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Air Berlin : Letzte Runde

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Zu Hilfe, das Essen kommt

Wir kamen aus der Hölle des All-Inclusive-Cluburlaubs, zum ersten und letzten Mal, und zwei Wochen Kampf am Buffet können einem schon recht schwer im Magen liegen. Im Flugzeug zurück sollte etwas Leichtes her, ich träumte von Gemüse, leicht gedünstet, notfalls Salat.

Der letzte macht das Licht aus: Am späten Abend treffen heute die letzten Maschinen in Berlin und Düsseldorf ein.

Nun ist es ja im Jet über den Wolken doch recht laut, und deswegen verstand die Stewardess die Frage mehrmals nicht. Dann aber doch: „Etwas Vegetarisches? Äh, nö . . . haben wir nicht“, sagte sie, hatte aber eine Idee: „Nehmen Sie doch das Huhn!“ Getrieben von Hunger nahm ich es, und es kam eine stückige Pampe, rot, käsig, zäh. War das wirklich Fleisch oder doch irgendetwas aus dem Baumarkt? Silikon? Ich ließ das knorpelige Geschnetzelte wieder zurückgehen, was natürlich niemanden interessierte. Irgendwo in der Luft über den Pyrenäen beschloss ich dann, Vegetarier zu werden. Seit diesem Flug mit Air Berlin aß ich nie wieder ein Lebewesen, in gewisser Weise verdankt die Welt dieser Fluggesellschaft einen Vegetarier mehr – und es heißt doch immer, dass wir der Ökobilanz wohl tun.

Air Berlin hat dann allerdings, ganz kurz vor dem Ende, etwas Wunderbares eingeführt: „Airgusto“ war ein Service, der Menüs aus Berliner Restaurants direkt ins Flugzeug lieferte. Man musste nur vorab bestellen. Es gab echte Teller und echtes Essen an den Sitzplatz, und es schmeckte hervorragend. Zu spät aber, zu spät! (Thomas Lindemann)

Staatsbesuch in Chicago

In Transatlantikflügen suchte Air Berlin in den letzten Jahren ihr Heil. Ausgerechnet. Kaum irgendwo auf der Welt gibt es so viele Überkapazitäten und Preiskämpfe wie über den Großen Teich. Keine nachhaltige Strategie. Am 23. März 2013 drängelten sich Passagiere und Ehrengäste im übervollen Abfluggate des viel zu engen Flughafens Tegel. Anlass: der Erstflug von Air Berlin nach Chicago. Blasmusik, Buffet und Reden. Hartmut Mehdorn, ehemaliger Bahnchef, hatte seinen Posten als Air-Berlin-Chef gerade verloren, war stattdessen Chef der Berliner Flughäfen geworden. Als solcher verabschiedete er die Gäste des Erstflugs, darunter der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Ich war auch geladen, als Journalisten hatten wir die klare Anweisung, den Regierenden nicht anzusprechen, er mochte unsere Zunft nicht, aber Air Berlin wollte auf Presse nicht verzichten.

Ich stand stumm neben Wowereit, als Hartmut Mehdorn auf mich zutrat und mich unvermittelt mit den Worten begrüßte: „Hallo, ich bin ein alter Sack.“ Wirklich. Wowereits indignierten Blick werde ich nie vergessen. Aber die Schrulligkeit von Mehdorn brach das Eis. Später, nach dem Start in Richtung Chicago, pfiff sich der Regierende einige Reihen vor mir ein paar Mini-Campari rein, dazu gab es Currywurst von der „Sansibar“, und ab da war die Stimmung den Rest der Reise bestens. Nicht dass in Chicago wirklich jemand sehnsüchtig auf neue Air-Berlin-Flüge gewartet hätte, aber der damalige Allianzpartner American Airlines richtete immerhin einen kleinen Empfang aus. Wowereit fand die Reise spätestens gelungen, als ihn im Terminal Reisende aus Berlin begeistert erkannten. Ein Geschäft wurde die Route leider nie, American Airlines ließ Air Berlin im März dieses Jahres fallen, der letzte Chicago-Flug verließ Tegel im September. (asp)

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