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Am Drehort von „Heimat“ : Dat lo, dat is Schabbach

So begeistert jedenfalls waren die Dämgens, dass sie Edgar Reitz nach Ende der Dreharbeiten etliche Requisiten und Teile der Einrichtung abschwatzen konnten, dass sie das Museum in Simmern überzeugen konnten, ihnen den uralten Spülstein aus Schiefer auszuleihen, der auch im Film in der Küche steht. Und Herr Dämgen stöberte so lange im Internet nach Antiquitäten, bis er die Wohn- und Schlafräume so perfekt eingerichtet hatte, dass man sie selbst auf den zweiten Blick noch für die originale Filmkulisse hält.

Und nun? Das wissen die Dämgens selbst nicht. Busladungen von Besuchern, sagen sie, brächten sie in den kleinen Zellen ja nicht unter. Eintritt wäre schön, sagen sie, um das Haus zu unterhalten. Einen Ausschank? Souvenirs? Verkauf von Selbstgebackenem? Darüber hätten sie noch nicht nachgedacht. Wer weiß, ob überhaupt jemand kommt. Sagen sie.

Leben hinter Plastikwänden

Noch herrscht in Gehlweiler eher Gelassenheit als „Heimat-Fieber“. Man wartet ab. An einem Dutzend Stellen oder mehr hat man immerhin große Fototafeln aufgestellt, die jeweils diesen Punkt während der Dreharbeiten zeigen: fast alle Gebäude hinter gewaltigen Fassaden aus Kunststoff und Styropor verborgen, die Fachwerk vortäuschen und Fenster, die so klein sind wie Schießscharten, die Straßen sind unter Tonnen von Lehm begraben, die Gebäude mit Stroh gedeckt, statt mit Schiefer. Manchmal ist es schwer, die Fotos mit der Wirklichkeit zur Deckung zu bringen, so anders, so ganz und gar anders hat der Ort für den Film ausgesehen. Der Eingang zur Kirche ist dort, wo heute ein Pick-Up in der Garage steht. Und wo zwischen windschiefen Schuppen Misthaufen dampfen oder ein zerbrochenes Wagenrad an einer Hauswand lehnt, stehen jetzt hinter niedrigen Mäuerchen moderne Gartenmöbel. Aber dann entdeckt man im Giebel der Scheune die Rosette, die den Bau in eine Kirchenfassade verwandelt hat, und alles fügt sich auf wundersame Weise drum herum - auch wenn das mächtige Portal sowie die damals auf riesigen Stelzen ins Dorfbild montierte Kirchturmspitze mittlerweile im Nachbarort Gemünden auf dem Parkplatz einer Gaststätte stehen.

Das ist der Ortsrand von Gehlweiler, dem Ort, der es als Schabbach in der Film- und Fernsehgeschichte zu Weltruhm gebracht hat

Für seine mehrteiligen Fernsehproduktionen der Heimat-Saga aus den achtziger Jahren und dem Beginn unseres Jahrhunderts hatte Edgar Reitz das Dorf Schabbach aus dreißig Dörfern zwischen Morbach, Rhaunen und Mannebach zusammengesetzt, sich jeweils ein, zwei Häuser ausgesucht, die seinen Vorstellungen entsprachen, und die Aufnahmen so zusammengeschnitten, dass der Eindruck eines einzigen Ortes entstand. Für seinen Kinofilm aber erschuf Edgar Reitz ein altes Dorf neu. Nicht im Studio, nicht im freien Gelände - sondern an Ort und Stelle. Das hätte man, sagt er, so, wie es dann aussah, gar nicht erfinden können, mit den krummen Grundstückslinien, die von Erbstreitigkeiten erzählen, mit seinen engen Durchgängen, den dunklen Nischen und den bizzaren Winkeln, in denen die Stirnseiten der Gebäude zueinander stehen. In Simmern im Museum, in dem man die Edgar Reitz gewidmete Etage dieser Tage um viele neue Stücke ergänzt hat, ist das Modell des Ortes ausgestellt, das begreiflich macht, wie die Häuser dreier Straßen ummantelt wurden oder abgedeckt. Es ist das Modell, mit dem Edgar Reitz die Bewohner von Gehlweiler letztlich davon überzeugen konnte, freiwillig ein halbes Jahr lang im Ausnahmezustand zu leben. In einem Filmdorf. Denn hinter den Plastikwänden ging außerhalb der Drehtermine das Leben der Bewohner seinen Gang.

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