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Air Berlin : Letzte Runde

  • Aktualisiert am

Die roten Handschuhe der Stewardessen bei Air Berlin verteilen keine Herzen mehr. Ende Oktober stellt Air Berlin den Flugbetrieb ein. Bild: airberlin

Hinterher sind immer alle schlauer, aber ein bisschen war es schon abzusehen, dass das nicht gut gehen konnte mit Berlins Fluglinie. Sechs Erinnerungen an Air Berlin.

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          Ob verlorene Koffer, rote Schokoladenherzen oder unvergessliche Partys: Mit Air Berlin verbinden sich viele Erinnerungen. Doch die waren nicht unbedingt positiv.

          Partymeile Tempelhof

          „Der Achim“, wie Air-Berlin-Impresario und Firmenchef Joachim Hunold stets genannt wurde, konnte feiern wie kein anderer. Er pflegte sich mit einem Zirkel von prominenten und semiprominenten Freunden zu umgeben, die voneinander profitierten. Dazu gehörten Fernsehmoderatoren wie Sabine Christiansen und Johannes B. Kerner (unvergessen in seiner peinlichen Werberolle als „Air Berliner“ überlebensgroß für den verunglückten Börsengang 2006 trommelnd), aber auch Politiker wie Klaus Wowereit zeigten sich gern bei Hunolds Sausen. Die legendärsten Partys feierte Air Berlin am alten Berliner Stadtflughafen Tempelhof, als dieser noch geöffnet war für Flugzeuge. So auch am 17. Oktober 2005. Anlass damals: Air Berlin erhielt den ersten Airbus. An Bord dieses A320 flog ich mit diversen Ehrengästen, unter anderem dem damaligen Airbus-Chef Gustav Humbert, aus Hamburg direkt zur Party nach Tempelhof.

          Wir rollten vor die Halle, und als die Tür aufging, brach eine unglaubliche Licht- und Musikshow los. Ohrenbetäubend schallte der Air-Berlin-Firmensong über das ganze Vorfeld, eine surreale Erfahrung. Textprobe: „Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn, und ein Lächeln stets noch drin, Air Berlin.“ Ein verdammter Ohrwurm, den man nur schwer wieder los wurde. Kurz darauf landete Niki Lauda in einem zweiten, silbernen Airbus seiner Airline Niki, ihm als Air-Berlin-Partner wurde der gleiche Empfang zuteil. Danach ging die Sause in den Mega-Hangars von Tempelhof erst richtig los. Seine Mitarbeiter liebten „den Achim“ dafür, und genauso seine Promi-Riege, die Hunold an diesem Abend stolz durch die Menge führte. Alles drei Nummern zu groß, aber Spaß hatte man bis zum Abwinken. Ich bin dann doch lieber mit dem letzten Zug nach Hamburg zurückgefahren. Ach ja, der Jahresverlust 2005 betrug bereits fast 116 Millionen Euro. (Andreas Spaeth)

          Hängen in der Berliner Luft

          Ich hatte noch einen Koffer in Berlin. Das Problem war nur, dass ich schon in Salzburg stand. Denn Air Berlin war daran gescheitert, unser Gepäck mitzunehmen. Auf einem Direktflug. Was ein typisches Berlingefühl auslöste: die wütende Ohnmacht gegenüber den höheren Wesen des Transports, die man in dieser Stadt schnell zu spüren bekommt, sobald man hier nämlich zum ersten Mal dem Nachtbus hinterherrennen muss, dessen Rücklichter sich in die Dunkelheit entfernen, kalt lächelnd und zwei Minuten zu früh.

          Beim Flug nach Salzburg aber war eigentlich alle Zeit der Welt gewesen, vielleicht hatte gerade das ja die Sache erschwert, es war einfach zu einfach: Jedenfalls standen wir dort nun in Salzburg, unsere Wanderhosen aber lagen noch säuberlich gefaltet im Terminal C von Tegel herum, in dem Air Berlin zu Hause war und in dem wir nach Rückflügen oft länger am Gepäckband warteten, als wir vorher in der Luft gewesen waren. Irgendwas hatte Air Berlin gegen Koffer. Ich bin mir sicher, eines Tages, wenn die Warterei auf den neuen Flughafen vorbei ist und sie Tegel tatsächlich schließen, finden sie ein unterirdisches Lager mit Wechselwäsche, das es nicht rechtzeitig an Bord geschafft hat. Goodbye to Air Berlin, ich hab’ mich schon vor Jahren verabschiedet. (Tobias Rüther)

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