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Alfred Nobel an der Elbe : Ein Stoff wie Dynamit

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Eine undatierte Postkarte zeigt die Dynamitfabrik von Alfred Nobel an der Elbe in Geesthacht bei Hamburg. Bild: Picture-Alliance

Um einen Sandhaufen an der Elbe herum entwickelte Alfred Nobel den Sprengstoff, der ihn reich und berühmt machen sollte. Heute gibt es von seinem Imperium kaum noch eine Spur.

          8 Min.

          Es kann an sonnigen Wintertagen im Lauenburgischen an der Elbe während eines Spaziergangs ergreifend schöne Momente geben. Der norddeutsche Himmel scheint dann ewig weit, wenn nicht unendlich zu sein. Die Wolken schieben sich parallel zum Horizont entlang; und das ebenso langsam und würdevoll wie der träge Fluss unter ihnen, der fast still zu stehen scheint. Heiter ist diese Landschaft nicht; gäbe es nicht das Hellblau des Himmels, wäre all das ein schwermütiges Aquarell in Braun, Grau, Schwarz, Weiß und Dunkelgrün. Aber manchmal, wenn die Sonne zwischen den Wolken hervorscheint und von einem Moment zum nächsten alles in hellstes Licht taucht, spiegeln sich Himmel und Wolken, die geduckten Bäume am jenseitigen Ufer und das Schilf der Böschung auf der Oberfläche des Flusses, und die ganze Welt scheint eine halbe Drehung zu machen. Aus oben wird unten, und der blaue Himmel kräuselt sich im Grau des Flusses. Oder umgekehrt. Das kann einen fast schwindlig machen.

          Wie auch die hier zu erzählende Geschichte mit all ihren Unglaublichkeiten, der rasanten Dramatik der Geschehnisse zwischen Triumphen und Katastrophen, genialen Erfindungen und Rivalitäten, dazu vor allem wirklicher Tragik. An glitzernden Figuren herrscht kein Mangel: Es gibt den genialen, aber am Leben leidenden Erfinder (nebenbei Literat), eine kluge österreichische Komtesse mit nicht unbewegter Vergangenheit (später als Schriftstellerin und Friedensaktivistin weltberühmt) und eine hübsche und charmante, wohl auch nicht ganz undurchtriebene Ex-Blumenverkäuferin (später sehr wohlhabend). Das alles vor dem Hintergrund eines der größten Privatvermögen der damaligen Zeit und wechselnder Kulissen wie St. Petersburg, New York, Paris, San Remo, London, Monaco, Berlin, Wien und Geesthacht. Geesthacht?!

          Heidekraut und verkrüppelte Kiefern

          Eben hier im tiefen und weiten Norddeutschland mit seinen herbstlichen Sturmfluten und den in sandiger Erde versinkenden krummschiefen Backsteinstädtchen beginnt eine Geschichte, wie sie nur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geschehen konnte. Im Oktober des Jahres 1865 unterschrieben die Damen Frau von Strube, Madame Auguste Lütkens sowie Madame Reisig einen Vertrag. Die Schwestern mit dem gemeinsamen Mädchennamen Machenhauer verkauften für vierzehntausend Thaler Courant ein ihnen gehörendes, zweiundvierzig Hektar großes, direkt an der Elbe gelegenes Grundstück. Kein saftiges Ackerland, sondern eine fast nur aus Dünen bestehende Anhöhe, sandig und unfruchtbar.

          Eine Büste zeigt den schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833-1896) in der Innenstadt von Geesthacht.
          Eine Büste zeigt den schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833-1896) in der Innenstadt von Geesthacht. : Bild: Picture-Alliance

          Dort wuchsen vom ewigen Wind verkrüppelte Kiefern, und es wurzelte Heidekraut in der mageren Erde; besiedelt war die Gegend kaum. Dieser Höhenzug wurde seit jeher Krümmel genannt. Niemand in diesem Oktober 1865, auch nicht die Mitgesellschafter der wenige Monate zuvor in Hamburg gegründeten Handelsgesellschaft Alfred Nobel & Co. – die Herren Winkler und der Rechtsanwalt Bandmann – hätten es wohl für möglich gehalten, dass dieser Sandberg eine schicksalsschwere Bedeutung für das gesamte zwanzigste Jahrhundert bekommen sollte und bis heute ein Synonym für von Menschenhand manipulierte und unberechenbar gefährliche Naturgewalten ist.

          Faszinierend und hoch gefährlich

          Genau dort gründete Alfred Nobel sein Sprengstoffimperium, und genau dort steht heute das Atomkraftwerk Krümmel. Seit 2011 zwar endgültig stillgelegt, doch selbst wenn der Rückbau der Anlage wie geplant im Jahr 2020 beginnen sollte, wird es Jahrzehnte dauern, bis diese Landschaft wieder aussieht, wie Alfred Nobel sie im vorvorigen Jahrhundert ein erstes Mal betreten hat. Die isolierte Lage, die Nähe zum Hamburger Hafen und vor allem der viele Sand, der, zu Wällen aufgeschüttet, Labors, Werkstätten und Lager bei Explosionsunglücken sichern sollte, machten den Krümmel zu einem idealen Standort für das, was Nobel plante.

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