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Abschied von gestern (1) : Dort, wo die Glocken klingen hell

Butzenscheiben und Bierkrugdeckelsammlungen

Ein paar Jahre noch, und man könnte vielleicht den ganzen Ort, gerade so wie das Geschäft von Willi Huber, zu einem Museum erklären. Zu einem Idyll der Nachkriegszeit, der Wirtschaftswunderzeit. Und dann würde man vielleicht das alte Kino wieder öffnen und Abend für Abend den 1957 als derb-vergnügliches Lustspiel beworbenen Film „Der Bauerndoktor von Bayrischzell“ vorführen - mit Carl Wery und Beppo Brem in den Hauptrollen. Und wenn die Besucher anschließend durch die Straßen gingen, an den alten Häusern vorüber, von deren Balkonen die Geranien in Kaskaden hinunterstürzen, und wenn sie in die alten Gasthäuser gingen, mit den Butzenscheiben und den Bierkrugdeckelsammlungen an der Wand und den vielen bunten Scheiben vom Schützenverein, dann würden sie sagen: Schau, da hat sich ja kaum etwas verändert. Und dann können sie sich zwischen all den Spezialitäten von Schweinsbraten und -haxe bis Kalbsherz und Zwiebelfleisch nicht entscheiden, die hier seit Großmutters Zeiten auf der Speisekarte stehen und noch nie mit Adjektiven beschrieben wurden, so wie die Beilagen immer ohne Präposition aufgezählt werden.

Dabei ist so vieles anders geworden. Dreißig Gaststätten hat es in Bayrischzell einmal gegeben. Jetzt sind es noch zehn. Viele Geschäfte und Handwerksbetriebe haben geschlossen. Die Zahl der Gästebetten hat sich halbiert, und auch die Zahl der Übernachtungen ist von dreihundertfünfzigtausend im Jahr 1983 um die Hälfte zurückgegangen. Statt der Urlauber kommen jetzt immer mehr Menschen, die hier wohnen wollen und die in Tegernsee arbeiten, in Miesbach oder gar in München. Es sei leichter, im Ort ein Hotel zu kaufen als ein Einfamilienhaus, heißt es. Was diese Menschen suchen und finden, ist Ruhe. Und so bewirbt denn auch die Sparkasse in ihren Immobilienangeboten ein Baugrundstück mit Blick auf den Wendelstein als „ruhige und zentrale Ortsrandlage“ - eine Formulierung, die in Bayrischzell so ziemlich auf jedes Grundstück zutrifft und womit auf wunderbare Weise auch gleich ganz Bayrischzell beschrieben ist.

Es ist ein eigentümlicher Zauber, wenn man als Besucher morgens auf der Terrasse vor der Ferienwohnung frühstückt, mit Brötchen, die der Bäcker in aller Herrgottsfrühe in den Hausflur legt, und mit dem selbstgemachtem Gelee der Vermieterin. Statt Rasen gibt es im Garten eine Blumenwiese. Der Blick streicht über die Weide des Zellerbauern, bei dem man morgens die Milch holen kann. Sein Stier brüllt kurz auf, weil ihn der Bauer zu fest am Nasenring in den Stall zieht, in dem das Tier seiner Arbeit nachgehen soll, wie der Bauer das später nennen wird. Alle fünfzehn Minuten schlägt die Kirchturmuhr. Ein Kuckuck ruft. Und irgendwo hackt jemand Holz, das er anschließend in hübschen Mustern entlang der Hauswand stapeln wird, so wie hier alle ihr Holz in hübschen Mustern vor den Häusern stapeln. Sonst ist nichts zu hören. Kein Auto. Kein Flugzeug. Wer wissen möchte, was Beschaulichkeit ist, muss nach Bayrischzell fahren. Die Urlauber früher, denkt man dann, die wussten schon, weshalb sie hier immer gleich drei Wochen verbracht haben.

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