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: Alten Zöpfen eine Chance

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Es ist nie schön, wenn man die Heimat verlassen muss, vor allem eine, in der man sich nach Gutdünken einrichten konnte wie der Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel. Weil er sich nicht schnell genug Napoleon in die Arme geworfen ...

          Es ist nie schön, wenn man die Heimat verlassen muss, vor allem eine, in der man sich nach Gutdünken einrichten konnte wie der Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel. Weil er sich nicht schnell genug Napoleon in die Arme geworfen hatte, musste er von 1806 an aus der Ferne zusehen, wie dessen Bruder Jérôme von Kassel aus das neugeschaffene Königreich Westfalen regierte, nach Maximen, die dem bekannt konservativen Wilhelm zutiefst zuwider waren: Plötzlich wurde aus der Residenz eines der reaktionärsten deutschen Fürsten ein Musterkönigreich, das seinen Bürgern den "Code Civil" und einheitliche Maße und Gewichte bescherte, das keine Leibeigenschaft kannte und vom Zopfzwang bei Hof und Militär nichts wissen wollte. Als Wilhelm 1813 dann wieder in Kassel einzog und missbilligend all die Neuerungen in Augenschein nahm (die er bald genug wieder einkassierte), sei ihm, berichtet Karl Immermann in seinem satirischen Roman "Münchhausen", sein alter Bediensteter Piepmeyer entgegengesprungen. Er hätte "jubelnd seinen durch alle Verführungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und gerufen: ,Durchlaucht! Durchlaucht! Meiner sitzt noch!', was dem alten Herrn die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll".

          Jener brave Piepmeyer ist freilich nicht irgendein Angestellter, sondern der Kastellan der Löwenburg, jener von 1793 an errichteten künstlichen Ruine im Bergpark Wilhelmshöhe, etwas abseits der Blickachse zwischen dem monumentalen Herkules und Schloss Wilhelmshöhe, die sich schnurgerade entlang der Wilhelmshöher Allee in die Kasseler Innenstadt fortsetzt. Gedacht als fiktive hessische Stammburg, errichtet aus Tuffstein, der so wunderbar schnell verwittert, entstand ein Gebäude, das man zu Verteidigungszwecken kaum ungeschickter planen könnte, das jedoch als Ritterburgspiel eines großen Jungen nicht seinesgleichen findet: Marstall, Rüstkammer, Kirche, alles da, und auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes geht es dann um die Bequemlichkeit des Fürsten und seiner Mätresse links und rechts des mächtigen Bergfrieds, der schon fast zu malerisch an einen Abhang gesetzt wurde.

          Die Anlage umgibt auf drei Seiten ein Wassergraben und eine niedrige Mauer; im Norden liegt ihr ein Irrgarten gegenüber, im Süden ein fragmentarischer Turnierplatz mit Zuschauertribüne. Wer die Burg besucht, wird durch eine schöne Sammlung alter Rüstungen und Waffen geführt, er besucht die katholisch gedachte Kirche des protestantischen hessischen Fürsten, der sich dort auch hat begraben lassen - als er 1821 starb, trieb es sein trauerndes Gefolge mit dem Ritterspielen so weit, dass der getreue Forst- und Kammerjunker von Eschwege im schwarzen Harnisch nicht nur im Leichenzug ritt, sondern auch die Totenwache hielt und sich dabei so fürchterlich erkältete, dass er wenig später seinem Herren nachfolgte.

          Der freilich war wegen seiner rückwärtsgewandten Gesinnung als Gespenst schon zu Lebzeiten verspottet worden, wenigstens, wenn man Immermanns "Münchhausen" glaubt: Während der Verbannung aus Kassel sei der Kurfürst auf der Löwenburg umgegangen, berichtet einer der Söhne des Kastellans Piepmeyer, und zwar jedesmal an seinem Geburstag. "An diesem Tage war es von frühmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den seidenen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der Rüstkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhörlich mit den Flügeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir all dieses und noch mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater beiseite nahm und uns das Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als dass der Kurfürst, wiewohl weit entfernt im böhmischen Lande, dennoch auf seiner Burg seinen Geburtstag feiere."

          Nun verwundert es nicht weiter, dass der ritterselige Ruinenbaumeister in seiner künstlichen Burg auch gleich für ein künstliches Gespenst sorgte. Aber es ist eine unschöne Pointe der Parkgeschichte, dass im Zweiten Weltkrieg eine Fliegerbombe aus der künstlichen eine echte Ruine machte. Seit einigen Jahren wird der zerstörte Bergfried immerhin wieder aufgebaut, wenn auch sehr langsam. Und wenn das Kunststück gelingt, die Burg in ihrem alten Zustand wiederherzustellen, ohne den herrlichen Park, wie derzeit erwogen, mit überflüssigen Neubauten und Ähnlichem anzutasten, dann wäre das ein Gewinn nicht nur für Kassels Bürger.

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