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Abschied von gestern (1) : Dort, wo die Glocken klingen hell

Die Kirche im Dorf, der Berg darüber: Bayrischzell am Wendelstein Bild: Freddy Langer

In diesem Tal liegt Bayrischzell. Besuch in einem Dorf, das man wie durch einen Zeittunnel betritt.

          14 Min.

          Fünfundvierzig Cent, sagt Willi Huber und zuckt kaum merklich mit den Schultern, mehr habe er an diesem Tag bisher nicht eingenommen. Für eine Briefmarke, sagt er. Und dass der Kunde seine eigene Ansichtskarte mit in den Laden gebracht habe, sagt er, und dann geht ihm doch, als würde ihm erst jetzt die Unverfrorenheit dieses Kunden vollends bewusst, ein wenig die Hutschnur hoch. Zumal es in Bayrischzell nirgendwo schönere Ansichtskarten gibt als in seinem Geschäft. Das allerdings sagt er nicht. Das stellt sich allmählich heraus, als er anfängt, Schachteln zu öffnen und Mappen aufzuklappen. Immer mehr Schachteln. Immer mehr Mappen. Immer höher wird der Stapel mit den Ansichtskarten. Viele von ihm fotografiert. Und dann sagt er irgendwann, fast beiläufig, dass in seinem Lager weitere fünfzigtausend liegen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Der Blick von links aufs Dorf hinunter, vom Seeberg aus. Der Blick von rechts aufs Dorf hinunter, vom Vogelsang aus. Der Blick die Hauptstraße hinauf, mit dem Wendelstein im Hintergrund. Der Blick die Hauptstraße hinunter, mit der Kirche im Zentrum. Die frühen Karten sind noch schwarzweiß, die späteren handkoloriert, die meisten freilich farbig. Und auf vielen steht als Urlaubsgruß ein zweizeiliger Reim, wonach Bayrischzell in einem Tal liegt, in dem die Glocken hell klingen.

          Die Motive ändern sich nur in den Details: Hier parkt ein Buckel-Mercedes vor einem Haus, dort ein VW-Käfer, da immerhin schon ein Opel Kadett. So lang ist das her! Der Ort hingegen scheint immer gleich. Bis plötzlich vor dem alten Rathaus das Brünnlein fehlt oder das neue Rathaus dort steht, wo zuvor das Bauernhaus des Steffhofs zu sehen war. Doch das bleiben letztlich Marginalien. Und man könnte Willi Huber nicht guten Gewissens den Chronisten des Ortes nennen, wenn er nicht auch die Taufen, die Kommunionsfeiern, die Hochzeiten, die Feste des Schützenvereins und alle Klassenfotos in der Grundschule aufgenommen hätte. Sechzig Jahre lang. Fast ein Menschenleben. Wer weiß, vielleicht könnte Willi Huber mit seinen Bildern nicht nur die Geschichte des Ortes erzählen, sondern in einer Art optischen Sturmschritts auch die all seiner Bewohner. „Foto Huber“ steht noch immer in Großbuchstaben über seinem kleinen Geschäft in der winzigen Fußgängerzone von Bayrischzell. Aber mit Fotografie hat Willi Huber kaum noch etwas zu tun. Heute verkauft er Andenken. Oder eben nicht.

          Noblesse in Trachtenjacke und Kniebundhose

          Es geht nicht mehr, sagt Willi Huber, der jetzt neunundsiebzig Jahre alt ist. Aus. Vorbei. Aber den Laden will er trotzdem nicht aufgeben. Den könne er gar nicht aufgeben, selbst wenn er wollte, sagt er. Er habe ja nichts anderes. Dann steht er einen Moment lang in all seiner Noblesse still da, in seiner Trachtenjacke und seiner Kniebundhose mit dem sehr scharfen Blick aus seinen sehr kleinen Augen, bevor er weiterkramt und ein Schwarzweißfoto von Adolf Hitler findet, wie der im offenen Wagen durch Bayrischzell fährt, und eines von Holzknechten, die sich am Berg aus dünnen Stämmen einen Unterschlupf gebastelt haben, und schließlich die Sicht vom Wendelstein hinunter auf den Ort, der aus kaum mehr besteht als einer Handvoll Höfe um die Kirche herum. Da freilich ist er schon im Archiv seines Vaters gelandet, Hans Huber. „Spezialgeschäft für Landschaftsfotografie“ ist auf die Rückseite der Bilder gedruckt.

