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Arktis in der Schweiz : Acht Wochen lang zehn Grad, das ist hier der Sommer

  • -Aktualisiert am

Zehn Grad sind doch nicht kalt - und genau das richtige, wenn unten an den schweizerischen Seen alle schwitzen. Bild: Sven Weniger

Auf der Glattalp, dem kältesten Ort der Schweiz, sinkt das Thermometer im Winter auf fünfzig Grad unter null. Doch im Sommer, wenn die Wiesen blühen, zeigen sich den wenigen Wanderern Steinadler und Murmeltier.

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          Es war ein toller Sommer letztes Jahr. Zürich meldete 27 Grad, die Freibäder in Genf waren voll, in Lugano reifte schon der Wein. Die Schweiz glühte. Auch auf der Glattalp war es recht heimelig. Zehn Grad über null seien angenehm, meinte Lorenz Schelbert und zog sich die Daunenjacke aus. Normal eben auf fast zweitausend Metern Höhe. Er sei mal wieder mit der Seilbahn hier hochgekommen, um die Gitter vor den Rohren zu prüfen, durch die das Wasser vom Berg eingefangen wird und dann unterirdisch in sein Kraftwerk rauscht.

          Gestern habe es hier ordentlich gewittert, das habe er unten im Tal mitbekommen. Da spülten die Bäche neben dem wertvollen Regen auch jede Menge Gras von den Almen, sagte er und zerrte mit den Händen am Grünzeug, das die Zugänge blockiert. Das will er natürlich nicht in seinen Turbinen haben. Ein Blick auf den Druckabfall, und er weiß Bescheid. Dann geht er die paar Schritte zur Talstation, setzt sich in die kleine Gondel und fährt hoch. Fast immer allein, denn auf die Glattalp wollen nur wenige und das ganz gewiss nur bei allerbestem Wetter während der gerade einmal drei Monate im Sommer, in denen hier Wandersaison herrscht. Denn das Hochtal in den Schwyzer Alpen ist nicht irgendeines und Lorenz Schelbert nicht irgendein Mitarbeiter eines lokalen Stromversorgers.

          Selbst der Steinbock nimmt Reißaus

          Ja, am 7. Februar 1991 war es, sagt Schelbert und zeigt von einer Anhöhe hinab auf den Schafpferchboden. Er war damals schon im Amt, aber leider im Büro. Minus 52,5 Grad maß der Temperaturfühler des E-Werks, der gleich neben der fußballfeldgroßen Senke an einem flachen Betonhäuschen montiert ist. Der Bau ist der Ausstieg zu einem drei Kilometer langen Stollensystem im Berg, das Schelberts Wasserzulauf hier oben mit dem Kraftwerk unten verbindet und im Winter bei vier Metern Schnee, wenn die Seilbahn längst abgeschaltet ist, der einzige Weg herauf ist. Die Schwyzer zapfen nämlich auch den Glattalpsee ganz hinten im Tal an und dazu noch das Flüsschen Muota, das gleich um die Ecke entspringt. Die versorgen die ganze Gegend mit Energie. Da lohnt es, auch dann noch nach dem Rechten sehen zu können, wenn selbst Gams und Steinbock die unwirtliche Ecke meiden. Das E-Werk legte also Strom bis zur Glattalp, mit Messinstrumenten und so weiter und ebendem Thermometer. Und siehe da, minus 52,5 Grad, das war mit Abstand die niedrigste Temperatur, die man jemals im Alpenländle gemessen hatte - der Kältepol der Schweiz war gefunden, wahrscheinlich sogar der ganz Europas.

          Dass dies kein meteorologischer Ausrutscher war, ist inzwischen klar. Der Kachelmann Jörg, der mit seiner Wetterfirma ganz scharf auf solche öffentlichkeitswirksamen Rekorde ist, setzte mit Genehmigung des Kraftwerks flugs seine Antennen aufs Dach des schelbertschen Tunnelausgangs und steht seitdem fast jeden Winter in der Landespresse. Mal mit minus 35, mal mit 45 Grad unter null; und er liegt damit dann wieder im Clinch mit dem Nationalen Wetterdienst, der das nicht anerkennen will und lieber La Brévine im Jura als Tiefkühltruhe der Schweiz ansieht, weil dort auch Leute wohnen, während hier im Winter nur der Lorenz hochkommt und die Franziska, aber dazu später.

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