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La Gomera : Hexen gibt es nicht

  • -Aktualisiert am

Urgewaltig ist auf La Gomera nicht nur das Meer. Bild: Markus Huth

Oder vielleicht doch? Auf der Kanareninsel La Gomera sind Aberglauben, Legenden und Mythen unzertrennlich mit der vulkanischen Landschaft verbunden.

          6 Min.

          Als die Dunkelheit naht, taucht der Gedanke auf, ob das hier wirklich so eine gute Idee ist. Sollten Hexen wirklich auftauchen, gäbe es nur zwei Optionen: Wegrennen oder Kontaktaufnahme. „Hallo, wie geht’s denn so? Bitte opfern Sie mich nicht dem Teufel.“ Vielleicht wäre Flucht doch besser. Die Einheimischen raten, Ärmel und Hosenbeine hochzukrempeln, das schütze vor bösem Zauber. Blöd nur, dass man im subtropischen Klima La Gomeras Shorts und Shirt trägt, da gibt’s nichts zum Krempeln.

          Plötzlich schrillt ein Schrei über die menschenleere Lichtung. War das ein Mensch oder ein Vogel? Die knorrigen Bäume am Waldrand winken wie zur Warnung mit erhobenen Ästen im Wind. Das aufgehende Mondlicht fällt direkt auf den mysteriösen Kreis aus Steinen im Zentrum der Laguna Grande, einer großen Lichtung hoch oben im Lorbeerwald der Kanareninsel. Hier sollen sich, da sind sich die Insulaner sicher, früher Hexen versammelt und allen möglichen Spuk veranstaltet haben. Noch heute gehe es nicht mit rechten Dingen zu.

          Das Übernatürliche ist ganz selbstverständlich

          Dass La Gomera den Beinamen „La Isla Mágica“ trägt, liegt nicht nur an den bezaubernden Berg- und Küstenlandschaften. In jedem Dorf bekommt man Geschichten von übernatürlichen Vorfällen zu hören. Eine Mischung aus dem europäischen Aberglauben spanischer Kolonisten und Legenden der gomeranischen Ureinwohner, gewürzt mit etwas Santería-Kult, einer Verbindung aus Mythen und Katholizismus, den zurückgekehrte Auswanderer aus Kuba mitgebracht haben. Kurzum: Obwohl die Gomeros gute Katholiken sind, ist die Existenz des Übernatürlichen für sie ganz selbstverständlich.

          Ein mysteriöser Kreis aus Steinen im Zentrum der Laguna Grande.

          Dass es Magie wirklich gibt, glaubt auch die 91-jährige Flora, eine der ältesten Frauen auf La Gomera. Sie lebt im kleinen Dorf Alojera, das sich an der Nordküste vor dem blauen Atlantik an einen Berghang krallt. Die Dorfbewohner betrachten Flora als weise Frau mit übernatürlichen Fähigkeiten. „Aber ich bin keine Hexe“, wehrt die rüstige kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren empört ab. Hexen würden „schwarze“ Magie zum Schaden einsetzen. Sie aber benutze „weiße“ Magie, um anderen zu helfen. Flora sieht sich als Heilerin, die per Fernzauber Krankheiten wie Grippe, Fieber, Bauchschmerzen oder Schlimmeres behandeln kann.

          Wer ihr kleines Haus unweit von Palmen und einem Weinberg betritt, dem fällt sofort die Vielzahl der Fotos auf, die die Wände und Tischchen der Zimmer schmücken. Sie zeigen Familienangehörige, für die Flora regelmäßig ihre magischen Heilkräfte wirken lässt. In Schränkchen und Schubladen liegen zusätzlich noch Fotos und persönliche Gegenstände von anderen Menschen, die wollen, dass die Heilerin ihnen hilft. Damit will Flora eine Verbindung zwischen sich, dem Patienten und der übernatürlichen Sphäre herstellen.

          Böse Blicke aus der Nachbarschaft

          Für Demonstrationszwecke nimmt die 91-Jährige die Mütze eines Kleinkinds in die Hand, das derzeit viel hustet. Sie schließt die Augen und murmelt wie in Trance spanische Worte. Es klingt nach Zaubersprüchen, sind aber christliche Gebete. Für Flora sind die Grenzen fließend. Sie ist davon überzeugt, dass ihre magische Kraft von Gott stammt. Wenn die Krankheit besonders stark sei, sagt Flora, müsse sie gähnen, weinen oder spüre Erschöpfung. Die Ursache des Übels ist meistens dieselbe: „böse Blicke“ von Feinden aus der Nachbarschaft. Stammt der böse Blick von einer Frau, spürt Flora Erschöpfung während des Ave Marias; stammt er von einem Mann, beim Vaterunser.

          Gibt es Hexen auf La Gomera? Zumindest Hexenführerinnen.