          Mit vierzehn hat Willi Huber die Schule verlassen, um dem Vater in dessen Betrieb zu helfen. Das war 1948. Im Winter stand er tagsüber neben der Piste und fotografierte die Skifahrer, im Sommer lief er durch die Biergärten und fotografierte die Urlauber neben den Trachtlern. Nachts stand er in der Dunkelkammer und zog die Fotos ab, um sie tags darauf den Feriengästen zu verkaufen. Als diese allmählich ihre eigenen Kameras mitbrachten, entwickelte er eben deren Filme. Was bis achtzehn Uhr da war, konnte am nächsten Tag abgeholt werden. Das waren oft vier-, fünfhundert Abzüge. Sein selbstgebauter Schaukeltisch im Labor mit den drei Wannen für die Chemikalien stand kaum je eine Nacht still. Dann kam der Farbfilm, und Willi Huber gab die Filme jeden Abend dem Fahrdienst eines Großlabors mit in die nächstgrößere Stadt. Die Dunkelkammer gab er auf, aber das Geschäft lief weiterhin gut, und nebenher begannen er und seine Frau, jede Art von Reiseandenken zu verkaufen.

          Herr über tausend Souvenirs: Willi Huber in seinem Geschäft für Reiseandenken.
          Herr über tausend Souvenirs: Willi Huber in seinem Geschäft für Reiseandenken. : Bild: Freddy Langer

          Die Urlauber blieben damals drei Wochen im Ort. Und außerhalb der Saison waren zumindest die Ferienheime und das Sanatorium stets mit Kurgästen ausgebucht. Die Zeit arbeitete für die kleinen Läden. Vielleicht nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Mal, aber beim dritten Besuch in Hubers „Krempelladen“, wie er sein Geschäft jetzt selbst ein wenig missmutig nennt, kauften die Urlauber, als sie ihre Filme brachten und ihre Abzüge abholten, dann eben doch irgendein Souvenir. Ein Schnapsglas mit Aufdruck, einen Bierkrug mit Zinndeckel, einen Stocknagel oder einen jodelnden Teddybären in Lederhose. Und dann änderte sich plötzlich alles.

          Rosarot eingefärbte Erinnerung an die Massenspeisung

          Die Zahl der Gäste im Ort ging zurück. Die Aufenthaltsdauer verkürzte sich auf ein paar Tage. Die Fotografie wurde digital. Und niemand mehr wollte Andenken. Dabei hat Willi Huber bis heute davon zehntausend. Vermutlich sogar mehr. Der ganze Laden quillt über von Mitbringseln; manche mehr als ein Vierteljahrhundert alt und viele noch in D-Mark ausgezeichnet. „Dies ist kein Museum. Dies ist ein Geschäft“, hatte er eine Zeitlang ein Schild in seinem Schaufenster hängen. Aber es wäre wohl vernünftiger gewesen, das Gegenteil zu behaupten. Wenn ihm jeder, der seine Nase in den Laden steckt, einen Euro bezahlte, sagt Willi Huber, hätte er am Abend mehr Geld in der Kasse als jetzt. Obwohl den ganzen Tag über kaum jemand kommt.

          Es muss eine Zeit in Bayrischzell gegeben haben - so wenigstens erzählen es all jene, die einen Laden führen, ein Restaurant oder eine Pension - da waren die Bürgersteige entlang der Hauptstraße so voll mit Urlaubern, dass man in beiden Richtungen kaum vom Fleck kam und viele Fußgänger auf die Fahrbahn auswichen. Zu jener Zeit habe der Gasthof „Deutsches Haus“ jeden Mittag zweitausend Essen ausgegeben oder, wie einer es genannt hat: „rausgehauen“. Das entspräche mindestens dreißig Reisebussen. Aber vorsichtig angebrachte Skepsis wird unmissverständlich niedergebügelt. Doch, doch, so sei das gewesen in den Fünfzigern, den Sechzigern, auch in den Siebzigern noch, als der Ort sogar mit speziellen Ferienzügen angefahren wurde. Mag sein, dass die rosarot eingefärbte Erinnerung an die Massenspeisung im „Deutschen Haus“ eine Null hinzugefügt hat. Aber auch zweihundert wäre eine Zahl, von der die Gastwirte in Bayrischzell heute nur träumen können.

