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An den Ufern des Nils : Ein Dutzend Touristen zwischen Luxor und Assuan

  • -Aktualisiert am

Von den fünf Millionen Besuchern, die pro Jahr durch Oberägypten geschleust wurden, ist wenig geblieben. Bild: Picture-Alliance

An den Ufern des Nils zwischen Luxor und Assuan ist der Arabische Frühling in eine touristische Eiszeit übergegangen. Das grandiose Weltkulturerbe der ägyptischen Antike scheint dort der Vergessenheit anheimzufallen.

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          Es ist die Stunde unserer Sprachlosigkeit. Kurz nach Sonnenuntergang stehen wir im halbdunklen Säulenhof des Amun-Tempels von Luxor, und weil sich dort außer uns nur noch ein Dutzend Besucher verlieren, herrscht plötzlich eine überwältigende Atmosphäre. So müssen wohl einst die Priester ihren Tempel erlebt haben, wenn sie das Heiligtum zwischen den aufwendigen Festlichkeiten für sich allein hatten und beim Versinken der Sonne hinter dem Wüstenhorizont ihren rituellen Verpflichtungen nachgingen.

          Sechsundneunzig gigantische Pfeiler säumen den Raum, stilisierte und überdimensionierte Abbilder der Papyruspflanze, die den Ägyptern als Symbol des Lebens und Gedeihens galt. Die Hieroglyphen darauf können wir nicht entziffern, der Obelisk und die gewaltigen Ramses-Statuen am Eingang sind uns auf einmal ebenso gleichgültig wie die kunstvollen Reliefs an den Tempelwänden, die Geschichten von Kriegen, Prozessionen und ruhmreichen Pharaonen erzählen. In diesen Augenblicken verblasst auch das angelesene Wissen über die altägyptische Kultur, jegliche historische Sinndeutung verflüchtigt sich. Allein der kühne Gigantismus dieses Raumes mit seinem versteinerten Papyruswald hält uns in Atem und drängt nun die schönsten Details in den Hintergrund.

          So war es wohl damals beabsichtigt, und so wirkt es bis in die Gegenwart: Ihr Menschen seid bloß winzige, unbedeutende Wesen zwischen diesen kolossalen, den Gottheiten gewidmeten Monumenten, die uns Heutigen von einer Zeit berichten, als an den Ufern des Nils das erste zivilisatorische Leuchten zu einer kräftigen Flamme menschlicher Hochkultur wurde. Es ist ein ergreifendes Erlebnis, das schon Rainer Maria Rilke nach seiner Ägypten-Reise 1910 in unnachahmliche Poesie gegossen hat: „Und hier war das gefasst, / was nie verborgen war und nie gelesen: / der Welt Geheimnis, so geheim im Wesen, / dass es in kein Verheimlicht-Werden passt! / Bücher verblätterns alle: keiner las / so Offenbares je in einem Buche –, / was hülfts, dass ich nach einem Namen suche.“

           Ihr Menschen seid bloß winzige, unbedeutende Wesen zwischen diesen kolossalen, den Gottheiten gewidmeten Monumenten.

          Und doch ist auch die Gegenwart für einen Teil der Wirkung verantwortlich, denn die Beleuchtungstechnik projiziert einen zusätzlichen Zauber in die Werke der Antike. Wie eine moderne Lichtinstallation erscheinen die von hinten angestrahlten Säulenreihen, und dieser illuminierte Gleichklang wird beinahe avantgardistisch konterkariert, wenn man vom Säulenhof durch die Eingangshalle zurückschaut. Denn in der Sichtachse scheinen die blauen Lichter der Abu-el-Haggag-Moschee auf, die vor Jahrhunderten in die ägyptische Tempelanlage hineingebaut wurde und als eine Art kulturelle Brücke von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit fungiert. Diese zufällige Beleuchtungskomposition erscheint viel eindrucksvoller als jene aufdringliche Ton- und Lichtschau, die allabendlich wenige Kilometer weiter am Amun-Tempel von Karnak inszeniert wird.

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          Dort freilich hatten ein paar Stunden zuvor unsere altägyptischen Hochgefühle begonnen: im großen Säulensaal mit seinen hundertvierunddreißig Pfeilern, jeder dreizehn Meter hoch, manche an den Kapitellen mit geschlossenen Papyrusknospen, manche mit geöffneten Blütenkelchen. Zwar waren auf dem Gelände in Karnak noch eine ganze Reihe von Besuchergruppen unterwegs, aber in dem gigantischen Labyrinth aus Pylonen und Plattformen, Tempeln und Nebentempeln, Prozessionskapellen und Obelisken, die sich über eine Grundfläche von zwanzig Hektar erstrecken, zerstreuten sich die Menschen jenseits des Eingangs rasch. Zuvorkommend machten sich die Grüppchen wechselseitig Platz, wenn man sich doch einmal über den Weg lief.

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