https://www.faz.net/-gxh-9en48

Alpenwandern : Ein Hang zur Selbstdarstellung

  • -Aktualisiert am

Bild: Patrick Bonato

Sag mir, wie du aufsteigst, und ich sage dir, wer du bist. Eine Typologie des Alpenwanderers vom Erhebenheits-Styler über den Instagram-Wanderer bis zum Gipfelstürmer.

          „The tourist is the other fellow.“ – Evelyn Waugh

          Der Erhabenheits-Styler

          So, wie sich das Matterhorn vom Prenzlberg unterscheidet, treten auch Bergwanderer in höchst unterschiedlichen Formen auf. Da wäre zunächst ein Typus, der aus großen Städten kommt und mit dem Zug nach Bad Gastein fährt.

          Der Erhabenheits-Styler

          Dort spaziert er in Jeans, Moncler-Jacke und Sneakern auf den Berg (nachdem er mit dem Sessellift bis fast zum Gipfel gefahren ist), geht in die Hütte und ist fasziniert von der Nachhaltigkeit der Holundersaftschorle und dem „total intensiven Geschmack“ der Spinatknödel. Er beziehungsweise sie trifft sich mit gleichgesinnten Vollbartträgern und Retrobrillenträgerinnen in ausgewählten Berghotels um dort gemeinsam elektronische Musik zu hören und über Michel Houellebecq oder Anne Imhof zu diskutieren. Doch die Berge sind für Erhabenheits-Styler ein unechtes Gebilde, so stilisiert, wie sie in den Lifestyle-Simulations-Magazinen abgebildet sind, die sie im Rollkoffer mit dabeihaben. Damit reaktivieren sie einen Begriff aus dem 19.Jahrhundert: die Erhabenheit. Auch damals kamen empfindsame, hypochondrisch-romantische Alpentouristen aus den Städten, um auf einer Aussichtsterrasse in die gähnende Tiefe zu schauen, den Handrücken an die Stirn zu halten, und dann, aahhh, beinahe in Ohnmacht zu fallen. So ähnlich ist es auch heute bei den Erhabenheits-Stylern, deren Touren ungefähr so gefährlich sind wie das Betrachten eines Landschaftsgemäldes. Tatsächlich auf Berge zu steigen, nein, das könnte Gefahr, Kälte, Anstrengung und andere nicht auszudenkende Unannehmlichkeiten mit sich bringen.

          Der Outdoor-Purist

          Der Outdoor-Purist ignoriert das neue Jahrtausend erfolgreich, indem er Nickelbrille, Che-Guevara-T-Shirt und die orangefarbene Thinkpink-Hose vollkommen frei von Retro-Allüren trägt.

          Der Outdoor-Purist

          Er meint das genauso unironisch wie das Fernglas, den Kompass und die topographische Wanderkarte – und das spricht für ihn. Seine Meindl-Bergschuhe sind zwar wenig getragen (weil er die Teva-Sandale vorzieht), aber trotzdem 20 Jahre alt, was heißt, dass das Material so porös geworden ist, dass sich mindestens eine der beiden Sohlen in Teilen vom Schuh ablöst – und bald ganz abfallen wird. Doch einen neuen Schuh zu kaufen wäre teuer und nicht nachhaltig. Berg- und Wanderführer kennen das Phänomen und haben daher immer Kabelbinder dabei. Doch der Outdoor-Purist lässt sich auf den Berg ein und kann – im Gegensatz zum Erhabenheits-Styler und Instagram-Wanderer – mit Gaskochern, Karabinern, Steigeisen und Wetterstürzen umgehen. Er schafft es auch in Orten wie St.Anton, St.Moritz und Chamonix die Wertschöpfung zu unterlaufen, indem er so tut, als wären all die schönen Hotels, Restaurants und Bergbahnen gar nicht da.

          Der Instagram-Wanderer

          Ein neuer Typus, den man am Smartphone, am Smartphone und am Smartphone erkennt – und vielleicht noch am Hörschel-Rucksack, der Fjällräven-Jacke, den Doc Martens und der seitlich über die Ohren gerollten Wollmütze.

          Der Instagram-Wanderer

          Die gängigen Outdoorklamotten lehnt er beziehungsweise sehr oft auch sie aus Gründen des Distinktionsgewinns ab. InstagramWanderer buchen nicht (weil buchen total uncool ist), suchen sich spontan über Airbnb eine Bleibe und wandern dann ohne Führer auf den Gipfel. Oder an irgendwelche nicht so ganz nachvollziehbare Orte im Gebirge. Ihre Reise durch die Alpen ist nämlich eine Like-Jagd nach unentdeckten Most-hidden-Instagramer-Places, während der einzig und allein die „Postbarkeit“ zählt. Die Höhenluft? Die Aussicht? Das Erlebnis? Die Realität? Pah! Und nachdem sie Fotos vom Wasserfall gepostet haben, beschweren sie sich darüber, wie voll es in den Bergen ist. Nur: Sollte einmal ein Gewitter aufziehen oder es sonst irgendwie ungemütlich werden, dann sollten sich Instagram-Wanderer schleunigst mit den Erhabenheits-Stylern zusammentun und unverzüglich die Bergrettung rufen.


          Das Original

          Gibt es auch noch und trägt Kniebundhosen, das von Fredl Fesl als „rot-weiß karierte Uniform“ bezeichnete Hemd, Wanderstöcke mit Abzeichen und fährt erst dann mit einer Bergbahn, wenn der Termin für die Knie-OP schon vereinbart ist.

          Weitere Themen

          Alles, nur nicht bremsen! Video-Seite öffnen

          Reisen mit dem Rad : Alles, nur nicht bremsen!

          Elektrisch durch die Fjorde, stehend durchs Gelände – und für den guten Zweck über Inseln: Fahrradsommerreisen in Norwegen, Österreich und Griechenland.

          Topmeldungen

          Der Markt für Smartphone-Hersteller wie Apple, Huawei und Samsung kannte lange nur eine Richtung: nach oben. Diese Ära ist jetzt vorbei.

          Absatz von Smartphones : Handybesitzer zögern Neukauf immer länger hinaus

          Umweltschützer freut es, die Hersteller sind frustriert: Handybesitzer warten immer länger, bis sie sich ein neues Gerät kaufen. Die Top-Marken müssen ein Minus von fast 4 Prozent verkraften – 5G soll das ändern.

          EU-Urheberrecht : Von wegen keine Uploadfilter!

          Innerhalb der nächsten zwei Jahre muss Deutschland das neue EU-Urheberrecht umsetzen – ohne Uploadfilter. Das verspricht jedenfalls die CDU. F.A.Z.-Redakteur Hendrik Wieduwilt hat daran seine Zweifel.

          Video von Trump und Epstein : „Sie ist scharf“

          Donald Trump hat in den vergangenen Wochen immer behauptet, den des Sexhandels beschuldigten Milliardär Jeffrey Epstein kaum zu kennen. Ein Video von 1992 zeigt die beiden jedoch bei einer von Trumps Partys in Florida.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.