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Alpenwandern : Ein Hang zur Selbstdarstellung

  • -Aktualisiert am
Das Original

Während der Outdoor-Purist in den 1990ern lebt, ist das Original in den 1970ern stehengeblieben, und das einzige Zugeständnis an die Gegenwart besteht darin, dass er seinen VW-Käfer gegen einen VW-Golf getauscht hat. Nachdem das Original etwas in die Jahre gekommen ist, verzerrt sein Selbstbild sein Fitnessvermögen. Oder anders gesagt: Er quält sich mit hochrotem Kopf Richtung Gipfelkreuz und Herz-Rhythmus-Störung. Er fährt seit Jahrzehnten in den gleichen Ort, hat wenig Verständnis für Veränderungen und Erhabenheits-Styler und Instagram-Wanderer sind ihm so suspekt wie eine Designhütte. Doch wer einen Zugang zu ihm findet, wird sich gut mit ihm unterhalten, viel über die Geschichten der Berge erfahren und am Ende auf einer sehr schlichten und urigen Hütte einen Enzian mit ihm trinken.


Der Luxus-Alpinist

Ein erfolgreicher, braungebrannter Steuerberater, Arzt oder Anwalt aus München, Stuttgart, Frankfurt oder Hamburg, der im AudiQ7 oder Porsche Cayenne nach Kitzbühel, Sils Maria oder Elmau fährt.

Der Luxus-Alpinist

Er hat schon alles gesehen und vergleicht die Alpen gerne mit den Rockies, den Anden oder dem Himalaja. Das hört sich dann so an: „Ist ja ganz schön, dieser neue Klettersteig, aber nicht zu vergleichen mit dem Ajax Peak in Telluride.“ Das kann anstrengend sein, aber man muss zugeben: Der Luxus-Alpinist kennt sich aus in namhaften Bergregionen, ist versiert, schwindelfrei und so fit, dass er in seiner Peak Perfomance-Ausrüstung abends noch schnell über den Gletscher zur Hütte springt, ähnlich „competitive“ wie er im Job Überstunden macht. Doch viel schlimmer ist der Trittbrett-Luxus-Alpinist: auch ein Wichtigtuer mit sündhaft teurer „Ultra light“-Daunenjacke, der allerdings von den Bergen nicht den Hauch einer Ahnung hat.


Der Gipfelstürmer

Der Fitnessstudiobesucher unter den Wanderern trägt minimalistische Hightech-Klamotten zu maximalen Preisen, eigenwillige Trinkflaschen wie Munitionsgürtel um die Hüfte und wenn er verschwitzt am Gipfel ankommt, kehrt er, ohne die Aussicht auch nur eines Blickes zu würdigen, sofort wieder um.

Der Gipfelstürmer

Das heißt, nein, davor blickt er noch auf seine Funktionsuhr, um Zeit, Höhenmeter und Pulsfrequenz zu checken; und stellt die Daten über das am Oberarm angebrachte Smartphone bei Strava als neue Challenge ein. Er hat also ähnlich wenig Interesse an der Schönheit der Berge wie der Instagram-Wanderer. Ihm geht es aber nicht um postbare Fotos, sondern um seine Leistung. Er ist eine austrainierte, selbstoptimierte Hochleistungsmaschine, und genau das ist das große Missverständnis. Denn in den Bergen braucht es immer eine Reserve, die der marathonausgezehrte Gipfelstürmer nicht hat. Und deswegen ist er bei längeren Touren und schwierigen Verhältnissen oft der Erste, der mit Muskelbeschwerden oder Erkältungsanflügen aufgibt wie ein tiefergelegter Sportwagen im Gelände.


Der Einheimische

Kantig und grantig wie er ist, entzieht sich der Einheimische allen gängigen Klischees.

Der Einheimische

Und dennoch wird man ihn schnell erkennen: Denn er spricht in einem Dialekt, der mehr an an eine knarzende Türe als an eine Sprache erinnert. Das heißt, er wird von Fremden grundsätzlich nicht verstanden, auch nicht, wenn sie etwas von ihm wollen. Zum Beispiel wie der Berg am westlichen Horizont heißt. „Da welchana?“, fragt er dann zurück, also „Welcher denn?“ Woraufhin der Fragende sich bedankt und zu seiner Frau wendet: „Schatz, das ist der Welchana.“ Aber würde man ihn verstehen, dann würde man feststellen, dass er mit seinem exklusiven Hoheitswissen prahlt, er immer Gipfel, Hütten und Aussichtsplätze kennt, von denen Touristen noch nie gehört haben – und dass dort immer „gestern“ irgendetwas Außergewöhnliches stattgefunden hat. Und dann gibt es noch den „Möchtegern-Local“, einem Zugereisten, der seit Jahren in den Bergen lebt und behauptet, sie verstanden zu haben. „Da kommen welche daher“, sagt Kabarettist Gerhard Polt, „die behaupten frech, sie wären mir.“ Um dabei glaubwürdig zu sein, hat er Unfreundlichkeit und Unverständlichkeit des Einheimischen übernommen. Nur: All das bricht wie ein Felssturz in sich zusammen, wenn der Möchtegern-Local auf einen echten Einheimischen trifft.

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