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Air Berlin : Letzte Runde

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Von Herzen und von Tränen

Man soll ja nicht nachtreten, wenn jemand am Boden liegt oder endgültig am Boden bleiben muss, wie das bei Flugzeugen heißt. Aber wenn man sich versucht zu erinnern, was einem einfällt, wenn man an Air Berlin denkt, dann kommt da, erstens, das Bild der schütterhaarigen Angestellten, die so aussahen, als hätten sie erst ihr Gepäck und dann sich selbst aufgegeben, und die nach der Landung in München aus dem ihnen hingehaltenen Körbchen zwei der in rotes Staniolpapier gewickelten Air-Berlin-Milchschokoladen-Herzen schnappten und sich im Zubringerbus wolfsartig in den Mund stopften, in diesem Bus, der, als halte er sich für Odysseus, auf labyrinthischen Wegen endlos lange durch die morgendliche Kälte über das berauhreifte Rollfeld bis zu einem aus Pressspanplatten zusammengezimmerten Billigterminal kreuzte (die Busfahrten zum Terminal waren gefühlt oft länger als der Flug).

Das, was Air Berlin für ein Huhn hielt, hat einen Mann zum Vegetarier gemacht: Bordservice zwischen London und Leipzig.

Zweitens die hemdsärmeligen, aggressiven Editorials des Air-Berlin-Gründers Hunold im Bordmagazin, die mit der Regel brachen, dass diese Art von Zeitschriften unterhalten, aber den Kunden nicht mit politischen Polemiken auf die Nerven gehen sollen. Und, drittens und vor allem, die Tränen eines sehr kleinen Mädchens, das auf dem Weg zum Flughafen mit seinem Vater sehr lange im Stau stand und trotzdem noch eine Dreiviertelstunde vor Abflug am Check-in war, was bei Lufthansa locker noch ausgereicht hätte, bei Air Berlin aber nicht, wie die hartherzigen Gestalten am Counter ungerührt erklärten, bevor sie, kostenpflichtig, zwei neue Tickets für den nächsten Tag ausstellten. Kalte rote Herzen, Hunold, weinendes, um einen Ferientag am Meer gebrachtes Kind: Es gibt Dinge, die verzeiht man nicht, egal wie viel Schokolade die Übeltäter einem später hinhalten. (Niklas Maak)

Der Algorithmus war schlauer

Der Urlaub neigte sich dem Ende zu, da will man möglichst direkt nach Hause. Deswegen nimmt man das Flugzeug. Und bucht bei der Airline, die zwei Jahre zuvor, als es auch schon Onlinebuchung und E-Mail gegeben hatte, vergessen hatte, einen zu informieren, dass dem lange gebuchten Nonstopflug von Berlin nach Neapel nun ein Zwischenstopp in Catania untergeschoben worden war. Klar, selber schuld, dass man die noch mal nimmt. Egal. Der Hinflug nach Florenz war störungsfrei, aber dann, nach Aufgabe des Gepäcks und Passieren der Sicherheitskontrolle, war da plötzlich eine seltsame Mail auf dem Smartphone. Mit einem Flugplan nach Berlin für den Folgetag, über München. Es war noch eine Stunde bis zum Flug via Stuttgart.

Das Gespräch mit der Fachkraft am Gate war unergiebig, obwohl ich ihr die Mail zeigte. Könne nicht sein, nein. Als ich das Gate verließ, die Kontrolle in umgekehrter Richtung passierte und den Air-Berlin-Schalter in der Halle aufsuchte, konnte das Personal sich die Mail nicht erklären. Auf Deutsch nicht, auf Englisch nicht, auch nicht auf Italienisch. Bei der Rückkehr zum Gate hielt die Anzeige unbeirrbar noch am Abflug fest, als dessen Zeitpunkt längst verstrichen war. Und niemand dort, den man hätte fragen können. Dass die Maschine gar nicht abgeflogen war in Stuttgart, erfuhren wir erst, als wir in einem Stadtrandhotel eintrafen, das offenbar nur für Reisende wie uns errichtet worden war. Wir flogen dann, der Mail-Prophezeiung gemäß, fast 24 Stunden später über München nach Hause, mit Lufthansa. Wenn das Personal nicht weiß, was die Algorithmen längst wissen, kann das kaum gut gehen auf Dauer. (Peter Körte)

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