          Damals muss es auch ein Nachtleben gegeben haben, so einzigartig, dass selbst die Münchner am Freitagabend nach Bayrischzell gefahren sind. Da gab es die Nachtbar „Green Island“, die dem Schlagersänger Christian Anders gehörte. Da führte der Künstler Happ den „Lukas Keller“, den man nur über eine Rutsche erreichte. Im Heuschober lief bis zum Sonnenaufgang Musik. Und der Vater von Gunter Sachs soll überlegt haben, hier groß einzusteigen und ein Zentrum zu bauen wie in Innzell. Seine Freunde waren ja alle schon da: von Luckner, von Schönborn, Thurn und Taxis - die Liste derer, die zur Jagd her kamen oder hier gar ein Herrenhaus besaßen, liest sich wie das Register des deutschen Hochadels. Doch der Plan zerschlug sich. Und auch die Tennishalle wurde nie gebaut. Und nie der Golfplatz am Fuße des Wendelsteins, der der am höchsten gelegene Golfplatz Deutschlands hätte werden können.

          Die riesengroße Linde zu Ehren des Königs

          Das „Deutsche Haus“ im Übrigen gibt es seit einiger Zeit nicht mehr. Ein arabischer Investor hatte es gekauft, doch der Umbau stockte, und weil deshalb jahrelang eine Ruine die Umgebung des Dorfbahnhofs prägte, um es ganz vorsichtig zu formulieren, kaufte die Gemeinde irgendwann das Haus und riss es kurzerhand ab. Ein Spiel, das sich in naher Zukunft hoffentlich nicht wiederholt. Denn seit einiger Zeit schon wird ein Investor gesucht, der ein ehemaliges Ferienheim in ein Familienhotel umwandelt. Und das schönste Gasthaus im Ort steht zum Verkauf, weil der Sohn, der es übernehmen sollte, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Damit endet für den Familienbetrieb eine Geschichte, die sich zweihundert Jahre lang zurückverfolgen lässt.

          Bayrischzell ist der Traum von einem Dorf. Mit einer wunderschön ausgemalten Barockkirche im Zentrum. Mit einem wunderschönen Biergarten unter riesigen Kastanien unmittelbar gegenüber der Kirche. Mit einem Bauernhof wiederum gleich neben dem Gasthaus, vor dessen Tor sechs Kälber auf einer kleinen Weide stehen und fröhlich mit ihren Kuhglocken bimmeln. Mit einer riesengroßen Linde, die einst zu Ehren des durchreisenden Königs gepflanzt wurde. Mit einem Bach, der mitten durch den Ort führt und vor sich hin murmelt. Mit dem schönsten Hausberg, dem Wendelstein. Mit herrlichen Wanderwegen, von denen aus man bis in die Unendlichkeit blickt, dass einem schwindelig wird angesichts des Aufs und Abs der Gipfel und der gestaffelten Kämme von den Bechtesgadener Alpen bis zum Karwendelgebirge. Mit dem größten Skigebiet Deutschlands. Und mit einem kleinen Waldschwimmbad am Hang.

          Es ist ein Dorf wie aus dem Bilderbuch, dessen größter Reiz heute darin besteht, dass es mit seinen Reizen nicht protzt. Dass es seit Jahrzehnten keinen Trends mehr folgt. Was andernorts zum Modebegriff geworden ist und mit aufwendigen Konzepten eingeführt wurde, ist hier Alltag: Entschleunigung.

          Butzenscheiben und Bierkrugdeckelsammlungen

          Ein paar Jahre noch, und man könnte vielleicht den ganzen Ort, gerade so wie das Geschäft von Willi Huber, zu einem Museum erklären. Zu einem Idyll der Nachkriegszeit, der Wirtschaftswunderzeit. Und dann würde man vielleicht das alte Kino wieder öffnen und Abend für Abend den 1957 als derb-vergnügliches Lustspiel beworbenen Film „Der Bauerndoktor von Bayrischzell“ vorführen - mit Carl Wery und Beppo Brem in den Hauptrollen. Und wenn die Besucher anschließend durch die Straßen gingen, an den alten Häusern vorüber, von deren Balkonen die Geranien in Kaskaden hinunterstürzen, und wenn sie in die alten Gasthäuser gingen, mit den Butzenscheiben und den Bierkrugdeckelsammlungen an der Wand und den vielen bunten Scheiben vom Schützenverein, dann würden sie sagen: Schau, da hat sich ja kaum etwas verändert. Und dann können sie sich zwischen all den Spezialitäten von Schweinsbraten und -haxe bis Kalbsherz und Zwiebelfleisch nicht entscheiden, die hier seit Großmutters Zeiten auf der Speisekarte stehen und noch nie mit Adjektiven beschrieben wurden, so wie die Beilagen immer ohne Präposition aufgezählt werden.

