen. In Simmern im Museum, in dem man die Edgar Reitz gewidmete Etage dieser Tage um viele neue Stücke ergänzt hat, ist das Modell des Ortes ausgestellt, das begreiflich macht, wie die Häuser dreier Straßen ummantelt wurden oder abgedeckt. Es ist das Modell, mit dem Edgar Reitz die Bewohner von Gehlweiler letztlich davon überzeugen konnte, freiwillig ein halbes Jahr lang im Ausnahmezustand zu leben. In einem Filmdorf. Denn hinter den Plastikwänden ging außerhalb der Drehtermine das Leben der Bewohner seinen Gang.

          Bloß, dass sie viel Dreck ins Haus schleppten, dass es finster war hinter den Wänden, deren aufgeklebte Fenster anderswo saßen als die der richtigen Häuser, dass es kalt war im Haus, sechzehn Grad mitten im Juli, weil die Sonne es nicht mehr erreichte, dass man nicht mehr mit dem Auto zum eigenen Haus fahren konnte und alle Einkäufe zweihundert Meter weit schleppen musste. Das erzählen einem die Bewohner, wenn man durch Gehlweiler spaziert. Am Ende waren alle ziemlich genervt.

          Zurück in der Welt

          Und trotzdem sei es schön gewesen, sagt Kurt Assmann, der Bürgermeister von Gehlweiler - Bürgermeister über zweihundertfünfzig Einwohner. Denn es sei etwas Seltsames geschehen. Fast Magisches, möchte man am liebsten sagen: Nach
          Drehschluss versammelten sich jeden Abend die Bewohner des Dorfs auf dem falschen Dorfplatz zwischen dem falschen Kirchenportal und dem falschen Gasthaus „Zur Brick“. Stundenlang hätten die Menschen beieinandergestanden und geschwätzt. So wie früher. Als es noch kein Fernsehen gab und noch keine Computer. „Ebbes“ gab es immer zu „verzählen“ - irgendwelche Geschichten, irgendwelche Erlebnisse. Auch vom Drehtag. Denn natürlich hat der halbe Ort als Komparsen mitgespielt, viele hatten sogar Sprechrollen. Bei etlichen Bewohnern waren außerdem Schauspieler untergebracht. Selbst die Hauptdarsteller, die auf diese Weise den Dialekt lernen sollten. Kaum aber, sagt Kurt Assmann, dass die Kulissen abgebaut waren, verkroch sich jeder wieder im eigenen Haus. Das gibt einem zu denken.

          Nun glänzte wieder aseptisch sauber der Asphalt, wo eben noch Gras und Unkraut aus dem Lehm gewachsen waren. Statt der wunderschönen geschnitzten Türen, und wenn sie auch aus Kunststoff waren, sah man sich wieder Blechtoren gegenüber. Die glatten, weißen Fassaden mit ihren Isolierglasfenstern waren im Vergleich zum Fachwerk langweilig und tot. Und wo eben noch Hühner nervös vor Staketenzäunen durch die Gassen gelaufen waren, standen wieder die kleinen Monster aus dem Gartencenter auf Mäuerchen. Und am Ende haben ausgerechnet die drei Straßen, in denen der Film gedreht wurde, sogar ein Stück Modernität erhalten, denn dort wurden die Stromleitungen, die sich überall sonst im Ort von Mast zu Mast, von Dach zu Dach schwingen, unter die Erde verlegt. Kurz: Gehlweiler war zurück in der Welt, die nicht mit dem Boden verwachsen ist.

          Was aber wissen wir schon über das Leben in einem kleinen Hunsrückdorf gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts? Da hat wohl auch niemand über das organische Entstehen von Architekturensembles nachgedacht, sondern neidisch auf das neue Haus des Nachbarn geschielt. Ein armer Hunsrückbauer, schreibt Edgar Reitz in seinem Buch zum Film, sei froh gewesen, wenn er die Hütte seiner Eltern abreißen und sich eine etwas größere, solidere bauen konnte, in der seine Kinder die Chance hatten, den nächsten Winter zu überleben.

          Phantomerinnerungen für das Gedächtnis

          Natürlich werden Touristen kommen. „Chronik einer Sehnsucht“ heißt der Kinofilm im Untertitel. Und das vor allem wird es sein, was Besucher nach Gehlweiler treibt: Sehnsucht. Da kann der Film das Leid in all seinen Formen ausbreiten, wie er mag, vom Hunger als ständigem Begleiter nach sieben Jahren der Dürre, der Missernten und der Kartoffelfäule über die Repressalien einer Willkürherrschaft in der Zeit des Vormärz einschließlich der Verbote, im Wald Holz zu sammeln und auf den Wiesen die Beeren, bis zum grausamen Tod sehr vieler Kinder, allesamt Opfer der Diphtherie. Und der Film mag noch so gut begründen und so anschaulich darstellen, was es bedeutet hat, wenn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Tausende von Menschen vom Hunsrück aus nach Brasilien ausgewandert sind, bis ganze Landstriche entvölkert waren - am Ende bleibt doch das verträumte Bild einer nostalgischen Kulisse zurück, einer poetischen Welt. Dieses Gefühl für einen Ort und eine Zeit, die Geborgenheit suggerieren, „Gehaischnis“, wie man im Hunsrück sagt.