          Egal ob La Gomera oder anderswo: Neben Missernten und Naturkatastrophen sehen Historiker und Soziologen in Nachbarschafts-Konflikten eine Hauptwurzel im Glauben an Magie und Hexen. Während der Frühen Neuzeit wurden in Europa Zehntausende Frauen und Männer wegen Hexerei verbrannt. Nicht selten geriet die Jagd völlig außer Kontrolle, weil glaubenseifrige Kirchenmänner die Beschuldigten so lange folterten, bis sie wahllos etliche weitere Namen preisgaben.

          Auf La Gomera hatten die Hexen offenbar mehr Glück. „Hier wurden sie immer respektiert“, versichert der Mann mit dem grauen Vollbart. Chéito ist Floras Schwiegersohn, war stellvertretender Bürgermeister und ist Hüter zahlreicher Mythen und Legenden seiner Insel.

          Phantominsel im Atlantik

          Der Sechzigjährige lebt in einem Haus weiter unten am Hang neben einem großen Drachenbaum, in der Straße „San Borondón“, benannt nach einer sagenhaften Phantominsel. Links im Atlantik kann er bei gutem Wetter die Kanareninsel El Hierro sehen und rechts La Palma. Dazwischen liegt scheinbar nur Wasser. Doch der Legende nach (und weil ein irischer Mönch es im sechsten Jahrhundert falsch auf einer Karte eingezeichnet hat) befindet sich dort die unsichtbare Insel San Borondón. „Schiffbrüchige sollen dort von guten Menschen gerettet worden sein“, sagt Chéito.

          Obwohl er schon seit Jahrzehnten hier wohnt, gleicht sein Grundstück stellenweise einer Baustelle. Und auch daran sei Magie schuld. „Wir haben im Fundament einen seltsamen Klumpen gefunden, offenbar wollte uns jemand etwas Böses.“ Seine Schwiegermutter wusste sofort, was es war: eine Mischung aus Erde von einer Kreuzung, Tierblut und anderen Zutaten. Ein alter Zauber, um Unheil zu bringen. Doch statt den entsprechenden Gegenzauber zu veranstalten – den Klumpen in Kreuzform zerbröseln –, warf Chéito ihn verächtlich in den Dreck. Darum, da ist sich die Familie sicher, werde das Haus nie fertig.

          Stark im Glauben und Aberglauben.

          Immerhin kann er von hier direkt auf den Berg „Herrera“ schauen, der aussieht wie ein in den Himmel schnappendes Haifisch-Gebiss. Dort, sagt Chéito, seien nahe einer Höhle manchmal Lichter zu sehen: die Geister von verstorbenen Angehörigen. Auch an einem anderen Berg, dem imposanten Massiv „La Fortaleza“ im Landesinneren, in der Nähe des Ortes Chipude, wollen Insulaner seltsame Lichter gesehen haben. Chéito erzählt die Geschichte von einem Streit unter Piraten, die an der Stelle einen Schatz vergraben hatten. Aus Gier kam es zum mörderischen Streit. Seitdem schweben dort Piraten-Geister als Lichter umher. Den Spuk zu brechen sei einfach, meint Chéito: „Jemand muss an der Stelle sterben und seine Seele für die Piraten geben.“

          Es überrascht nicht, dass die Mythen und Legenden La Gomeras untrennbar mit der spektakulären Landschaft verbunden sind. Scharfkantige Felsen, faltige Hügel und tiefe Schluchten prägen die vulkanisch entstandene Insel. Hoch oben in der Mitte, wo sie sich anderthalb Kilometer über den Meeresspiegel erhebt, wächst ein dichter Lorbeerwald aus knorrigen, mit Moos bedeckten Bäumen. Hier wabern die Wolken, die der Passatwind gebracht hat und stürzen sich wie Zeitlupen-Wasserfälle in die Tiefe. Der nebelige Wald im Nationalpark Garajonay existiert seit Urzeiten und ist einer der letzten seiner Art. Wenn irgendwo Hexen und Magie überlebt haben sollten, dann hier.

          Hexen weinen im Mutterbauch

          Auf Straßen, die Schwindel verursachen, geht es immer weiter hinauf. Im Auto sitzen Floras Enkelin und Chéitos Tochter. Die junge Frau mit den grünen Augen und welligen brünetten Haaren hat sich bereit erklärt, mir einige magische Orte der Insel zu zeigen. Sie ist aufgeklärt und modern, benutzt Smartphone und Internet, hält viele Geschichten ihrer Oma für Quatsch. Zum Beispiel die, dass böse Ehefrauen ihren Männern regelmäßig Menstruationsblut in den Kaffee geben, um sie gefügig zu halten.

