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Abschied von gestern (1) : Dort, wo die Glocken klingen hell

Mit vierzehn hat Willi Huber die Schule verlassen, um dem Vater in dessen Betrieb zu helfen. Das war 1948. Im Winter stand er tagsüber neben der Piste und fotografierte die Skifahrer, im Sommer lief er durch die Biergärten und fotografierte die Urlauber neben den Trachtlern. Nachts stand er in der Dunkelkammer und zog die Fotos ab, um sie tags darauf den Feriengästen zu verkaufen. Als diese allmählich ihre eigenen Kameras mitbrachten, entwickelte er eben deren Filme. Was bis achtzehn Uhr da war, konnte am nächsten Tag abgeholt werden. Das waren oft vier-, fünfhundert Abzüge. Sein selbstgebauter Schaukeltisch im Labor mit den drei Wannen für die Chemikalien stand kaum je eine Nacht still. Dann kam der Farbfilm, und Willi Huber gab die Filme jeden Abend dem Fahrdienst eines Großlabors mit in die nächstgrößere Stadt. Die Dunkelkammer gab er auf, aber das Geschäft lief weiterhin gut, und nebenher begannen er und seine Frau, jede Art von Reiseandenken zu verkaufen.

Herr über tausend Souvenirs: Willi Huber in seinem Geschäft für Reiseandenken.
Herr über tausend Souvenirs: Willi Huber in seinem Geschäft für Reiseandenken. : Bild: Freddy Langer

Die Urlauber blieben damals drei Wochen im Ort. Und außerhalb der Saison waren zumindest die Ferienheime und das Sanatorium stets mit Kurgästen ausgebucht. Die Zeit arbeitete für die kleinen Läden. Vielleicht nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Mal, aber beim dritten Besuch in Hubers „Krempelladen“, wie er sein Geschäft jetzt selbst ein wenig missmutig nennt, kauften die Urlauber, als sie ihre Filme brachten und ihre Abzüge abholten, dann eben doch irgendein Souvenir. Ein Schnapsglas mit Aufdruck, einen Bierkrug mit Zinndeckel, einen Stocknagel oder einen jodelnden Teddybären in Lederhose. Und dann änderte sich plötzlich alles.

Rosarot eingefärbte Erinnerung an die Massenspeisung

Die Zahl der Gäste im Ort ging zurück. Die Aufenthaltsdauer verkürzte sich auf ein paar Tage. Die Fotografie wurde digital. Und niemand mehr wollte Andenken. Dabei hat Willi Huber bis heute davon zehntausend. Vermutlich sogar mehr. Der ganze Laden quillt über von Mitbringseln; manche mehr als ein Vierteljahrhundert alt und viele noch in D-Mark ausgezeichnet. „Dies ist kein Museum. Dies ist ein Geschäft“, hatte er eine Zeitlang ein Schild in seinem Schaufenster hängen. Aber es wäre wohl vernünftiger gewesen, das Gegenteil zu behaupten. Wenn ihm jeder, der seine Nase in den Laden steckt, einen Euro bezahlte, sagt Willi Huber, hätte er am Abend mehr Geld in der Kasse als jetzt. Obwohl den ganzen Tag über kaum jemand kommt.

Es muss eine Zeit in Bayrischzell gegeben haben - so wenigstens erzählen es all jene, die einen Laden führen, ein Restaurant oder eine Pension - da waren die Bürgersteige entlang der Hauptstraße so voll mit Urlaubern, dass man in beiden Richtungen kaum vom Fleck kam und viele Fußgänger auf die Fahrbahn auswichen. Zu jener Zeit habe der Gasthof „Deutsches Haus“ jeden Mittag zweitausend Essen ausgegeben oder, wie einer es genannt hat: „rausgehauen“. Das entspräche mindestens dreißig Reisebussen. Aber vorsichtig angebrachte Skepsis wird unmissverständlich niedergebügelt. Doch, doch, so sei das gewesen in den Fünfzigern, den Sechzigern, auch in den Siebzigern noch, als der Ort sogar mit speziellen Ferienzügen angefahren wurde. Mag sein, dass die rosarot eingefärbte Erinnerung an die Massenspeisung im „Deutschen Haus“ eine Null hinzugefügt hat. Aber auch zweihundert wäre eine Zahl, von der die Gastwirte in Bayrischzell heute nur träumen können.

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