          Dabei ist so vieles anders geworden. Dreißig Gaststätten hat es in Bayrischzell einmal gegeben. Jetzt sind es noch zehn. Viele Geschäfte und Handwerksbetriebe haben geschlossen. Die Zahl der Gästebetten hat sich halbiert, und auch die Zahl der Übernachtungen ist von dreihundertfünfzigtausend im Jahr 1983 um die Hälfte zurückgegangen. Statt der Urlauber kommen jetzt immer mehr Menschen, die hier wohnen wollen und die in Tegernsee arbeiten, in Miesbach oder gar in München. Es sei leichter, im Ort ein Hotel zu kaufen als ein Einfamilienhaus, heißt es. Was diese Menschen suchen und finden, ist Ruhe. Und so bewirbt denn auch die Sparkasse in ihren Immobilienangeboten ein Baugrundstück mit Blick auf den Wendelstein als „ruhige und zentrale Ortsrandlage“ - eine Formulierung, die in Bayrischzell so ziemlich auf jedes Grundstück zutrifft und womit auf wunderbare Weise auch gleich ganz Bayrischzell beschrieben ist.

          Es ist ein eigentümlicher Zauber, wenn man als Besucher morgens auf der Terrasse vor der Ferienwohnung frühstückt, mit Brötchen, die der Bäcker in aller Herrgottsfrühe in den Hausflur legt, und mit dem selbstgemachtem Gelee der Vermieterin. Statt Rasen gibt es im Garten eine Blumenwiese. Der Blick streicht über die Weide des Zellerbauern, bei dem man morgens die Milch holen kann. Sein Stier brüllt kurz auf, weil ihn der Bauer zu fest am Nasenring in den Stall zieht, in dem das Tier seiner Arbeit nachgehen soll, wie der Bauer das später nennen wird. Alle fünfzehn Minuten schlägt die Kirchturmuhr. Ein Kuckuck ruft. Und irgendwo hackt jemand Holz, das er anschließend in hübschen Mustern entlang der Hauswand stapeln wird, so wie hier alle ihr Holz in hübschen Mustern vor den Häusern stapeln. Sonst ist nichts zu hören. Kein Auto. Kein Flugzeug. Wer wissen möchte, was Beschaulichkeit ist, muss nach Bayrischzell fahren. Die Urlauber früher, denkt man dann, die wussten schon, weshalb sie hier immer gleich drei Wochen verbracht haben.

          Die schützenden Hände von Lilo Pollinger

          Und dann kommt die neunzigjährige Lilo Polllinger in einer Art Tracht, aber mit der modernsten Radlersonnenbrille im Gesicht, die Straße heruntergestapft und setzt sich auf einen Kaffee dazu, weil sie die Vermieterin des Hauses Schneider gut kennt und sich über jeden freut, der aus ihren Geschichten aus alten Tagen versucht, Lehren für die Zukunft zu ziehen.

          “Der Stacheldraht da drüben gehört endlich weg“, sagt sie, noch bevor sie richtig Platz genommen hat, und deutet auf den Weidezaun. Mit solchen Bemerkungen wurde sie längst selbst zum Stachel: im Gewissen des Orts. Sie halte, sagt diese kleine, fast winzigkleine Frau, ihre Hände schützend über das Dorf, so gut sie es eben könne. Schon siebzehnhundertsowieso, sagt sie, seien ihre Vorfahren von Brannenburg herübergekommen und hätten die Post übernommen, Gasthaus, Hotel und damals auch Kutschstation. Eine so lange Zeit sei das, da habe man auch eine Verantwortung. Und deshalb ließ sie vor gar nicht langer Zeit von ihrem eigenen Geld ein Marterl aufstellen, im Gedenken an die KZ-Häftlinge aus Dachau, die in den Kriegsjahren von 1941 bis 1945 auf halbem Weg zum Wendelstein hinauf, in zwölfhundert Metern Höhe, einen Musterhof geschaffen hatten. Ich habe die ja gekannt, sagt sie und schließt einen Moment die Augen, als versuche sie deren Gesichter aus der Erinnernung hervorzuholen. Sie hat sogar diesen Hof einige Zeit geführt, später, nach dem Krieg, allein, oben am Berg, als alles rationiert war und sie all ihre Erzeugnisse abgeben musste und das auch getan hat, worüber sie sich heute wundert, denn sie hätte ihre Butter damals besser schwarz gegen ein Paar Schuhe getauscht. Es hat ja damals weniger wie nix gegeben, sagt sie.

