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Ahornsirup in Québec : Orgien im Zuckerschuppen

  • -Aktualisiert am

Ein Wiesn-Wirt der Ahornsirup-Gastronomie

Während die tief im Wald verborgene, von Slowfood wegen ihrer regionalen Küchentradition ausgezeichnete Sucrerie Jean-Louis Massicotte eine der authentischsten und winzigsten Sirup-Fabriken ist, gehört die in Trois-Rivières gelegene Cabane A Sucre Chez Dany zu den rummeligsten und größten. Dany Néron ist so etwas wie ein umtriebiger Wiesn-Wirt der Ahornsirup-Gastronomie. Seine Hütte hat die Ausmaße eines mittleren Bierzeltes, und der Geräuschpegel von Hunderten durcheinander brabbelnder Gäste, Einheimische und Touristen Schulter an Schulter, kann es mit jedem Oktoberfestzelt aufnehmen.

Ein Apfel-Ahornsirup-Burger von Labonté de la pomme

„Um das Ende des strengen und langen Winters zu feiern, treffen sich die Leute mit Familie und Freunden zu ausgiebigen kulinarischen Ahornsirup-Partys.“ So erklärt Dany die Anziehungskraft der quirligen, vorwiegend in der Wildnis der Regionen Mauricie, Lanaudière und Laurentides beheimateten Zuckerschuppen. Die meisten haben nur während der Sirup-Saison geöffnet, die je nach Wetterlage von Ende Februar bis Ende April dauert. Einige wenige, wie Chez Dany, bieten ganzjährig Ahornsirup-Spezialitäten an.

Delikatessen, die Obelix zufrieden stellen würden

Um die Stimmung anzuheizen, steigt Dany stilecht im Holzfällerhemd mit rotem Karomuster auf die Bühne, auf der schon ein Hammondorgelspieler klimpert. Er schlägt sich mit Holzlöffeln rhythmisch zum Takt kanadischer Folkmusik auf die Oberschenkel, bevor er die Gäste zur Zelebration des Nachtischs nach draußen bittet. Wie in den meisten anderen Zuckerhütten ist das „tire sur neige“ unterhaltsamer Abschluss jeder Mahlzeit. Eine Mitarbeiterin von Chez Dany hat den Ahornsirup ein zweites Mal aufgekocht und gießt nun die klebrige Masse auf ein mit Eis bedecktes Brett. Dort wird der Sirup schnell mit Holzstäbchen aufgewickelt, ehe er festgefriert. Besonders die Kinder reißen sich um die so entstandenen Lollis. Ermahnungen der Eltern, die um die Zahngesundheit ihrer Zöglinge fürchten, verhallen wirkungslos.

Patrick Noël hat eine massive Statur, mit der er bestimmt einen Bären, die in Québecs Natur so häufig sind wie anderswo Feldhasen, niederringen könnte. Bären aber, lacht der Küchenchef, seien sicher nicht an der Menükarte seiner Sucrerie du Domaine in Chertsey am Rand des Ouareau-Regionalparks interessiert. Der hier heimische Schwarzbär sei Pflanzenfresser, und vegetarische Kost gehöre ja nicht gerade zum Repertoire des Blockhauses. Was Patrick Noël und seine Frau Julie als carnivore Delikatessen anbieten, würde eher einen Obelix zufriedenstellen: pizzagroße Tomahawk-Steaks, ganze Kessel voller Elch-Gulasch, unterarmdicke Räucherwürste. Patrick Noël zaubert auch feinere Gerichte, für deren Zubereitung er nicht an Ahornsirup spart.

„Pudding der Arbeitslosen“ aus Brotresten

Er verwendet den süßen Geschmacksverfeinerer genauso für Tatar von geräuchertem Forellenfilet wie für Gänseleber-Rillettes und lackiertes Spanferkel. Sein Bestseller ist der mit Ahornsirup beträufelte „pouding chômeur“. Der „Pudding der Arbeitslosen“, der eigentlich ein Kuchen ist, wurde während der Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre erfunden, da man für seine Zubereitung alte Brotreste verwenden konnte.

Die letzten Bastionen des hartnäckigen Winters in Québec sind die Skihänge von Mont-Tremblant. Während im hundertdreißig Kilometer südöstlich gelegeneren Montréal bereits mit Shorts und Blusen bekleidete Cocktailtrinker auf den Caféterrassen der Sonne entgegenblinzeln, wedeln die Skifahrer in einem der populärsten kanadischen Wintersportgebiete noch auf den letzten planierten Schneedecken.

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