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Abschied von gestern (1) : Dort, wo die Glocken klingen hell

Die schützenden Hände von Lilo Pollinger

Und dann kommt die neunzigjährige Lilo Polllinger in einer Art Tracht, aber mit der modernsten Radlersonnenbrille im Gesicht, die Straße heruntergestapft und setzt sich auf einen Kaffee dazu, weil sie die Vermieterin des Hauses Schneider gut kennt und sich über jeden freut, der aus ihren Geschichten aus alten Tagen versucht, Lehren für die Zukunft zu ziehen.

“Der Stacheldraht da drüben gehört endlich weg“, sagt sie, noch bevor sie richtig Platz genommen hat, und deutet auf den Weidezaun. Mit solchen Bemerkungen wurde sie längst selbst zum Stachel: im Gewissen des Orts. Sie halte, sagt diese kleine, fast winzigkleine Frau, ihre Hände schützend über das Dorf, so gut sie es eben könne. Schon siebzehnhundertsowieso, sagt sie, seien ihre Vorfahren von Brannenburg herübergekommen und hätten die Post übernommen, Gasthaus, Hotel und damals auch Kutschstation. Eine so lange Zeit sei das, da habe man auch eine Verantwortung. Und deshalb ließ sie vor gar nicht langer Zeit von ihrem eigenen Geld ein Marterl aufstellen, im Gedenken an die KZ-Häftlinge aus Dachau, die in den Kriegsjahren von 1941 bis 1945 auf halbem Weg zum Wendelstein hinauf, in zwölfhundert Metern Höhe, einen Musterhof geschaffen hatten. Ich habe die ja gekannt, sagt sie und schließt einen Moment die Augen, als versuche sie deren Gesichter aus der Erinnernung hervorzuholen. Sie hat sogar diesen Hof einige Zeit geführt, später, nach dem Krieg, allein, oben am Berg, als alles rationiert war und sie all ihre Erzeugnisse abgeben musste und das auch getan hat, worüber sie sich heute wundert, denn sie hätte ihre Butter damals besser schwarz gegen ein Paar Schuhe getauscht. Es hat ja damals weniger wie nix gegeben, sagt sie.

Es gibt noch ein neues Denkmal im Ort. Vor der Kirche. Nicht neu aufgestellt, aber wieder so hergerichtet, dass der Marmor und die Goldinschrift jetzt um die Wette glänzen. Es erinnert an den Lehrer Josef Vogl, der gemeinsam mit fünf Freunden an einem Abend des Jahres 1883 im Jägerstüberl des Gasthofs Wendelstein den Gebirgstracht-Erhaltungs-Verein Bayrischzell gegründet hat, weil er merkte, dass die Traditionen verlorengingen und das Auftreten der Städter allmählich das Bild des Ortes bestimmte. In Bayrischzell erzählt man, es sei der erste Trachtenerhaltungsverein der Welt. Sein Erfolg hält bis heute an: Wenn die Männer zum Stammtisch gehen, tragen sie Lederhosen, und an ihren Hüten schwingt ein Gamsbart.

Das mia tourismusmassig wieda a bisl auf d’ Fias kemman

An Zufall mag man nicht glauben, dass der Ferienort sich ausgerechnet jetzt, da die Krise ihre Spuren zeichnet, seiner Geschichte besinnt. Der Heroen hier und der kargen Zeiten dort. Aber was genau zu tun ist, um an den wirtschaftlichen Erfolg vergangener Tage anzuschließen, ist niemandem so richtig klar. Wir hätten schon Ideen, sagen manche, aber wir haben nicht das Geld. Und andere fragen dann, wo es denn geblieben ist. Denn investiert hat in den guten Zeiten kaum jemand. So kann es einem passieren, dass man im Fremdenzimmer eines Bauernhofs in herrlichen Möbeln aus dem achtzehnten Jahrhundert schläft und sich fühlt wie im Schloss oder Museum - sich aber auf dem Flur mit den anderen Gästen ein Bad aus den fünziger Jahren teilen muss, dessen Museumstauglichkeit noch nicht vollends bewiesen ist.

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