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Am Drehort von „Heimat“ : Dat lo, dat is Schabbach

Phantomerinnerungen für das Gedächtnis

Natürlich werden Touristen kommen. „Chronik einer Sehnsucht“ heißt der Kinofilm im Untertitel. Und das vor allem wird es sein, was Besucher nach Gehlweiler treibt: Sehnsucht. Da kann der Film das Leid in all seinen Formen ausbreiten, wie er mag, vom Hunger als ständigem Begleiter nach sieben Jahren der Dürre, der Missernten und der Kartoffelfäule über die Repressalien einer Willkürherrschaft in der Zeit des Vormärz einschließlich der Verbote, im Wald Holz zu sammeln und auf den Wiesen die Beeren, bis zum grausamen Tod sehr vieler Kinder, allesamt Opfer der Diphtherie. Und der Film mag noch so gut begründen und so anschaulich darstellen, was es bedeutet hat, wenn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Tausende von Menschen vom Hunsrück aus nach Brasilien ausgewandert sind, bis ganze Landstriche entvölkert waren - am Ende bleibt doch das verträumte Bild einer nostalgischen Kulisse zurück, einer poetischen Welt. Dieses Gefühl für einen Ort und eine Zeit, die Geborgenheit suggerieren, „Gehaischnis“, wie man im Hunsrück sagt.

Und es war ja Edgar Reitz, der Mitte der achtziger Jahre mit seinem Elfteiler dafür sorgte, dass der Vokabel Heimat die Anführungszeichen genommen wurden, der den Begriff entkrampft hat, ihn letztlich befreit hat von braunen Konnotationen. Generationenübergreifend wurde die Fernsehserie zum Erweckungserlebnis. Es war, als habe man der eigenen Familie beim Aufwachsen zugeschaut, mehr noch: Edgar Reitz implantierte den Zuschauern Phantomerinnerungen in ihr Gedächtnis.

Und nun also das Erlebnis in den Straßen von Gehlweiler. Schon nach der ersten Serie waren Touristen gekommen, der Schmiede wegen, die damals der zentrale Ort der Handlung war und die es auch jetzt im Kinofilm wieder ist. Ein altes Haus. Gut erhalten. Durchs Fenster sieht man altes Werkzeug. Aber das reicht natürlich nicht für dauerhaften Tourismus. Doch selbst jetzt, da der ganze Ort Spuren des Films trägt, hat sich niemand überlegt, wie daraus Profit zu schlagen sei. Und vielleicht will das ja auch niemand. In Oberwesel wurde ein wunderbares Restaurant im Günderrodehaus eingerichtet, Drehort von „Heimat 3“, von dessen herrlicher Terrasse unter einer gewaltigen Kastanie man auf den Rhein hinunterschaut. Und in Morbach wird in diesen Tagen im Elternhhaus von Edgar Reitz das „Café Heimat“ eröffnet. In Gehlweiler aber gibt es kein Café, keine Pension, keine Ferienwohnung. Es gibt nicht einmal einen Laden. Nur in die Gaststätte am Ortsrand, „Zur grünen Au“, mit Hausmannskost zu günstigen Preisen, kehren hin und wieder Fremde ein.

Der Kunstschnee bleibt

Während der Dreharbeiten, so hatten es der Bürgemeister und Edgar Reitz verabredet, durfte die Gemeinde am Wochenende zwei Euro Eintritt pro Besucher kassieren. Es kamen Tausende. Mit dem Geld wurden die Bildtafeln des Kulissendorfs finanziert. Das ist das Erbe des Films.

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