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Am Drehort von „Heimat“ : Dat lo, dat is Schabbach

Dafür, dass auf dem Fruchtmarkt nichts passierte, sorgte Rüdiger Kriese, im Film wie im Leben Schmied. Er füllte Treibstoff in den Tank, und langsam und beschaulich lief der Riemen über das Rad. Dampf war kaum zu sehen. „Sicherheit geht vor“, sprach Kriese ins Mikrofon. Gemeinsam mit einem Freund hat er die Dampfmaschine gebaut, nein: zusammengefriemelt muss es wohl heißen. Ausschließlich aus Material, das den Dorfbewohnern vor hundertfünfzig Jahren auch zur Verfügung gestanden hätte. Dreihundertsechzig Arbeitsstunden waren nötig, bis die Maschine lief. Und nachdem sie explodiert war, erzählt er, musste er sie noch einmal für die spätere Szene zusammensetzen. Da allerdings fragt sich der Laie, weshalb man die Szenen nicht einfach in umgekehrter Reihenfolge gedreht hat.

Applaus in der Hunsrückhalle

Es sind nicht zuletzt die Details, die dem Film „Die andere Heimat“ seinen Zauber verleihen. Und noch einmal trat Edgar Reitz auf, auf dem Fruchtmarkt, spät am Abend, und erzählte vom Roggen, den er aussäen ließ: Urroggen, dessen Halme zwei Meter hoch werden, und den heute kaum noch jemand kennt und anbaut, weil die modernen Mähdrescher nicht damit fertig werden. Er aber brauchte die hohen Halme für ein Bild, in dem sich zwei junge Frauen im Getreidefeld verstecken, hindurchrennen, darin verschwinden. Also wurde er angebaut. Ein Bauer aus Schlierschied stellte seinen Acker zur Verfügung, Bauer Hammen, wie Edgar Reitz betonte, und erntete ihn später, nach Ende der Dreharbeiten, mit der Hand. Immerhin vierzig Doppelzentner kamen zusammen. „Damit“, sagte Edgar Reitz ein wenig lakonisch, „wären die Schabbacher 1840 gerettet worden.“ Hier nun bot eine Bäckerei aus Simmern „Heimatbrot“ aus dem puren Roggenmehl an, limitiert auf fünfhundert Laibe, als handele es sich um eine Kunstedition.

Es kam der Moment, da konnte man gar nicht mehr anders, als Edgar Reitz an diesem Tag in Simmern die Gabe der Ubiquität zu attestieren, an diesem Tag, an dem er Gott und der Welt zur Verfügung stand, auch die Vorführung im kleinen Kino mit einer kurzen Rede einleitete, Zeit fand, im Museum die neue Dauerausstellung zu eröffnen, und in der Hunsrückhalle gleich zweimal mit einem großen Teil der Crew und fast allen Schauspielern auf die Bühne trat, gut und gern hundert Personen, so machte es den Eindruck.

Und einmal ist Edgar Reitz auch im Film zu sehen. Da sitzt er, als Bauer gekleidet am Rand eines Getreidefelds und dengelt seine Sense. Eine prächtige Kutsche kommt vorbei, auf dem Weg von Berlin nach Paris, wie wir später erfahren, und ein vornehm gekleideter Herr steigt aus, Werner Herzog in der Rolle Alexander von Humboldts, wie man seltsamerweise gleich ahnt. „Guter Mann“, sagt er. „Kann Er mir sagen, wie heißt dieser Ort da?“ Und er zeigt auf den Kirchturm, dessen Spitze mit dem Wetterhahn aus der Senke ragt wie ein ausgestreckter Zeigefinger. „Dat lo“, sagt der alte Hunsrücker völlig unbeeindruckt und kümmert sich nach wie vor eher um seine Sense als um den Edelmann, „dat is Schabbach.“ Da donnerte ein gewaltiger Applaus durch die Hunsrückhalle.

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