          Und es war ja Edgar Reitz, der Mitte der achtziger Jahre mit seinem Elfteiler dafür sorgte, dass der Vokabel Heimat die Anführungszeichen genommen wurden, der den Begriff entkrampft hat, ihn letztlich befreit hat von braunen Konnotationen. Generationenübergreifend wurde die Fernsehserie zum Erweckungserlebnis. Es war, als habe man der eigenen Familie beim Aufwachsen zugeschaut, mehr noch: Edgar Reitz implantierte den Zuschauern Phantomerinnerungen in ihr Gedächtnis.

          Und nun also das Erlebnis in den Straßen von Gehlweiler. Schon nach der ersten Serie waren Touristen gekommen, der Schmiede wegen, die damals der zentrale Ort der Handlung war und die es auch jetzt im Kinofilm wieder ist. Ein altes Haus. Gut erhalten. Durchs Fenster sieht man altes Werkzeug. Aber das reicht natürlich nicht für dauerhaften Tourismus. Doch selbst jetzt, da der ganze Ort Spuren des Films trägt, hat sich niemand überlegt, wie daraus Profit zu schlagen sei. Und vielleicht will das ja auch niemand. In Oberwesel wurde ein wunderbares Restaurant im Günderrodehaus eingerichtet, Drehort von „Heimat 3“, von dessen herrlicher Terrasse unter einer gewaltigen Kastanie man auf den Rhein hinunterschaut. Und in Morbach wird in diesen Tagen im Elternhhaus von Edgar Reitz das „Café Heimat“ eröffnet. In Gehlweiler aber gibt es kein Café, keine Pension, keine Ferienwohnung. Es gibt nicht einmal einen Laden. Nur in die Gaststätte am Ortsrand, „Zur grünen Au“, mit Hausmannskost zu günstigen Preisen, kehren hin und wieder Fremde ein.

          Der Kunstschnee bleibt

          Während der Dreharbeiten, so hatten es der Bürgemeister und Edgar Reitz verabredet, durfte die Gemeinde am Wochenende zwei Euro Eintritt pro Besucher kassieren. Es kamen Tausende. Mit dem Geld wurden die Bildtafeln des Kulissendorfs finanziert. Das ist das Erbe des Films.

          Was jedoch die Gehlweileser noch haben, sind ihre Erinnerungen. Noch sind sie frisch. Die Dreharbeiten liegen ja erst ein Jahr zurück. Und man sieht sogar noch Spuren des Kunstschnees auf manchen Dächern, zurückgeblieben von einem Drehtag, an dem 34 Grad herrschten, aber die Darsteller in dicksten Klamotten vor Kälte bibbern sollten. „Dat geht nich weg“, sagt einer. Und man glaubt herauszuhören, dass das gut ist so.

          Der ganze Ort scheint von Stolz beseelt. „Das war mein Wasser aus meinem Gartenschlauch, das im Film als Wein aus den Fässern rinnt“, sagt Armin Schneider und öffnet die Tür zu seiner Scheune, vor der Reitz die „Leckerschmier-Kerb“ inszeniert hat und in der wenig später ein wildes Tanzvergnügen seinen schicksalhaften Lauf nimmt. Aber Brote mit eingedicktem Pflaumenmus, die Leckerschmierbrote, wird er wohl nicht anbieten, der Armin Schneider, wenn demnächst Touristen vor der Bildtafel versuchen, Überschneidungen zwischen seinem Haus und der Filmkulisse zu finden.

          Die Sehnsucht, der Aufbruch

          Auf den Festivals von Venedig und Toronto war „Die andere Heimat“ schon zu sehen. Aber das hinderte den Bürgermeister von Simmern nicht daran, die Aufführung am vorigen Wochenende in der Hunsrückhalle, einem Zweckbau mit dem Charme eines Discounters, als „die offizielle Weltpremiere“ des Films zu bezeichnen. Und natürlich füllten die Bewohner von Gehlweiler einen groß Teil des riesigen Saals. Nur für einen Moment trat Edgar Reitz auf die Bühne unter der großen Leinwand, auf dem Kopf eine Kappe, wie sie im Hunsrück die Bauern tragen, wenn sie mit dem Bulldog, wie der Trekker hier heißt, aufs Feld fahren. „Was ich zu sagen habe, erzählt der Film“, beschränkte er sich und fügte an: „Aus der Welt, die ich beschreibe, kommen wir alle her.“ Dann wurde es dunkel im Saal, und am nächsten Tag scheuten sich die Zuschauer nicht, zu gestehen, dass sie der Handlung kaum hätten folgen können, sondern immer nur Ausschau gehalten hatten nach ihren Auftritten und denen ihrer Kinder, ihrer Enkel und ihrer Nachbarn. „Ich glaube“, sagten manche, „ich muss mir den Film noch einmal anschauen.“

