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„Adults only“ : Wer braucht kinderfreie Hotels?

Sie müssen draußen bleiben: Kinder beim Toben im Urlaub Bild: dpa

Familienhotels und viele andere Unterkünfte sind inzwischen derart kinderfreundlich, dass sich viele Urlauber in ihrem Ruhebedürfnis gestört fühlen. Sind kinderfreie Hotels eine sinnvolle Lösung?

          Seit der Erfindung des Massentourismus führt uns der Urlaub in Parallelwelten, die nur unser Bestes wollen. Und im Lauf der Jahrzehnte hat sich die Angebotspalette immer weiter ausgedehnt. Wer gerne Golf spielt, geht in ein Golfhotel, wer dem Wandern zuneigt, fühlt sich in einem Wanderhotel gut aufgehoben, und wer gerne im Familienverband verreist und bestimmte Freizeitangebote für Kinder in nächster Umgebung nicht missen möchte, greift zum Familienhotelkatalog. Warum aber zuckt man trotzdem immer wieder zusammen, wenn in Katalogen oder im Internet bestimmte Angebote mit dem „Adults only“-Siegel beworben werden? Die Antwort liegt nahe: weil die entsprechenden Angebote, die Kinder erst ab zwölf, vierzehn, sechzehn, achtzehn Jahren oder in bestimmten Zeiträumen zulassen, alles andere als kinderfreundlich sind, moderne Gesellschaften die kleinen Racker aber unbedingt brauchen - ganz davon abgesehen, dass sie das Leben vieler Eltern ungemein bereichern.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die bekannteste Website für Erholungsbedürftige auf der Suche nach ungetrübter Urlaubsruhe heißt www.urlaub-ohne-kinder.info und listet „kinderfreie Hotels weltweit“ auf. Für Deutschland sind momentan achtundzwanzig Häuser verzeichnet: eine überschaubare Zahl. Erfunden wurden die Kinderfrei-Hotels offenbar in der Karibik, oft sind sie gerade international mit besonderen Wellness- und All-inclusive-Angeboten gekoppelt. Der Betreiber der Serviceseite im Internet musste sein Angebot schon in vielen Interviews rechtfertigen. Er legt Wert darauf, kein Kinderfeind zu sein, und betont, dass gerade auch gestresste Eltern kinderfreien Urlaub zu schätzen wüssten, wobei es sich dann meist um Romantik-Kurzurlauber handelt. Für Hochzeitsreisende gibt es eigene kinderfreie Spezialangebote - ein fast schon widersprüchliches Phänomen.

          Eine elegante Lösung

          Aber ist das Argument der Kinderfrei-Urlauber, das da lautet, die von ihnen bevorzugten Häuser seien Individualangebote wie andere auch, wirklich stichhaltig? Einwenden könnte man zum Beispiel, dass in Golfhotels ja auch Nichtgolfer unterkommen dürfen, in Adults-only-Hotels aber Menschen aufgrund eines bestimmten, höchst natürlichen Merkmals ausgeschlossen werden, was einer offenen Gesellschaft immer unwürdig ist. Die Kinderfrei-Gegner spitzen diesen Umstand dann noch gerne mit dem Gedankenexperiment zu, welche Reaktionen wohl zu erwarten wären, wenn man Seniorenfrei-Hotels anbieten würde. Auf der anderen Seite, nur der Fairness halber: Warum sollte man das tun? Senioren verstoßen normalerweise nicht gegen Ruheregeln, sie machen keine Po-Bomben am Pool und manschen nicht am Buffet. Es ist schon wahr: Wahrscheinlich waren Kinder noch nie so spontan und laut wie heute. Und man muss wohl auch eingestehen, dass kinderfreundliche Hotels, die dem Nachwuchs immer größere Freiheiten eingeräumt haben, damit indirekt die Nachfrage nach kinderfreien Hotels befördert haben.

          Aber müssen die Ruhehotel-Anbieter ausgerechnet mit einem Kinderverbots-Button für sich werben, mit dem sie ein unschönes gesellschaftliches Signal setzen? Es hat ja niemand etwas gegen sehr teure Hotels, in denen es viel Wellness, aber keine Betreuungsangebote für Kinder, keine Familienermäßigung, keine Beistellbetten und keine Planschbecken gibt. Solche Angebote sind zwar traurig, aber immerhin eine elegante Lösung, Familien gar nicht erst anzuziehen. Und es hindert auch niemand umtriebige Ferienspezialisten daran - wie es neuerdings gerade im Bereich der Großeltern-Enkel-Urlaubsangebote mit zum Teil erheblichem Aufwand immer häufiger geschieht -, neben den Gemeinschaftsräumen solche Bereiche einzurichten, in die sich überforderte Senioren vor ihren unerbittlich fidelen Enkeln zumindest zeitweise flüchten können. Für einen ruheoptimierten Urlaub sollten sich immer intelligentere Werbemaßnahmen als der Adults-only-Stempel finden. Kinderfreiheit darf nicht zum Suchwort für einen gelungenen Urlaub werden.

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