          Es gibt noch ein neues Denkmal im Ort. Vor der Kirche. Nicht neu aufgestellt, aber wieder so hergerichtet, dass der Marmor und die Goldinschrift jetzt um die Wette glänzen. Es erinnert an den Lehrer Josef Vogl, der gemeinsam mit fünf Freunden an einem Abend des Jahres 1883 im Jägerstüberl des Gasthofs Wendelstein den Gebirgstracht-Erhaltungs-Verein Bayrischzell gegründet hat, weil er merkte, dass die Traditionen verlorengingen und das Auftreten der Städter allmählich das Bild des Ortes bestimmte. In Bayrischzell erzählt man, es sei der erste Trachtenerhaltungsverein der Welt. Sein Erfolg hält bis heute an: Wenn die Männer zum Stammtisch gehen, tragen sie Lederhosen, und an ihren Hüten schwingt ein Gamsbart.

          Das mia tourismusmassig wieda a bisl auf d’ Fias kemman

          An Zufall mag man nicht glauben, dass der Ferienort sich ausgerechnet jetzt, da die Krise ihre Spuren zeichnet, seiner Geschichte besinnt. Der Heroen hier und der kargen Zeiten dort. Aber was genau zu tun ist, um an den wirtschaftlichen Erfolg vergangener Tage anzuschließen, ist niemandem so richtig klar. Wir hätten schon Ideen, sagen manche, aber wir haben nicht das Geld. Und andere fragen dann, wo es denn geblieben ist. Denn investiert hat in den guten Zeiten kaum jemand. So kann es einem passieren, dass man im Fremdenzimmer eines Bauernhofs in herrlichen Möbeln aus dem achtzehnten Jahrhundert schläft und sich fühlt wie im Schloss oder Museum - sich aber auf dem Flur mit den anderen Gästen ein Bad aus den fünziger Jahren teilen muss, dessen Museumstauglichkeit noch nicht vollends bewiesen ist.

          Vielleicht hat niemand das Problem Bayrischzells schöner formuliert als Andreas Thaler, der im Hauptberuf Spengler ist und im Nebenberuf Ski- und Bergführer, der aber in der verbleibenden Zeit das Bauerntheater von Bayrischzell leitet und dort ebenso als Schauspieler wie Autor zugange ist, so dass er sich diesen wunderbaren Satz für seine Rolle als Fremdenverkehrsdirektor in der Posse „A bärige G’schicht“ selbst in den Mund legte: „Man hod gemoant, es geht imma so weida! Und warum domois so fui zu uns kemma san, des woas ma bis heid no ned.“

          Es ist ein herrliches Stück, von dem Andreas Thaler mit entwaffnender Bescheidenheit sagt, es habe sich eigentlich von allein geschrieben - er habe dazu nur die Artikel und Leserbriefe aus der lokalen Presse ausschneiden müssen. Im Zentrum steht ebenjener Fremdenverkehrsdirektor, den der Bär Bruno auf die Idee für ein „gemeindliches, touristisches, sommerlochfüllendes, fremdenverkehrsförderndes, schlagzeilensicherndes Projekt“ gebracht hat, „dass mia tourismusmassig wieda a bisl auf d’ Fias kemman“: Ein Raubtier muss her.

