https://www.faz.net/-gxh-945cw

Airbnb : Wie man mit einer Stadt verschmilzt

  • -Aktualisiert am

So sieht es aus, wenn man Erlebnisse kauft. Bild: Nadja Wohlleben

Airbnb, längst mehr als ein Marktplatz für Zimmertausch, treibt die Reisebranche vor sich her. Nun gibt es dort „Experiences“, vom Kochkurs bis zur Kneipentour.

          Als Erstes gibt es, gleich nach dem Eintreten, einen Tee. Blutrot schimmert er im geschliffenen Whiskeyglas. Hibiskus aus Mexiko hat Caterina aufgegossen und mit Birkenzucker gesüßt. Die Berliner Künstlerin zeigt erst einmal ihre Fotoarbeiten, man versinkt zwischen bunten Sofakissen. Die Wohnung ist sparsam und elegant eingerichtet, an eine unverputzte Wand sind Szenen im Comicstil gezeichnet. Kunstfotos oder Tierschädel hängen überall. Ein Raum ist ein Fotostudio. Lässiger Elektro läuft im Hintergrund. Und dann stellt sich ein Gefühl ein, das man weder kaufen noch buchen kann: das Gefühl, unter Freunden zu sein.

          Solche aufregenden Unternehmungen, übersichtlich auf einen Blick geordnet, gab es wahrscheinlich noch nie. Auch wenn der Markt seit Jahren existiert. Auch TravelLocal, Vayable oder Showaround vermitteln kleine Touren und Führungen. Und das Start-up Withlocals, das genauso funktioniert, hat vor wenigen Wochen weitere Millionen in sein Geschäft mit „privaten Touren und Aktivitäten“ gepumpt. Doch diese Angebote wirken weniger ausgefallen. Der Anbieter Airbnb dagegen mischt nun, kaum dass er sich einem Geschäftsfeld gewidmet hat, den Reisemarkt ernsthaft auf.

          Caterina Rancho heißt die Berliner Künstlerin, deren „Experience“ wir uns ansehen. Ihre Arbeiten machen einen intensiven und professionellen Eindruck, manches erinnert an Gregory Crewdson, den Meister hoch inszenierter, unheimlicher Bilder. Anderes wirkt gewagt und schrill, ein Schuh ist auf einem knallweißen Bild mit einem Gehirn gefüllt, auf einem anderen liegen halbnackte Menschen farbverschmiert auf einem Dach, das entstand für ein Modelabel. So nah an der Arbeit einer Fotokünstlerin dürfte man selten sein.

          Und doch kann das zurzeit jeder. Denn Rancho bietet Fotoshootings bei „Airbnb Experiences“ an, jener neuen Rubrik des Online-Marktplatzes für Ferienunterkünfte. Jetzt kann man bei dem Silicon-Valley-Giganten nicht nur Zimmer buchen, sondern auch kleine Unternehmungen, sozusagen Erlebnisse: Stadtführungen, Kochkurse, Tanzabende. Seit Mai gibt es diese „Experiences“ auch in Berlin – bisher die einzige deutsche von weltweit 40 Metropolen mit diesem Angebot. Derzeit sind 50 Erfahrungen in der deutschen Hauptstadt buchbar, darunter Graffiti–Sprühen, Craft-Beer-Touren, Fotografieren in Szenevierteln wie Kreuzberg, Kalligraphie oder auch „überwinde deine sozialen Ängste“ durch „Improvisation auf der Theaterbühne“. Und eine Musikerin behauptet, bei ihr könne jeder in drei Stunden einen Song schreiben – ohne musikalische Kenntnisse.

          Unsinnig bis spektakulär

          Die Angebote umfassen von unsinnig bis spektakulär so ziemlich alles, und auch ganz normale Stadtführungen sind dabei. Jeder kann diese Unternehmungen anbieten, man wird vorher nur kurz von Airbnb geprüft. Damit öffnet sich der Reisemarkt nun für Privatleute, die irgendeine Kompetenz anbieten können. Grenzen gibt es dabei keine. In den Vereinigten Staaten kann man auch schon Experiences buchen wie: Wölfe streicheln, Seilakrobatik im Zirkus oder Stand-up-Comedy lernen. Zwanzig Prozent der Einnahme nimmt immer Airbnb.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.