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Alpenüberquerung nach Vorbild : Keine Ahnung von den Bergen, aber sie haben einander

  • -Aktualisiert am

In den bayerischen Alpen: Blick von der Tegernseer Hütte Bild: Barbara Schaefer

Wer auf D. H. Lawrence’ Spuren die Alpen überquert, sollte sich besser darauf vorbereiten als der Schriftsteller und seine Geliebte vor 107 Jahren.

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          Sie waren jung und hatten kein Geld. Sie waren ein heimliches Liebespaar, aus England geflüchtet, die Frau mit einem anderen verheiratet. Nun saßen sie in Bayern, das Geld ging ihnen aus. Bis schließlich eine Verwandte riet: „Sind Sie nie in Italien gewesen? Oh, aber es ist wunderbar! Warum nicht hingehen und einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen!“ Also wandern sie im August 1912 los: Frieda Weekley, Deutsche, geborene von Richthofen, die den Gatten mit den drei Kindern in Nottingham sitzenließ. An ihrer Seite ein rotblonder Mann, schmächtiger und jünger als sie, „wir waren glücklich, frei, auf dem Weg in das Abenteuer und in die Fremde“, schreibt sie Jahre später. Der schmächtige Brite heißt D. H. Lawrence, ein Literaturstudent, der bei seinem Dozenten Weekley mal zum Tee vorbeigeschaut hatte und später den Skandalroman „Lady Chatterley“ schrieb. Frieda Weekley sah ihn und dachte: „Was für ein Vogel mochte das sein?“

          Nun also wandern sie nach Italien. Dass sie dafür die Alpen überqueren müssen, scheint ihnen nicht ganz klar gewesen zu sein. Sie sind uninformiert, unpassend gekleidet, haben keine Ahnung von den Bergen. Sie werden sich verirren. Aber sie haben sich. Lawrence schreibt später über all das den autobiographischen Roman „Mr. Noon“.

          September 2018. Ich wandere in Icking los, auf den Spuren des Liebespaares. Und irre durch Neubaugebiete. Bald mäandert die Isar im Tal. In der Pupplinger Au liegen die Nackerten auf’m Kies. Von einem Aussichtspunkt aus stehen in der Ferne die Berge wie eine zartblaue Mauer. Ein Mann mit Hund sitzt auf einer Bank und sagt spöttisch: „Und? Soll’s bis nach Venedig gehen?“

          Nierenbraten vom Spirituskocher

          Die Reise der beiden endete am Gardasee; in Gargnano verbrachten sie den darauffolgenden Winter. Aber sie sind keine dogmatischen Fernwanderer, sie nehmen ab und zu den Zug und den Bus. Und wenn es ihnen an einem Ort gefällt, bleiben sie lange. Mit großem Aufwand schicken sie immer wieder Gepäck voraus. Bei mir passt alles in den Rucksack; aber ich bin ja auch nicht von zu Hause abgehauen, sondern wandere nur über die Alpen.

          Tiroler Schönheit: der Achensee.

          Als Fremde fielen Lawrence und Weekley auf. Im Roman heißt das Paar Gilbert und Johanna: „Gilbert (. . .) hatte seinen braunen Rucksack auf dem Rücken, seinen alten braunen Hut auf dem Kopf. Johanna hatte ihren leichteren, grauen Rucksack, ihren alten Panamahut mit einem kirschroten Band auf dem Kopf – und sie trug ihr dunkles Kleid aus Baumwollvoile.“ Gleich zu Beginn fuhren die beiden mit der Isartalbahn nach Bichl und wanderten zum „kleinen Sommerkurort Bad Trollingen“. Die Bahn fährt nicht mehr, ich nehme den Bus ins herausgeputzte Bad Tölz, Bilderbuchbayern. Das Haus, in dem die beiden für vier Shilling unterkamen, steht gegenüber des vierhundert Jahre alten Hotels „Kolberbräu“. Das Abendessen in der Gaststube konnten sie sich nicht leisten, „aßen auf ihrem Zimmer etwas aus ihrem Rucksack“. So mancher Wirt entlang ihres Weges muss entsetzt gewesen sein, „manchmal bereiteten sie auf dem Spirituskocher im Schlafzimmer kleine Kalbs-, Rinder- oder Nierenbraten zu“.

          Sie pflückt Erdbeeren, er drängt zur Eile

          Weekley wird sich später scheiden lassen, sie heiraten, bleiben zusammen bis zu Lawrence’ Tod 1930. Das Liebespaar war lange heimatlos, reiste um die Welt, lebte in Mexiko und in den Vereinigten Staaten. Aber diesen Aufbruch ins neue Leben begannen sie zu Fuß, und sie genossen es. „Ach, die Freude, morgens ein Hotel oder eine Pension zu verlassen, endgültig zu verschwinden! Es nie mehr wiederzusehen!“, schreibt Lawrence, und die Frau: „Könnte ich nur die Fröhlichkeit dieser Fußreise nach dem romantischen Italien zurückrufen!“

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