          Heute geht um neun Uhr das Licht aus

          “Mei friara, do is hoid no wos ganga in da Saison. Do hosd mit 10 km/h durchn Ort fahrn miasn, sonst waarn da drei Herrische auf da Motorhaum omgsitzt“, ruft er jene Tag zurück, als das „Deutsche Haus“ nicht wusste, woher es all die Schweinshaxen nehmen soll. Doch die Übernachtungszahlen „san in den Keller grauscht, dass glei ois zschbad is!“ Und dann stellt er im Wirtshaus seinen Plan vor, jemanden im Kostüm einen Bären spielen zu lassen - ohne freilich zu ahnen, dass längst wieder ein Bär im Wald unterwegs ist. Was folgt, ist ein Techtelmechtel zwischen Fremdenverkehrsdirektor und Tourismusministerin, die im Ort urlaubt, eine Castingshow im Wirtshaus sowie das Poltern zweier sturzbetrunkener finnischer Jäger, deren Spiel die dadaistischen Aufführungen der zwanziger Jahre aussehen lässt wie das Krippenspiel an Weihnachten im Kindergottesdienst.

          Alle zwei Jahre tritt die Truppe, die gar keine Truppe ist, im Tanzsaal des Gasthofs „Post“ mit ihren Stücken auf, sechs, sieben Mal und jedesmal ausverkauft, und danach kann der Andreas Thaler sehen, woher er für die nächste Spielsaison wieder Leute findet. Und dann erzählt auch er, der doch gar nicht so alt ist, von früher, als läge es Generationen zurück, und sagt, dass man doch früher nur ins Wirtshaus hatte gehen müssen, um zu sehen, wer sich für die Bühne eigne. Die standen dort nachts um zwölf oder eins auf den Stühlen und Tischen und schwangen große Reden und sangen in den schiefsten Tönen das gesamte bayerische Liedgut durch. Aber heute? Da schaltet der Wirt um neun das Licht aus, weil alle Gäste nach Hause gegangen sind.

          Ja, sagt dazu Werner Kastl, der Wirt vom „Wendelstein“, ja, das stimme leider. Früher, sagt er, da sei bei ihm jeden Abend Heimatabend gewesen, ob er gewollt hätte oder nicht. Heute veranstalte er einmal im Jahr einen, und dann stünden dreißig Musiker auf der Bühne und im Saal säßen fünfundzwanzig Gäste. Selbst am Stammtisch kommen heute nur noch ein paar Mann zusammen, wo sich früher ganze Kohorten trafen.

          Neue Bedürfnisse in Fruity Pink

          Auch sein Lokal gleicht einem Museum, mit den schönsten Leuchtern, die man sich vorstellen kann: Lüstermanderl und Lüsterweiber - Lampen, bei denen aus Hirschgeweihen verrückte Figuren erwachsen wie früher die nackten Weiber am Bug von Segelschiffen. Aus Burgen und Jagdhäusern hat Werner Kastl sie zusammengetragen: Heiligenfiguren, Jäger, Bauern, Menschen in Tracht. Das da, sagt Werner Kastl, und deutet mit einer seiner beiden Krücken an die Decke des Raums, das da hing sogar mal in einem Hohenzollernschloss. Es ist eine warme, kuschelige Atmosphäre, die das Licht dieser Lampen verbreitet.

          Schuld daran, dass niemand mehr in die Wirtshäuser komme, sagen manche, sei die „Sportalm“. Ein neues Lokal in einer der drei Tankstellen, die allesamt dichtgemacht haben, weil man in Österreich, nur ein paar Minuten entfernt, viel billiger tanken kann. Dort treffen sich die jungen Leute, sitzen unter riesigen Bildschirmen und verfolgen Sportveranstaltungen irgendwo auf der Welt. Es ist ein Kommen und Gehen, und selbst nach Mitternacht poltert noch eine ganze Gruppe hinein. Klar gibt es noch ein Bier, sagt der junge Mann hinter der Theke, auch zwei oder drei - und wundert sich über die Frage.