          Bis spät in die Nacht herrschte in Simmern nach der Premiere Hochbetrieb auf dem Fruchtmarkt, dem Platz zwischen der Stephanskirche und dem Pro-Winzkino, in dem neben „Die andere Heimat“ momentan auch viele weitere Filme von Edgar Reitz gezeigt werden. Auf dem Platz steht die Dampfmaschine, die im Film zunächst Symbol wird für das Einrücken der modernen Technik in die ländliche Welt, für das Ende der Beschaulichkeit, aber auch das Ende der Handarbeit - ihrer Anstrengung und ihres Werts. Bald schon aber wird sie zum Symbol für das Raunen in den Köpfen der Dorfbewohner, für ihre Zweifel am Leben in Schabbach, für die Sehnsucht, den Aufbruch. Nicht von ungefähr geht sie beim ersten Anlauf in einer gewaltigen Dampfwolke, die den Hof, die Schmiede und den halben Ort verschlingt, in die Luft und zerbirst in hundert Teile. Erst beim zweiten Anlauf, Jahre später, läuft dank eines Fliehkraftreglers die Kurbelwelle rund und treibt über einen Lederriemen eine Nageldreschmaschine an. „Vater“, sagt der Bub, der die Idee zu diesem Fliehkraftregler hatte, „das heißt, wir han jetzt eine Maschine, die auf sich selbst aufpasst.“

          Dafür, dass auf dem Fruchtmarkt nichts passierte, sorgte Rüdiger Kriese, im Film wie im Leben Schmied. Er füllte Treibstoff in den Tank, und langsam und beschaulich lief der Riemen über das Rad. Dampf war kaum zu sehen. „Sicherheit geht vor“, sprach Kriese ins Mikrofon. Gemeinsam mit einem Freund hat er die Dampfmaschine gebaut, nein: zusammengefriemelt muss es wohl heißen. Ausschließlich aus Material, das den Dorfbewohnern vor hundertfünfzig Jahren auch zur Verfügung gestanden hätte. Dreihundertsechzig Arbeitsstunden waren nötig, bis die Maschine lief. Und nachdem sie explodiert war, erzählt er, musste er sie noch einmal für die spätere Szene zusammensetzen. Da allerdings fragt sich der Laie, weshalb man die Szenen nicht einfach in umgekehrter Reihenfolge gedreht hat.

          Applaus in der Hunsrückhalle

          Es sind nicht zuletzt die Details, die dem Film „Die andere Heimat“ seinen Zauber verleihen. Und noch einmal trat Edgar Reitz auf, auf dem Fruchtmarkt, spät am Abend, und erzählte vom Roggen, den er aussäen ließ: Urroggen, dessen Halme zwei Meter hoch werden, und den heute kaum noch jemand kennt und anbaut, weil die modernen Mähdrescher nicht damit fertig werden. Er aber brauchte die hohen Halme für ein Bild, in dem sich zwei junge Frauen im Getreidefeld verstecken, hindurchrennen, darin verschwinden. Also wurde er angebaut. Ein Bauer aus Schlierschied stellte seinen Acker zur Verfügung, Bauer Hammen, wie Edgar Reitz betonte, und erntete ihn später, nach Ende der Dreharbeiten, mit der Hand. Immerhin vierzig Doppelzentner kamen zusammen. „Damit“, sagte Edgar Reitz ein wenig lakonisch, „wären die Schabbacher 1840 gerettet worden.“ Hier nun bot eine Bäckerei aus Simmern „Heimatbrot“ aus dem puren Roggenmehl an, limitiert auf fünfhundert Laibe, als handele es sich um eine Kunstedition.

          Es kam der Moment, da konnte man gar nicht mehr anders, als Edgar Reitz an diesem Tag in Simmern die Gabe der Ubiquität zu attestieren, an diesem Tag, an dem er Gott und der Welt zur Verfügung stand, auch die Vorführung im kleinen Kino mit einer kurzen Rede einleitete, Zeit fand, im Museum die neue Dauerausstellung zu eröffnen, und in der Hunsrückhalle gleich zweimal mit einem großen Teil der Crew und fast allen Schauspielern auf die Bühne trat, gut und gern hundert Personen, so machte es den Eindruck.

          Und einmal ist Edgar Reitz auch im Film zu sehen. Da sitzt er, als Bauer gekleidet am Rand eines Getreidefelds und dengelt seine Sense. Eine prächtige Kutsche kommt vorbei, auf dem Weg von Berlin nach Paris, wie wir später erfahren, und ein vornehm gekleideter Herr steigt aus, Werner Herzog in der Rolle Alexander von Humboldts, wie man seltsamerweise gleich ahnt. „Guter Mann“, sagt er. „Kann Er mir sagen, wie heißt dieser Ort da?“ Und er zeigt auf den Kirchturm, dessen Spitze mit dem Wetterhahn aus der Senke ragt wie ein ausgestreckter Zeigefinger. „Dat lo“, sagt der alte Hunsrücker völlig unbeeindruckt und kümmert sich nach wie vor eher um seine Sense als um den Edelmann, „dat is Schabbach.“ Da donnerte ein gewaltiger Applaus durch die Hunsrückhalle.

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