          Und doch: Ganz ausschließen will sie die Existenz des Übernatürlichen nicht. Hexen, erzählt sie, habe man früher daran erkannt, dass sie im Mutterbauch geweint hätten. So wie ihre Mutter und auch sie selbst. Auf La Gomera habe es drei Arten von Hexen gegeben: Böse vampirhafte Frauen, die Kindern das Blut aussaugten. Sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um übernatürliche Kräfte zu erlangen. Dann waren da noch blasse Gestalten in weißer Kleidung, die sich an heiligen Orten versammelten und weitgehend friedlich waren. Und schließlich klagende Weiber, die Wanderern erschienen und Unheil verkündeten.

          Das Auto hält oben neben dem Wald. Ein scharfer Wind pfeift durch die Bäume, ein enger Weg führt vorbei an Grün und Fels, direkt zu einem der magischsten Orte La Gomeras: der Quelle von Epína. Aus einer Natursteinwand plätschert klares Wasser aus sieben hölzernen Rohren in ein Becken. Wer es trinke, erklärt meine Führerin, finde die große Liebe. Doch der Zauber klappe nur in der richtigen Reihenfolge: Frauen müssen aus der geraden Anzahl Rohren und Männer aus den ungeraden trinken. „Aber Vorsicht: Das siebente Rohr ist nur für die Waldhexen“, insistiert sie.

          Der Felsturm des fiesen Zottelhundes

          Es geht weiter zu einem majestätischen Felsturm, der sich im goldenen Licht der Abendsonne hoch über ein grünes Tal erhebt. Das ist der „Roque de Agando“, angeblich der Sitz des höchsten Gottes der gomeranischen Ureinwohner. In Urzeiten, so will es die Legende, habe es daneben einen zweiten Felsen gegeben: Heimat eines bösen Gottes, der wie eine Art zotteliger Hund aussah. Der sei so neidisch auf den Obergott gewesen, dass er vor Wut die ganze Insel beben ließ, bis dem Agando seine schöne Felskrone abfiel. Als Vergeltung habe der Chefgott gleich den ganzen Felsturm des fiesen Zottelhundes verschwinden lassen. So lernten die alten Gomeros, niemals neidisch auf Nachbarn zu sein. Leider sei diese Tradition mit der Ankunft der Spanier im fünfzehnten Jahrhundert verschwunden, meint meine Hexen-Führerin und verzieht keine Miene.

          Während sich die Sonne immer weiter runter zum Atlantik senkt, biegt das Auto zu jener Waldlichtung ab, die Laguna Grande heißt. Es ist nach einhelliger Meinung der zentrale Hexenplatz der Insel. Umgeben von dichtem Lorbeerwald, bei gutem Wetter knorrig schön, bei Nebel erschreckend schaurig. Das erste Mysterium ist, warum auf dieser großen, fast kreisrunden Fläche keine Bäume wachsen. Liegt es am Boden, Magnetismus oder doch Magie? Das nächste Rätsel ist der Kreis aus vierzehn Steinen, die um einen größeren Monolithen angeordnet sind. Meine Führerin ist sich sicher: Hexen hätten ihn geschaffen. Bei Vollmond und am Johannistag tanzten sie nackt zum Klang der Trommeln und vollzogen teuflische Rituale. Die Insulaner erzählen Geschichten von Hirten, die hier plötzlich aus der Luft geschlagen wurden oder denen die Erinnerung an mehrere Stunden fehlte.

          Flora hext nicht, sondern heilt.

          Heute befindet sich rund um den Hexenkreis ausgerechnet ein Kinderspielplatz. „Keine Sorge“, beruhigt die Enkelin der Zauberheilerin, „die Hexen sind verschwunden, als die Elektrizität nach La Gomera kam.“ Heute ist die Lichtung beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Trotzdem ist etwas seltsam: Vor Einbruch der Dunkelheit beeilen sich alle Menschen zu verschwinden. Sogar das Personal des Lichtungs-Restaurants schließt rasch zu. So als ob niemand riskieren wolle, nicht doch auf einen bösen Zauber zu stoßen. Und als der schrille Schrei aus dem Wald hallt – sicher nur ein Vogel –, beschließt man, besser schnell wieder ins Auto zu steigen.

          Der Weg nach La Gomera

          Anreise Für internationale Flüge ist die Start- und Landebahn des Flughafens von La Gomera zu kurz, so dass Flugreisende überwiegend auf Teneriffa landen. Von diversen deutschen Städten gibt es Direktflüge nach Teneriffa (z.B. von Berlin oder Frankfurt). Auf Teneriffa kommt man mit der Fähre aus dem Ort Los Cristianos nach La Gomera (Ankunft in der Inselhauptstadt San Sebastián).

          Touren Offizielle Hexentouren gibt es nicht, dafür aber Wandertouren oder Wal-Beobachtungen.

          Informationen unter www.spain.info

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