          Es ist eine neue Generation, die vorsichtig nach Bayrischzell greift, die Kinder derer, die noch die große Zeit erlebt haben, aber alle schon so alt, dass sie selbst längst eine Familie haben oder deren Kinder sogar schon aus dem Haus sind. Josef Eberhardt hat ihnen vorgemacht, wie man behutsam ein Konzept ändert, als er die Andenken und Enzianfläschchen in seinem Geschäft allmählich reduzierte, erst Mützen, Handschuhe und Wanderstöcke ins Programm nahm, dann immer mehr Sportartikel und schließlich alle alte Ware zu Sonderpreisen verramschte. Nun hat er ein Sportgeschäft, das sich den Bedürfnissen von Kurzurlaubern anpasst und seinen Bestand mit der Jahreszeit ändert. Ein Blick ins Schaufenster mit Schuhen und Rucksäcken in allen Farben von Fruity Pink bis Fairytale Green und wie die heute sonst noch heißen, setzt selbst dem fußlahmsten Feriengast den Floh ins Ohr, den Wendelstein besteigen zu müssen - oder zumindest adäquat gekleidet mit der Seilbahn hinaufzufahren.

          Die Konkurrenz ist Djerba und die Türkei

          Einen Laden weiter bieten die Heckmairs im Haus der Geschenke statt schmiedeeiserner Rumsteher und kupferner Kannen jetzt Dekoratives und Haushaltswaren im modernen Landhausstil an. Das kaufen auch die Einheimischen, wenn sie sich neu einrichten. Und schon hat Burgi Heckmair eine Vison: dass die Gewerbebetriebe des Orts sich zusammenschließen und mit einem gemeinsamen Prospekt in den Hotels der Umgebung für sich werben: für den Einkaufsausflug von Tegernsee her und von Schliersee. Denn nicht die Nachbargemeinden sind ihre Konkurrenten, das hat man begriffen, sondern Djerba, die Türkei und die Dominikanische Republik. Die junge Friseuse im Ort, die aus dem Rhein-Main-Gebiet kommt und den Salon übernommen hat, den der vorige Besitzer dreiunddreißig Jahre lang führte, ist schon mit von der Partie. Es dauerte ein paar Monate, bis die Einheimischen Vertrauen zu ihr fanden, aber jetzt sieht man plötzlich in den Wirtshäusern und im Supermarkt viel flottere Frisuren als früher. Und für die Trachtenfrisuren kommt die alte Friseuse dann und wann in den Salon und bringt sie der jungen Friseuse bei.

          Es gibt auch Neuerungen im Ort, die nicht unbedingt jedem gefallen, die aber zeigen, dass Bayrischzell, das einst Zollgrenzbezirk war, eben nicht mehr am Ende der Welt liegt. Das All-inclusive-Angebot in dem alten Gasthof „Alpenrose“ etwa, mit fünf Tagen zu 169 Euro, vertrieben über den Discounter Lidl. Oder der „Tannerhof“, einst Kurklinik und Sanatorium, der nun, in der vierten Generation, für mehr als sechs Millionen Euro zu einem Wellness-Hotel der Luxusklasse umgebaut wurde und dessen neue, vielfach prämierte Wohntürme am Hang so etwas wie die neuen Wahrzeichen des Dorfs geworden sind, auch wenn sie dort mancher mit den Wachtürmen entlang der früheren deutsch-deutschen Grenze vergleicht.

          Mit Rolfing und Heilfasten gegen den Burnout

          Der „Tannerhof“ ist ein Dorf im Dorf, das man gar nicht verlassen muss und das schon vor hundert Jahren argwöhnisch oder gleich mit Stielaugen beobachtet wurde, weil dort zur Freude der Bauernburschen, die Damen vom Korsett befreit worden sind und nackt in eiskaltes Wasser sprangen. Heute werden Therapien angeboten von Rolfing bis Mentastics, dazu Heilfasten und jede Form von Massage und was sonst alles gewünscht wird, um dem Burnout zu begegnen. Ein ehemaliger Bundespräsident zählt zu den neuen Stammgästen, im Dorf allerdings sieht man ihn eher nicht.

          In den großen Sälen und langen Korridoren des „Tannerhofs“ hängen seit einigen Tagen riesige Landschaftsfotografien von Christopher Thomas, der es mit seinen spektakulär schönen Bildbänden über München, Venedig und New York international zu gehörigem Ruhm gebracht hat. Nun hat er sich für seine elegischen, leeren, nebelverhangenen Motive in der Gegend um Bayrischzell umgeschaut. Es sind Szenen wie aus einer Märchenwelt. Verschwärmt. Verträumt. Phantastisch. Wenn diese Bilder es in die Welt hinaus schaffen, muss sich Bayrischzell um seine Übernachtungszahlen keine Sorgen mehr machen. Eine Ansichtskarten-Edition ist gerade erschienen.

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