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Ahornsirup in Québec : Orgien im Zuckerschuppen

  • -Aktualisiert am
Schon die indianischen Ureinwohner wussten, wann der Ahornsaft in die Rinde steigt.

Mont-Tremblant ist eine autofreie Skistation aus der Retorte. Seilbahnen führen nicht nur zu den Pisten, sondern auch über die Alice-im-Wunderland-Architektur von Hotels, Feinkostläden und Modeboutiquen. Wer abends ausgehen will, kann zwischen Restaurants mit Champagnerbar und Hummerbuffet auswählen. Doch das Gros der Après-Ski-Klientel steigt lieber ins Auto, um zu einer der umliegenden Zuckerhütten zu fahren.

Die beliebte Adresse im Skiresort ist La tablée des pionniers in Saint-Faustin-Lac-Carré. Auffallend viele Frauen finden sich zum Ahornsirup-Schmaus im rustikalen, von Gitarren-Livemusik aufgelockerten Ambiente ein. Das hat wohl damit zu tun, dass Chefkoch Louis-François Marcotte nicht nur ein erfolgreicher Autor von Rezeptbüchern und Moderator von Kochsendungen ist, sondern in den Klatschmagazinen gerne als „Sexsymbol hinter dem Herd“ gefeiert wird. Die Männer interessiert eher, dass die Sucrerie eine gutbestückte Bar hat.

Dies ist selten, denn wegen der teuren Schanklizenz bieten die meisten Zuckerschuppen keine alkoholischen Getränke an. Jeder ist frei, seinen eigenen Wein oder sein eigenes Bier mitzubringen. Einer der Eigentümer von La tablée des pionniers führt gleichzeitig das Weingut Vignoble Rivière du Chêne in Saint-Eustache in der Peripherie von Montréal. So ist das Angebot an heimischen Tropfen entsprechend groß. Und ein Gewächs, das ausgezeichnet zum hier servierten, kanadischen Cheddar-Käse passt, ist L’Adélard, ein mit Ahornsirup aromatisierter Weißwein.

Pop-up-Restaurants mit Ahornsirup-Speisekarten

Wenn es um moderne Interpretationen von klassischen Ahornsirup-Rezepten geht, überbieten sich Québecs Küchenmeister an Einfallsreichtum. Das war nicht immer so. Besonders im kosmopolitischen und kulturell auftrumpfenden Montréal rümpften die Haute-Cuisine-Meister lange die Nase über die hausbackene Oma-und-Opa-Kost ihrer Kollegen in den Wäldern. Doch Lokalpatriotismus und Geschäftssinn haben dazu geführt, dass während der süßen Jahreszeit nun auch in Montréal Pop-up-Restaurants mit Ahornsirup-Speisekarten aus dem Nichts entstehen. Besonders populär sind die Monate im Voraus ausgebuchten Cabanes urbaines im Entertainment-Komplex La Scena am Ufer des Sankt-Lorenz-Stromes.

Holzfällerkost, kalorienreich: Klassisches Frühstück mit Pancakes, Schinken, Ei – und Ahornsirup.

Mit phantasievollen Dekors wird hier für kurze Zeit ein schmuckloser Veranstaltungssaal zu einer farbenfrohen Sucrerie, in der der Aperitif, Prosecco mit Ahornsirup, in Weckgläsern serviert wird. Die ausgefallenen Speisen werden jedes Jahr vom bekannten Chef Laurent Godbout kreiert, der aus Québec stammt. Obwohl er meistens in Florida lebt, wo er in Palm Beach das Restaurant „Chez l’Epicier“ führt, verschlägt es ihn jedes Jahr zum gastronomischen Heimspiel nach Montréal. Zum Ahornsirup greift er, um exotische Kompositionen aufzupeppen, etwa Krabbenchips, Hummus aus Butternusskürbis, pochierte Eier mit Räucherlachs, Rindertrockenfleisch mit Soja, Truthahn-Buletten mit Ricotta oder Blätterteigtaschen mit Kalbsbries.

Als zirkusreifes Finale schwebt von der Decke ein mit Ernteeimern dekorierter Leuchter, auf dem die Desserts angerichtet sind. Die Gäste sind aus dem Häuschen, entern das Leckereien-Buffet, tauchen Macarons und Petits Fours in ein Sirup-Fondue und langen zu, als ob sie monatelang gefastet hätten. Es scheint, als ob der Ahornsirup-Rausch nie enden würde, selbst dann nicht, wenn die letzte Schneeflocke des Winters vom Himmel herabtänzelt.

Die süße Lust der Kanadier

Unterkunft: In Trois-Rivières befindet sich in einem historischen Bankgebäude das Design-Hotel Oui Go!, Doppelzimmer ab 95 Euro (www.hotelouigo.com). Das Öko-Resort Baluchon in Saint-Paulin betreibt eine eigene Zuckerhütte, zu der die Gäste mit dem Pferdeschlitten gefahren werden. Doppelzimmer ab 150 Euro (www.baluchon.com). Im Bed & Breakfast-Chalet Le Lupin in Mont-Tremblant bereitet Hausherr Pierre Lachance zum Frühstück Ahornsirup-Pfannkuchen zu. Doppelzimmer ab 115 Euro (www.lelupin.com). Das Hôtel Nelligan in der Altstadt von Montréal erinnert an den Poeten Emile Nelligan, den „Rimbaud des Québec“. Doppelzimmer ab 130 Euro (www.hotelnelligan.com). 

Zuckerhütten: Die meisten Sucreries sind während der Ahornsirup-Saison geöffnet, die ungefähr von Ende Februar bis Ende April dauert. Wegen des Andrangs ist vorzeitiges Reservieren ratsam. Adressen und Öffnungszeiten der beschriebenen sowie weiterer Sucreries findet man auf der Internetseite www.quebecoriginal.com, die auch ausführlich über das gesamte touristische Angebot in Québec informiert.

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