https://www.faz.net/-gxh-7i17s

Am Drehort von „Heimat“ : Dat lo, dat is Schabbach

Was jedoch die Gehlweileser noch haben, sind ihre Erinnerungen. Noch sind sie frisch. Die Dreharbeiten liegen ja erst ein Jahr zurück. Und man sieht sogar noch Spuren des Kunstschnees auf manchen Dächern, zurückgeblieben von einem Drehtag, an dem 34 Grad herrschten, aber die Darsteller in dicksten Klamotten vor Kälte bibbern sollten. „Dat geht nich weg“, sagt einer. Und man glaubt herauszuhören, dass das gut ist so.

Der ganze Ort scheint von Stolz beseelt. „Das war mein Wasser aus meinem Gartenschlauch, das im Film als Wein aus den Fässern rinnt“, sagt Armin Schneider und öffnet die Tür zu seiner Scheune, vor der Reitz die „Leckerschmier-Kerb“ inszeniert hat und in der wenig später ein wildes Tanzvergnügen seinen schicksalhaften Lauf nimmt. Aber Brote mit eingedicktem Pflaumenmus, die Leckerschmierbrote, wird er wohl nicht anbieten, der Armin Schneider, wenn demnächst Touristen vor der Bildtafel versuchen, Überschneidungen zwischen seinem Haus und der Filmkulisse zu finden.

Die Sehnsucht, der Aufbruch

Auf den Festivals von Venedig und Toronto war „Die andere Heimat“ schon zu sehen. Aber das hinderte den Bürgermeister von Simmern nicht daran, die Aufführung am vorigen Wochenende in der Hunsrückhalle, einem Zweckbau mit dem Charme eines Discounters, als „die offizielle Weltpremiere“ des Films zu bezeichnen. Und natürlich füllten die Bewohner von Gehlweiler einen groß Teil des riesigen Saals. Nur für einen Moment trat Edgar Reitz auf die Bühne unter der großen Leinwand, auf dem Kopf eine Kappe, wie sie im Hunsrück die Bauern tragen, wenn sie mit dem Bulldog, wie der Trekker hier heißt, aufs Feld fahren. „Was ich zu sagen habe, erzählt der Film“, beschränkte er sich und fügte an: „Aus der Welt, die ich beschreibe, kommen wir alle her.“ Dann wurde es dunkel im Saal, und am nächsten Tag scheuten sich die Zuschauer nicht, zu gestehen, dass sie der Handlung kaum hätten folgen können, sondern immer nur Ausschau gehalten hatten nach ihren Auftritten und denen ihrer Kinder, ihrer Enkel und ihrer Nachbarn. „Ich glaube“, sagten manche, „ich muss mir den Film noch einmal anschauen.“

Bis spät in die Nacht herrschte in Simmern nach der Premiere Hochbetrieb auf dem Fruchtmarkt, dem Platz zwischen der Stephanskirche und dem Pro-Winzkino, in dem neben „Die andere Heimat“ momentan auch viele weitere Filme von Edgar Reitz gezeigt werden. Auf dem Platz steht die Dampfmaschine, die im Film zunächst Symbol wird für das Einrücken der modernen Technik in die ländliche Welt, für das Ende der Beschaulichkeit, aber auch das Ende der Handarbeit - ihrer Anstrengung und ihres Werts. Bald schon aber wird sie zum Symbol für das Raunen in den Köpfen der Dorfbewohner, für ihre Zweifel am Leben in Schabbach, für die Sehnsucht, den Aufbruch. Nicht von ungefähr geht sie beim ersten Anlauf in einer gewaltigen Dampfwolke, die den Hof, die Schmiede und den halben Ort verschlingt, in die Luft und zerbirst in hundert Teile. Erst beim zweiten Anlauf, Jahre später, läuft dank eines Fliehkraftreglers die Kurbelwelle rund und treibt über einen Lederriemen eine Nageldreschmaschine an. „Vater“, sagt der Bub, der die Idee zu diesem Fliehkraftregler hatte, „das heißt, wir han jetzt eine Maschine, die auf sich selbst aufpasst.“

Weitere Themen

Nackte Haut stört niemanden mehr

70 Jahre FSK : Nackte Haut stört niemanden mehr

Seit 70 Jahren gibt es in Wiesbaden die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Sie legt fest, ab welchem Alter Filme für Kinder und Jugendliche freigegeben werden. Die Institution muss mit dem Wandel der Zeit umgehen.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.