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Alpenwandern : Ein Hang zur Selbstdarstellung

Bild: Patrick Bonato

Sag mir, wie du aufsteigst, und ich sage dir, wer du bist. Eine Typologie des Alpenwanderers vom Erhebenheits-Styler über den Instagram-Wanderer bis zum Gipfelstürmer.

          „The tourist is the other fellow.“ – Evelyn Waugh

          Der Erhabenheits-Styler

          Andreas Lesti

          Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So, wie sich das Matterhorn vom Prenzlberg unterscheidet, treten auch Bergwanderer in höchst unterschiedlichen Formen auf. Da wäre zunächst ein Typus, der aus großen Städten kommt und mit dem Zug nach Bad Gastein fährt.

          Der Erhabenheits-Styler

          Dort spaziert er in Jeans, Moncler-Jacke und Sneakern auf den Berg (nachdem er mit dem Sessellift bis fast zum Gipfel gefahren ist), geht in die Hütte und ist fasziniert von der Nachhaltigkeit der Holundersaftschorle und dem „total intensiven Geschmack“ der Spinatknödel. Er beziehungsweise sie trifft sich mit gleichgesinnten Vollbartträgern und Retrobrillenträgerinnen in ausgewählten Berghotels um dort gemeinsam elektronische Musik zu hören und über Michel Houellebecq oder Anne Imhof zu diskutieren. Doch die Berge sind für Erhabenheits-Styler ein unechtes Gebilde, so stilisiert, wie sie in den Lifestyle-Simulations-Magazinen abgebildet sind, die sie im Rollkoffer mit dabeihaben. Damit reaktivieren sie einen Begriff aus dem 19.Jahrhundert: die Erhabenheit. Auch damals kamen empfindsame, hypochondrisch-romantische Alpentouristen aus den Städten, um auf einer Aussichtsterrasse in die gähnende Tiefe zu schauen, den Handrücken an die Stirn zu halten, und dann, aahhh, beinahe in Ohnmacht zu fallen. So ähnlich ist es auch heute bei den Erhabenheits-Stylern, deren Touren ungefähr so gefährlich sind wie das Betrachten eines Landschaftsgemäldes. Tatsächlich auf Berge zu steigen, nein, das könnte Gefahr, Kälte, Anstrengung und andere nicht auszudenkende Unannehmlichkeiten mit sich bringen.

          Der Outdoor-Purist

          Der Outdoor-Purist ignoriert das neue Jahrtausend erfolgreich, indem er Nickelbrille, Che-Guevara-T-Shirt und die orangefarbene Thinkpink-Hose vollkommen frei von Retro-Allüren trägt.

          Der Outdoor-Purist

          Er meint das genauso unironisch wie das Fernglas, den Kompass und die topographische Wanderkarte – und das spricht für ihn. Seine Meindl-Bergschuhe sind zwar wenig getragen (weil er die Teva-Sandale vorzieht), aber trotzdem 20 Jahre alt, was heißt, dass das Material so porös geworden ist, dass sich mindestens eine der beiden Sohlen in Teilen vom Schuh ablöst – und bald ganz abfallen wird. Doch einen neuen Schuh zu kaufen wäre teuer und nicht nachhaltig. Berg- und Wanderführer kennen das Phänomen und haben daher immer Kabelbinder dabei. Doch der Outdoor-Purist lässt sich auf den Berg ein und kann – im Gegensatz zum Erhabenheits-Styler und Instagram-Wanderer – mit Gaskochern, Karabinern, Steigeisen und Wetterstürzen umgehen. Er schafft es auch in Orten wie St.Anton, St.Moritz und Chamonix die Wertschöpfung zu unterlaufen, indem er so tut, als wären all die schönen Hotels, Restaurants und Bergbahnen gar nicht da.

          Der Instagram-Wanderer

          Ein neuer Typus, den man am Smartphone, am Smartphone und am Smartphone erkennt – und vielleicht noch am Hörschel-Rucksack, der Fjällräven-Jacke, den Doc Martens und der seitlich über die Ohren gerollten Wollmütze.

          Der Instagram-Wanderer

          Die gängigen Outdoorklamotten lehnt er beziehungsweise sehr oft auch sie aus Gründen des Distinktionsgewinns ab. InstagramWanderer buchen nicht (weil buchen total uncool ist), suchen sich spontan über Airbnb eine Bleibe und wandern dann ohne Führer auf den Gipfel. Oder an irgendwelche nicht so ganz nachvollziehbare Orte im Gebirge. Ihre Reise durch die Alpen ist nämlich eine Like-Jagd nach unentdeckten Most-hidden-Instagramer-Places, während der einzig und allein die „Postbarkeit“ zählt. Die Höhenluft? Die Aussicht? Das Erlebnis? Die Realität? Pah! Und nachdem sie Fotos vom Wasserfall gepostet haben, beschweren sie sich darüber, wie voll es in den Bergen ist. Nur: Sollte einmal ein Gewitter aufziehen oder es sonst irgendwie ungemütlich werden, dann sollten sich Instagram-Wanderer schleunigst mit den Erhabenheits-Stylern zusammentun und unverzüglich die Bergrettung rufen.


          Das Original

          Gibt es auch noch und trägt Kniebundhosen, das von Fredl Fesl als „rot-weiß karierte Uniform“ bezeichnete Hemd, Wanderstöcke mit Abzeichen und fährt erst dann mit einer Bergbahn, wenn der Termin für die Knie-OP schon vereinbart ist.

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